Rita Mae Brown: Glanz des Südens

Rita Mae Brown

Rita Mae Brown: Glanz des Südens

"Die Zeiten ändern sich. Aber wir müssen uns nicht mit ihnen ändern", so die Schriftstellerin Rita Mae Brown. In ihren Briefen an "Kultur am Mittag" erzählt sie uns über das, was anders ist unter Präsident Trump.

19. April 2017

Frühling mitten in Virginia
Der Frühling ist die Glanzzeit des Südens, so wie der Norden, besonders Neuengland, seinen größten Prunk im Herbst entfaltet. Von New Orleans bis Washington D.C.  wartet man vom Frühjahrsende an auf den nächsten Frühlingsbeginn. Hier, mitten in Virginia, laden tiefrote Blütenknospen dich ein, alle Sorgen wegzuschieben. Die Apfel-, Birn- und Pfirsichbäume sind weitgehend abgeblüht, aber ein Hauch ihres Blütendufts hängt noch in der Luft. Viburnum, Robinien und Hyazinthen verströmen betäubenden Geruch.

Von meiner Farm auf 250 Meter Höhe blickt man hinauf zum 900 Meter hohen Humpback Mountain. Der Frühling ist erst bis zur halben Höhe der Blue Ridge Mountains gekommen, die in der Dämmerung wirklich blau sind. Einst waren sie die höchsten Berge auf der Welt. Sie wachen über die Zeit, erinnern uns nachdrücklich an die Nichtigkeit unseres Tuns und Treibens.

Die vermeintlich Unersetzlichen in Washington D.C.
Stichwort Nichtigkeit: Washington D. C., knapp 200 Kilometer nordöstlich von mir, ist ein Blütenmeer; Kirschbäume, Narzissen und Osterglocken blühen jetzt, und bald werden die Azaleenknospen explosionsartig aufbrechen. D.C. ist eine gut bepflanzte Stadtlandschaft: Die farbigen Büsche und Gewächse kommen vor all den weißen Gebäuden sehr wirkungsvoll zur Geltung. Ein Bürger Washingtons müsste nur ein und eine halbe Stunde auf der Route 50 geradeaus nach Westen fahren, um die Blue Ridge Mountains zu sehen. Aber so viele Leute in Washington D.C., dieser Gerüchteküche, sind in der Täuschung befangen, dass sie unersetzlich seien. Washington D. C. ist der einzige Ort, an dem der Ton sich noch schneller fortbewegt als das Licht.

Gesellschaft und Politik - Eine verlogene Posse
Die Erdzeitalter kann man in Epochen messen. Auch die im Vergleich dazu kurze menschliche Geschichte lässt sich in Epochen einteilen, Epochen, die sich seltsamerweise allem Anschein nach wiederholen. Das Pendel schlägt in beide Richtungen aus. Wir sind dem vergoldeten Zeitalter am nächsten, der Blütezeit unserer Wirtschaft ungefähr zwischen 1870 und 1914. Ganz wie damals ist das gesellschaftliche und politische Leben eine einzige verlogene Posse. Darum geht es schon in der um 800 vor Christus verfassten Ilias: Es gibt wirklich nichts Neues unter der Sonne, egal was Nachrichtenkommentatoren uns erzählen wollen. Nur dass unsere raffgierigen Vorfahren, die Räuberbarone, die sich mit dem Zerschlagen und Einsacken auskannten, wenigstens besser angezogen waren.

Solange ich in einer wiedergenesenden Demokratie lebe, bin ich nicht mutlos. Der Reichtum der Erde ist eine Freude, die über die menschliche Dummheit siegt. Offenbar glauben die meisten Menschen, die Welt habe erst mit ihnen begonnen.  Deshalb lernt niemand aus der Geschichte.

Die Natur überdauert alles
So sitze ich auf meinem wackeligen Stuhl und schaue hinüber zu smaragdgrünen Weiden mit gepflegten Pferden vor dem Hintergrund der Blue Ridge. Unten am kleinen Teich fischt auf einer Seite ein Blaureiher und auf der anderen ein Weißkopfadler-Weibchen. Sie haben sich geeinigt. Die Katzen liegen träge an einer Mauer in der Sonne und machen keine Anstalten, die Kaninchen zu jagen, die friedlich Klee fressen und ab und an zu uns hinübersehen. Ein hinreißender Rotfuchs, der in der Nähe meines Purpurschwalbenhauses wohnt, ist genauso benommen von der Sonne.

Wir sind hypnotisiert, von der Sonne, den Bergen, den Dogwood-Bäumen, die kurz vor der Blüte stehen, dem intensiven Duft des Lebens um uns. Gegen so viel Schönheit kann der ganze Zirkus in Washington nichts ausrichten. Die Natur herrscht über alles. Wir leben so lange, wie sie es erlaubt. Wenn wir eines Tages nicht mehr da sind, werden die Blue Ridge Mountains immer noch stehen. Das ist mir genug.

Rita Mae Brown wurde am 28. November 1944 in Pennsylvania geboren und wuchs in Florida auf. Sie gilt in den USA als Stimme der lesbischen Frauenbewegung. Ihre ersten Bücher beschäftigten sich vornehmlich mit dem Feminismus. Ihr Roman "Rubinroter Dschungel" über die desillusionierenden, autobiografisch gefärbten Erfahrungen im Filmbusiness Hollywoods machte sie als Schriftstellerin bekannt. Es folgten eine ganze Reihe Kriminalromane, in denen die Tigerkatze Sneaky Pie Brown als Co-Autorin firmiert. Es folgten weitere zahlreiche Romane in denen diverse Tiere die Hauptrolle spielen.

Stand: 15.03.2017, 09:21