Live hören
WDR 3 Hörertelefon: 0221-56789 333 (kostenpflichtig)

Imbolo Mbue: Neue Blickwinkel

Imbolo Mbue

Imbolo Mbue: Neue Blickwinkel

Das Leben in Amerika unter Präsident Trump hat auch persönliche Folgen: denn wenn Amerika in einer prekären Lage ist, dann kann das nicht nur an anderen Leuten liegen, so Imbolo Mbue in ihrem aktuellen Brief aus Amerika an WDR 3.

28. Juni 2017: Neue Blickwinkel

Liebe Freunde,

das Leben in Amerika unter Präsident Trump hat Folgen für mich: Es drängt mich, neue Blickwinkel zu finden. Es zwingt mich, nicht nur die Welt rund um mich, sondern auch mich selbst kritisch zu befragen, denn wenn Amerika  in einer prekären Lage ist, dann kann das nicht nur an anderen Leuten liegen. Nein, ich bin amerikanische Staatsbürgerin, und auf meine Gedanken, Worte und Werke kommt es im Kleinen wie im Großen genauso an wie auf die Gedanken, Worte und Werke anderer Leute rings um mich.

In letzter Zeit habe ich über Vorurteile nachgedacht. Mir fielen Beispiele ein, wie jemand mich wegen meiner Rasse oder meines Geschlechtes oder meiner Nationalität oder vielleicht nur wegen meines Aussehens, anders und, wie ich fand, unfair behandelte. Aber mitten in diesen Grübeleien fragte ich mich: Und wie war das, wenn du eine vorgefasste Meinung über andere Menschen hattest? Ja, reden wir darüber.

Die eigenen Vorurteile

Wisst ihr, ich habe gemerkt, dass wir dazu neigen, uns zu viel und zu lange bei dem aufzuhalten, was andere falsch gemacht haben, was sie stattdessen hätten machen sollen; über unsere eigenen Versäumnisse aber reden wir zu selten und zu wenig. Also werde ich euch jetzt nicht von den Vorurteilen anderer gegen mich erzählen, sondern davon, wie ich einmal eine andere Person vorverurteilte.

Das war letztes Jahr bei einem Fototermin. Mein Haar musste am Set in Form gebracht werden, bevor die Aufnahmen begannen, und ich hatte der Bildredakteurin schon Tage vor dem Fototermin gesagt, dass ich von einer Stylistin frisiert werden müsse, die sich mit Afros auskennt. Wisst ihr, mein Afro ist sehr eigenwillig. Er muss mit äußerster Sorgfalt und Fingerspitzengefühl behandelt werden. Man muss die richtigen Techniken beherrschen, denn eine falsche Bewegung und er gerät außer Rand und Band. Das hatte ich der Bildredakteurin erklärt, und sie hatte mir versichert, sie werde Stylisten finden, die sich ganz genau mit den Besonderheiten von Afros auskennen. Nachdem sie das versprochen hatte, war ich mir sicher, dass ich mit schwarzen Stylisten zu tun haben würde, denn der Afro einer schwarzen Person könnte nur von einer anderen schwarzen Person sachkundig frisiert werden, von wem sonst? Ich ging sogar so weit, mir vorzustellen, dass diese andere Person auch einen Afro trug und dass wir Geschichten über Sorgen mit und Freuden an unseren Haaren austauschen würden.

Ein Asiate als Afro-Spezialist?

Na ja, am Tag des Fototermins stellte ich mich am Set ein, die Bildredakteurin führte mich zu meiner Stylistin, aber die war ein Mann und ein Asiate! Ich war bestürzt, verbarg es aber gut. Ich lächelte den Stylisten an, und wir gaben uns die Hand, doch innerlich schrie ich. Oh nein! Das ist was schief gelaufen! Ich brauche eine schwarze Person, keinen Asiaten! Was versteht dieser Mensch aus Asien von einem Afro? Er wird mein Haar verderben! Hilfe, bitte!

Versteht ihr, als ich die Person vor mir betrachtete, sah ich keinen Haarstylisten. Ich sah einen Asiaten, der unmöglich wissen konnte, wie man mit meinem Afro umzugehen hat, und ihn nur verderben konnte. Aber was konnte ich in diesem Moment dagegen tun? Wie sollte ich diesen Mann daran hindern, mein Haar zu verderben? In solchen Situationen wütend und streitlustig zu werden, ist mir nicht gegeben, also holte ich tief Luft, und als es Zeit war, mit dem Styling zu beginnen, setzte ich mich nervös und betete, dass wenigstens der größte Teil meiner Haare die Behandlung überleben würde.

Ja, ich kann mir vorstellen, dass ihr schon wisst, wie diese Geschichte ausging. Der asiatische Haarstylist verpasste mir einen der besten Afros, die ich je gesehen habe, und das Fotoshooting war eine wunderbare Erfahrung. Als ich ging, gab mir der Stylist Tipps mit, wie ich mein Haar besser pflegen kann. Ein Mann, dessen Haar nicht im geringsten ist wie meines, hat mir erklärt, wie ich mein Haar behandeln soll! Als das Foto veröffentlicht wurde, wollten Leute wissen, wie er es geschafft habe, dass mein Afro so absolut supercool aussieht!

Vergiftetes Klima in Amerika

An dem Tag hatte mich ein Vorurteil im Griff und es zeigte sich deutlich, dass ich mich irrte. Ich wurde darauf gestoßen, dass ich Fehler mache. Vielleicht fällt es uns am leichtesten, die Mängel zuzugeben und zu bessern, die wir von selbst entdecken oder mit Hilfe anderer, auf die wir gern hören. So oder so, im heutigen Amerika, wo die politische Umgebung so vergiftet ist und die Menschen so schnell laut herausschreien, wie mangelhaft und von Vorurteilen besessen die jeweils andere Seite ist, denke ich manchmal an den asiatischen Haarstylisten, der mir eine unvergessliche Frisur zauberte.

Kamerun vor einem langen Weg

Während ich Tag für Tag versuche, diese Afro-Lektion in meinem Alltagsleben anzuwenden, schreitet Amerika voran, und die Welt dreht sich weiter, in meinem Herkunftsland Kamerun, wo seit letztem Jahr eine politische Krise herrscht, geht es allerdings nur langsam voran. Wisst ihr noch, wie ich euch in meinem letzten Brief berichtet habe, dass die Regierung in den anglophonen Gebieten Kameruns alle Internetverbindungen gesperrt hat, und damit versuchte, einen Aufstand zu beenden? Jetzt kann ich euch zum Glück melden, dass die Internetverbindungen wiederhergestellt sind und die Leute in meiner Heimatstadt Limbe wieder ihre Facebook-Konten ansehen und via Whatsapp Nachrichten schicken können. Natürlich hat das Land noch einen langen Weg vor sich, und wir hoffen, dass auf die wieder intakten Internetverbindungen grundlegende Veränderungen folgen, die das Land stärken.

Euch heute zu schreiben, hat mir viel Freude gemacht. Dies ist mein letzter Brief an Euch, aber wer weiß, vielleicht schreibe ich Euch eines Tages wieder, und wenn nicht, sollt Ihr wissen, dass es mir ein Vergnügen war, euch aus Amerika zu schreiben.

Ich wünsche Euch den allerschönsten Sommer und mehr, wunderbare Tage und Nächte voller Lachen und Erinnerungen, die noch die düsterste Stunde aufhellen!

Alles Gute,

Immer Eure Freundin Imbolo Mbue

17. Mai 2017: New York City

Liebe Freunde,

ich schicke Euch Grüße aus New York City, wo die Tage allmählich länger werden und wir ziemlich bald schon zu Abendkonzerten in den Park gehen, am Strand entlang schlendern und ruhige Abende im Freien verbringen können und dabei hoffen, dass der Sommer nie mehr aufhört. Natürlich wissen wir, dass der Sommer in New York City nicht ewig dauern wird.  Wenn wir unaufhörliche Sommer haben wollen, müssen wir unsere Sachen packen und nach Kalifornien oder Florida oder gar auf eine Insel in der Karibik ziehen, das wissen wir auch, aber  dazu können wir uns nicht überwinden, denn wie könnten wir New York City verlassen? Diese Stadt, die uns ärgert und inspiriert, frustriert und erstaunt?

Wenn Ihr noch nie hier gewesen seid, müsst Ihr eines Tages kommen. Unbedingt müsst ihr kommen. Selbst wenn ich eine Million Sätze über diese Stadt schriebe, wären es nicht genug Worte, um Euch zu erklären, wie es mir mit meiner adoptierten Heimatstadt geht.

Hat die Stadt sich sehr verändert, seit Trump Präsident geworden ist? Ja und Nein. Wir haben keinen Respekt vor diesem Mann, beobachten ihn dabei, wie er Dinge tut, die uns zusammenzucken lassen, und dann holen wir tief Luft und beginnen, uns neue Möglichkeiten zum Widerstand gegen seine Politik auszudenken. New York mag anders sein als das übrige Land, aber die Folgen von Trumps Klimapolitik, der Abschaffung von Obamacare oder seiner Immigrationspolitik treffen uns genauso.

Wir sind gespalten in "Wir" und "Die anderen"

Trotzdem, wenn ich keine Nachrichten höre, vergesse ich an manchen Tagen beinahe, dass er Präsident ist.  Anders als zu Obamas Zeiten höre ich den Namen des neuen Präsidenten in meiner Umgebung so gut wie nie. Ich kenne keine einzige Person in New York City, die für Trump gestimmt hat. Ich stelle mir vor, dass es solche Leute gibt, aber ich bin ihnen nie begegnet und habe auch niemanden getroffen, der bereit war, Trump zu verteidigen. Weil das so ist, lebe ich in New York wie eingesponnen in einen Kokon, und von Gleichgesinnten umgeben zu sein, ist wunderbar für mich, allerdings könnten wir alle von einer  Ideen- oder Ideologien-Vielfalt  profitieren, meine ich.

So sehr ich New York City liebe, meine ich doch, es würde mir gut tun, nicht überwiegend in Gesellschaft gebildeter Liberaler zu sein. Ich möchte die andere Seite, die Trump-Anhänger, verstehen. Welche Argumente zugunsten der Dinge, gegen die ich bin, haben sie anzuführen? Können wir uns überhaupt verständigen? Wollen wir nicht alle dasselbe? Haltet Ihr es für möglich, dass wir an einen Punkt kommen, an dem wir anerkennen, dass Leute, deren Ansichten wir nicht teilen, womöglich trotzdem erwägenswerte Einsichten und Meinungen haben? Überall in Amerika, in der ganzen Welt sind wir gespalten in "Wir" und "Die anderen", und der Abstand zwischen beiden wird nur größer, weil wir vergessen, dass es kein "Wir" oder "Die anderen" gibt. "Die anderen" sind "Wir", und "Wir" sind "die Anderen", und am Ende wollen wir alle das Gleiche: glücklich sein.

Glück – bei diesem Stickwort denke ich an mein Herkunftsland Kamerun und die Krise dort. In meinem letzten Brief hatte ich Euch versprochen, davon zu berichten. Inzwischen hat sich nichts gebessert.  Wisst Ihr, Kamerun ist bilingual, achtzig Prozent der Bevölkerung sprechen Französisch und  zwanzig Prozent Englisch, das liegt an der wechselvollen Geschichte der Kolonisierung des Landes: Zuerst kamen die Portugiesen, dann die  Deutschen, dann gleichzeitig die Franzosen und die Engländer. Das heißt, wir haben ein reiches linguistisches Erbe, sind nicht nur eine Nation mit mehr als  zweihundert Landessprachen, sondern haben außerdem Englisch und Französisch als offizielle Sprachen. Ich komme aus dem anglophonen Kamerun und bin mit dem Englischen aufgewachsen. Das war ein Vorteil für mich, weil das Englische globale Geltung hat, aber im Kamerun von heute ist es nicht unbedingt vorteilhaft, anglophon zu sein. Die beste Ausbildung und die besten Arbeitsplätze im Land sind heute überwiegend in den frankophonen Landesteilen zu finden.

Im letzten Herbst begannen anglophone Aktivisten, mehr Gleichheit zu fordern, es gab Unruhen, in deren Verlauf  Aktivisten inhaftiert wurden, weil sie zu Protesten und Aufruhr angestiftet hätten. Anglophone Lehrer sind in Streik getreten, das heißt, seit sechs Monaten sind Kindergärten, Schulen und Universitäten geschlossen. Unterdessen hat die Regierung angeordnet, dass alle Internetverbindungen  in den anglophonen Landesteilen blockiert werden, bis die Krise beendet ist.

Wann wird das sein? Wie wird die Krise beendet werden? Wir wissen es nicht. Kameruner überall auf der Welt halten den Atem an und hoffen, dass sich etwas ändert und dass Gerechtigkeit und Gleichheit für alle Bürger erreichbar werden.  Wir hoffen inständig, dass diese Gleichheit keinen zu hohen Preis verlangt, denn schon jetzt hat der Kampf unschuldige Leben gekostet, und wir warten sehnsüchtig darauf, dass im anglophonen Kamerun wieder Ruhe einkehrt.

Ich wünsche euch wunderbare Tage und Nächte voller Lachen und Erinnerungen, die noch die düsterste Stunde aufhellen!

Alles Gute,

Immer Eure Freundin Imbolo Mbue

5. April 2017: Faszinierende Demokratie

Liebe Freunde,

hier ist Frühling, und ich bin froh, dass die Blütenknospen aufgehen, dass die Tage länger und wärmer werden und dass mit der Temperatur auch die Hoffnung wächst. Wie ist das Wetter in Eurer Stadt heute? Liegt der Frühling auch bei Euch in der Luft? Hier in New York sind die letzten Schneereste vom Unwetter im März geschmolzen, und es sieht so aus, als wäre auch etwas von unserer Angst nach den Wahlen vom 8. November geschmolzen, aber natürlich wissen wir, dass die Tage unserer nationalen Selbstzufriedenheit längst vorbei sind.

Man geht  am Abend schlafen und wacht am nächsten Morgen auf, und über Nacht hat sich das Land  verwandelt. Das Land vom Tag zuvor hatte einen schwarzen Präsidenten und die Aussicht, dass eine Frau die freie Welt anführen werde.  Das Land vom Tag danach wird ein Mann regieren,  der Frauen und Schwarzen Angst macht. Das Land vom Tag zuvor hatte einen Präsidenten, dessen Vater Immigrant war; das Land vom Tag danach bereitet die Amtseinführung eines Mannes vor, der in einer seiner ersten Amtshandlungen Millionen Immigranten den Zugang zu Amerika versperren wird. Liebe Freunde, ich weiß nicht, ob selbst die größten Geschichtenerzähler aller Zeiten eine solche Geschichte hätten erfinden können.

Das Schwinden des Amerikanischen Traums

Aber gerade das Unglaubliche macht die Menschennatur so faszinierend, oder? Nicht einmal die beste Wissenschaft kann mit absoluter Sicherheit vorhersagen, wie Menschen reagieren oder was sie aus Angst tun werden, um sich zu schützen. Wissenschaft erklärt eine Menge, und trotzdem bleibt so vieles unverständlich.

Die Wahlen sind gekommen und vergangen, aber das Ergebnis macht uns immer noch benommen Es gibt Theorien zu Dutzenden, aber die meisten Leute sind überzeugt, dass schuld am Wahlausgang die Paranoia ist, die mit dem Schwinden des Amerikanischen Traums einsetzte. Diese Theorie hat viel für sich; ich habe selbst gesehen, wie schnell der Amerikanische Traum guten, hart arbeitenden Menschen entgleitet. Die Arbeitslosenquote mag niedrig sein, aber viele Menschen verdienen mit ihren Jobs nicht genug Geld zum Leben.

Könnt Ihr verstehen, dass Verzweiflung so weit geht?

Studenten haben nach dem College viele tausend Dollar Schulden. Millionen Amerikaner können sich kein eigenes Haus leisten, und viele, die Häuser gekauft haben, können die Instandhaltungskosten kaum aufbringen. Diese Geschichten höre ich jeden Tag, glaubt mir; die Geschichten, dass Amerika nicht mehr einlöst, was es versprochen hat. Manche Leute, die Trump gewählt haben, mögen ihn gar nicht, aber sie suchen so verzweifelt nach einer Chance auf ein besseres Leben für sich und ihre Kinder, dass sie alle Vorsicht in den Wind geschlagen und einen Mann gewählt haben, dessen Charakter sie verachten.

Könnt Ihr verstehen, dass Verzweiflung so weit geht? Ich will nicht von Euch verlangen, dass Ihr die Entscheidung gutheißt, aber könnt Ihr verstehen, dass diese Trump-Wähler das Gefühl haben, ihr Land hätte sie im Stich gelassen, und deshalb müssten sie etwa Radikales tun, um auf ihr Elend aufmerksam zu machen?

Der achte November: anders, als erhofft

Am achten November habe ich zum ersten Mal in meinem Leben gewählt, habe ich Euch das eigentlich erzählt? Das allererste Mal. Wie ich den Tag herbeigeträumt habe! Den Tag, da ich als stolze Amerikanerin über die Zukunft meines Landes mitbestimmen würde. Aber dann war der Tag überhaupt nicht so, wie ich es mir ausgemalt hatte. Jetzt lache ich, wenn ich zurückdenke,  aber die Tage vor der Wahl waren unglaublich spannungsgeladen, da so viel auf dem Spiel stand. Manchmal dachte ich bei mir, dass das Mitwirken an einem demokratischen Prozess vielleicht doch nicht so erhebend ist, wie behauptet wird.

In meinem Heimatland Kamerun haben wir seit 34 Jahren denselben Präsidenten, und als ich dort aufwuchs, habe ich Wahlen nie für etwas besonders Ernstzunehmendes gehalten.  Nur ein Bruchteil der Kameruner wählte, weil viele Leute es nicht der Mühe wert fanden, zur Wahlurne zu gehen, da ohnehin feststand, dass der Präsident wiedergewählt würde und die Opposition praktisch keine Chance hatte, ihn abzusetzen. Dann ging ich nach Amerika und sah, dass Wahlen etwas anderes bedeuten. Gewöhnliche amerikanische Staatsbürger hatten die Macht, ihren Präsidenten loszuwerden, stellt Euch das vor!

Ihr findet es womöglich nicht so seltsam, weil Ihr in Deutschland die gleichen Freiheiten habt; aber für eine junge Frau aus Kamerun war es faszinierend. Wie eine echte Demokratie aussieht, lernte ich, als ich im Jahr 2000 zum ersten Mal einen amerikanischen Wahlkampf beobachtete. Bush gegen Gore – was für eine Präsidentschaftswahl! Inzwischen lebe ich seit über zehn Jahren in Amerika, aber die amerikanische Demokratie erstaunt mich immer noch, auch wenn sie nicht ohne Fehler sein mag.

Ihr in Deutschland steht an einer Wasserscheide

Ich habe Mr. Trump nicht gewählt, aber ich bin verblüfft, dass er, den weder das politische Establishment, noch die Medien, noch die Mehrheit der Wähler  als Präsidenten haben wollten, trotzdem Präsident wurde, weil das Wahlkollegium auf seiner Seite war und alle das Gesetz ebenso achteten, wie sie ihn verachteten. Ich komme aus einem Land, in dem umstrittene Wahlergebnisse zu Blutvergießen und Chaos geführt haben, und deshalb ist es für mich nicht selbstverständlich, dass hier alles so friedlich zuging. Meine Freunde, ich nehme Frieden nicht für selbstverständlich, weil ich weiß, wie brüchig er sein kann.

Ich weiß, dass Ihr in Deutschland auch bald Wahlen habt, und ich stelle mir vor, Ihr habt entschiedene Meinungen in der einen oder anderen Richtung. Mit der Politik in Deutschland kenne ich mich nicht aus, aber ich weiß, dass Ihr an einer Wasserscheide steht, was die Immigration betrifft, ganz so, wie wir in Amerika. Ganz so, wie es in vielen Ländern überall auf der Welt der Fall ist. Die Bürger fragen sich, ob sie Fremde ins Land lassen sollen, die den Terrorismus mitbringen, den Einheimischen die Jobs nehmen, die Struktur ihrer Nation verändern könnten. Keine gute Zeit, Immigrant zu sein.

Vergessen, wie es ist, keine Fremde zu sein

Was für eine Zeit, sich daran zu  erinnern,  wie schwer und schmerzhaft es ist, das Heimatland zu verlassen und in ein neues fremdes Land aufzubrechen. Vor vielen Jahren sprach ich einmal mit einer Frau, die mir erzählte, dass sie nie außerhalb der Stadt gelebt habe, in der sie geboren und aufgewachsen sei. Ich war erstaunt, weil ich, Immigrantin seit vielen Jahren, vergessen hatte, dass weltweit Milliarden Menschen keine Immigranten sind – sie leben immer noch in den Städten und Ländern, in denen sie, sowie ihre Eltern und ihre Großeltern geboren sind. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie es wäre, wenn ich an meinem Geburtsort lebte und von Menschen umgeben wäre, die aussehen und sprechen wie ich und meine Überzeugungen und Standpunkte teilen. Ich bin schon seit so langer Zeit nicht mehr in Kamerun, dass ich fast vergessen habe, wie es ist, keine Fremde zu sein.

Verlässt man das Heimatland, passiert etwas mit einem, das nur schwer abzuschütteln ist. Ich mag jetzt zwar eine amerikanische Staatsangehörige sein, aber ich bleibe eine Immigrantin. Wenn ich höre, wie andere Immigranten auf der ganzen Welt ausgesperrt, in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt und manchmal umgebracht werden, bricht es mir das Herz.

Alles was ich verlange ist Mitgefühl, Empathie

Menschen, die nie auf der Suche nach einem besseren Leben ausgewandert sind, können wohl nicht verstehen, wie hart das Immigrantendasein manchmal ist. Eine vertraute Welt für etwas Unbekanntes aufzugeben, ist sehr belastend. Schlimmer noch, wenn man gezwungen ist wegzugehen, wenn man fliehen muss, um zu überleben. Stellt euch das vor – heute lebt ihr angenehm in eurer Stadt, und morgen findet ihr euch plötzlich in einem Boot auf dem Mittelmeer wieder und könnt nur hoffen, dass ihr bei der Überfahrt nicht ertrinkt. Dann seid ihr viele Meilen zu Fuß unterwegs und hofft, dass euch irgendein Land einreisen lässt, sodass ihr euch ein neues Zuhause aufbauen könnt, weil eures zerstört wurde. Das könnte jedem von uns passieren.

Bitte, versteht mich richtig: Ich sage nicht, dass jeder, der in unsere Länder kommt und um Hilfe bittet, eingelassen werden sollte. Alles, was ich verlange, ist Mitgefühl, Empathie. Wir müssen unsere Heimatländer und unsere Angehörigen schützen, aber wir müssen uns auch daran erinnern, dass wir letzten Endes alle Fremdlinge auf dieser Erde sind.

"Meine" beiden Länder stehen an Wendepunkten

Ich war froh über die Gelegenheit, Euch heute zu schreiben, Ihr Lieben. Ich würde Euch gern noch viel ausführlicher erzählen, was jetzt in Amerika passiert und wie es sich anfühlt, hier zu leben, aber das muss bis zum nächsten Brief warten. Nächstes Mal möchte ich Euch auch mehr von Kamerun berichten, weil wir dort in einer politischen Krise stecken. Kamerun ist ein so schönes Land, und zu sehen, dass es in Gefahr ist, auseinander zu brechen, bekümmert mich sehr. Merkwürdig, "meine" beiden Länder stehen an Wendepunkten in ihrer Geschichte, und ich sehe alles mit an, während ich hoffe und glaube.

Ich wünsche euch wunderbare Tage und Nächte voller Lachen und Erinnerungen, die noch die düsterste Stunde aufhellen!

Alles Gute,

Immer Eure Freundin Imbolo Mbue

Imbolo Mbue ist in Limbe, Kamerun, aufgewachsen. Sie hat an der Rutgers University (New Jersey) und der renommierten Columbia University in New York studiert und ist seit mehr als zehn Jahren amerikanische Staatsbürgerin. Imbolo Mbue arbeitet als Schriftstellerin in New York. Ihr Debütroman "Das geträumte Land" handelt von zwei New Yorker Familien, die sich vor der Bankenkrise kennenlernen, und deren Leben von der Pleite der Bank Lehman's Bros' auf den Kopf gestellt wird. Ihr brillantes Buch über die großen Themen Familie, Gesellschaft, Immigration und Heimat wurde von der Kritik hochgelobt. Anfang April wurde Imbolo Mbue mit dem PEN/Faulkner Award for Fiction ausgezeichnet.

Stand: 28.06.2017, 11:49