Louis Begley: Wie wir jetzt leben

Nahaufnahme vom Schriftsteller Louis Begley

Louis Begley: Wie wir jetzt leben

Louis Begley begeistert die Schönheit der künstlich angelegten Wildnis im Central Park. Besonders bei Spaziergängen mit seiner französischen Bulldogge Grisha. Solche kleinen Auszeiten würde Louis Begley auch Donald Trump empfehlen, schreibt er im zweiten Teil seiner Briefe aus Amerika an WDR 3.

26. April 2017: Wie wir jetzt leben

In unserem letzten Gespräch habe ich gesagt, dass während meiner wachen Stunden gute Gedanken überwiegen, und das gilt auch jetzt. Zum Beispiel der Gedanke an die Schönheit der Rambleeiner fünfzehn Hektar großen künstlichen, von Menschen angelegten Wildnis samt fließendem Bach, dramatisch aufgetürmten Felsen und rustikalen Brücken. Die Ramble könnte ein Labyrinth sein.  Aber eher gleicht sie Venedig, wie meine Frau Anka mir klarmacht: In Venedig glaubt man, man habe sich verlaufen, findet sich aber am Ende eines langen Irrweges wunderbarerweise immer auf der Piazza San Marco wieder.

Zur Zeit ist die Ramble ein Blütenmeer aus Narzissen, Hyazinthen und Tulpen. In den Bäumen und Büschen wimmelt es von Vögeln; da der Central Park eine Station auf dem Weg der Zugvögel ist, hat man hier im Frühjahr und Herbst gut zweihundertdreißig Arten durchziehender Vögel beobachtet. Etwa vierzig Arten leben ständig im Park, unter anderem die wunderschönen Kardinäle, unsere Lieblingsvögel. Ich gehe mit meiner französischen Bulldogge Grisha durch die Ramble, allein oder mit Anka. Wenn ich mit Grisha allein bin, rede ich ununterbrochen auf ihn ein. Ich erzähle ihm, dass er ein guter Hund ist, dass Menschen sich ein Beispiel an ihm nehmen sollten. Was ich sage, stimmt: Er ist liebevoll, besonders mit kleinen Kindern, und treu. Er stiehlt nicht und richtet keinen Schaden am Eigentum anderer an.  Er fühlt sich wohl bei uns, und ich mag ihn lieber als fast alle Menschen, die ich kenne – ausgenommen meine Familie.

Trotz aller guten Gedanken: Trump ist omnipräsent

Apropos Familie: Gerade hatten Anka und ich Besuch von meinen Pariser Enkelkindern Jacob, vierzehn, und Elisabeth, fast neun. Jacob spielt Cello und ist immer Klassenbester. Seine Schwester spielt Klavier und Klarinette und ist ebenfalls eine ausgezeichnete Schülerin. Beide sehen sehr gut aus und sind sportlich. Ich glaube, sie haben mich gern. Zum Beispiel möchte Jacob, dass ich ihn jeden Abend anrufe. Könnte ich mehr verlangen?

Diese Gedanken sind "fragments I have shored against my ruins" - Stückwerk zum Abstützen meiner Trümmer. Ja, ich horte die guten Gedanken, halte Ankas Hand und sage ihr, dass wir Glück haben. Aber länger als einen flüchtigen Moment können wir die Augen nicht von der Trump-Wochenschau abwenden, die im Hintergrund läuft. Sie verfolgt uns bis in unsere Träume.

Der von Trump befohlene Raketenangriff auf den syrischen Luftwaffenstützpunkt, ein Vergeltungsschlag, nachdem die syrische Luftwaffe bei der Bombardierung Khan Scheikhouns das Giftgas Sarin eingesetzt hatte, lenkte ab von den neuen und belastenden Fakten über Kontakte, die in den Jahren 2015 und 2016 zwischen russischen Regierungsbeamten und Mitgliedern des Trump-Teams gepflegt wurden. Diese Kontakte, sowie Trumps Russland-Connection im Ganzen werden von zwei Geheimdienstausschüssen des Senats und des Repräsentantenhauses und vom FBI untersucht; sie sind das Damoklesschwert, das über der Trump Administration hängt. Trump behauptet, die Bilder der vergasten Kinder hätten ihn so tief verstört, dass er Assad habe bestrafen müssen. Die Medienwirksamkeit war hervorragend. Die Leitartikel tonangebender großer Tageszeitungen brachten über Nacht einen gewissen Respekt für Trump auf, Fernsehkoryphäen und viele Leitartikler gaben ihm recht, ebenso wie etliche führende republikanische und demokratische Politiker, die normalerweise Kritik an Trump üben. Sogar John Kerry und Hilary Clinton stimmten in das Loblied ein. Höchste Anerkennung: Wieder einmal, so wie in seiner Rede vor beiden Häusern des Kongresses, wurde Trump präsidiales Handeln bescheinigt! Dass der Angriff keinerlei Auswirkung auf die Schlagkraft des syrischen Militärs hatte, nichts ändert an Assads Entschlossenheit, im Amt zu bleiben, dass es keinen schlüssigen US-Plan für die nächsten Schritte in Syrien gab und dass die Beziehungen zu Russland auf einem Tiefpunkt standen – das waren lästige Probleme, um die man sich irgendwann später kümmern würde.

Militärschläge als Ablenkungsmanöver

Ich glaube, es macht keinen großen Unterschied, ob die Geschichte, die der Präsident erzählt, wahr oder erfunden ist, ob er sich in Wirklichkeit kaltblütig für eine militärische Aktion entschieden hat - das Mittel der Wahl für Machthaber in Bedrängnis - als Ablenkungsmanöver, damit die politische Klasse und die Öffentlichkeit seine Russland-Connection ebenso aus dem Auge verlieren wie die Rückschläge, die er kürzlich einstecken musste, unter anderem das peinliche Scheitern des Versuchs, Obamacare aufzuheben und zu ersetzen, und die nicht eingelösten vollmundigen Wahlkampfversprechen: Steuerreform, Mauerbau an unserer Südgrenze, Wiederherstellung der Infrastruktur Amerikas. Man kann die beklemmende Tatsache nicht außer Acht lassen, dass der Raketenschlag, egal, ob eine gute oder schlechte Idee, eine großmütige oder machiavellistische Reaktion, jedenfalls ohne Nachdenken über mögliche Konsequenzen angeordnet wurde.

Wird uns der Angriff in den Religionskrieg in Syrien verwickeln? Trump hat inzwischen erklärt: "Wir gehen nicht rein." Beginnen wir stattdessen einen dauernden oder zeitweiligen Luftkrieg gegen Assads Militär? Werden wir jetzt auf Assads Absetzung bestehen, obwohl die amerikanische Regierung noch wenige Tage vor dem Angriff erklärt hat, man strebe nicht an, Assad abzusetzen? Wenn es einen Luftkrieg gegen Assads Militär gibt, wie wollen wir den offensichtlich unumgänglichen Konflikt mit den in Syrien agierenden russischen Streitkräften vermeiden?

Nachhilfeunterricht und Nervenstärke

Von entscheidender und beängstigender Bedeutung für den drohenden Konflikt mit Nordkorea ist es, dass die Aktionen des Präsidenten nicht vorhersehbar sind, dass sie spontan ohne vorherige Erkundung und Planung erfolgen, und dass er sich bei seinen Entscheidungen offenbar von Stimmungen und flüchtigen Anwandlungen leiten lässt. Trump konnte von Glück sagen, dass Präsident Xi Jinping ihm während seines Besuchs in Mar-a-Lago Nachhilfeunterricht zur Geschichte der Beziehungen Nordkoreas mit China gab. Aber hat er genug gelernt? Wird er genug Gelassenheit und Nervenstärke aufbringen, um sich von Kim Jong-uns Wutanfällen und Drohungen nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, so wie John F. Kennedy während der Kubakrise vor fünfundfünfzig Jahren Chruschtschows Drohungen standhielt? Karl Marx war überzeugt, dass die Geschichte sich wiederholt, das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Werden Trumps Verteidigungsminister,  sein Sicherheitsberater und der Vorsitzende der Vereinigten Generalstabschefs, allesamt hochgeachtete Generäle, auf die institutionelle Erinnerung unserer Streitkräfte an den Koreakrieg setzen und uns vom Abgrund fernhalten können?

Ein freundlicher Hund wäre dem Präsidenten zu wünschen, mit dem er reden könnte, wenn sie im Gelände des Weißen Hauses herumlaufen. Aber ich denke mir, ein zähnefletschender Pitbull ist der einzige Hund, der ihm passen würde.

Louis Begley, geboren am 6. Oktober 1933 als Ludwik Begleiter, ist ein amerikanischer Schriftsteller mit polnisch-jüdischen Wurzeln. Das Kriegsende erlebte er in Krakau, zwei Jahre später emigrierte seine Familie in die Vereinigten Staaten. Nach der Ankunft in New York nahm die Familie den Namen Begley an. 1991 trat er dann mit dem autobiografisch geprägten Roman "Lügen in Zeiten des Krieges" (Wartime Lies) literarisch in Erscheinung. Von seinen bisher veröffentlichten Werken wurden vor allem die Romane um den pensionierten Rechtsanwalt Schmidt populär. Louis Begley ist der große Gesellschaftsromanzier der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur. Mit dem sozialen Röntgenblick, trainiert durch seine jahrelange Anwaltstätigkeit, mustert er die Vereinigen Staaten von heute. Die Washington Post nannte Begley "einen Meister im Sezieren des amerikanischen Charakters".

15. März 2017: Wie wir jetzt leben

Wenn wir hier in Trumpland im Gespräch sagen: "Reden wir von was anderem, sonst drehen wir durch" , weiß jeder, was damit gemeint ist, nämlich: Reden wir über irgendetwas, nur nicht über den 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten; ersparen wir uns die immer gleiche Liste seiner bombastischen Übertreibungen und schamlosen Lügen, seiner Attacken gegen die Presse und gegen Journalisten, die ihm in die Quere kommen; reden wir nicht davon, wie er Richter beleidigt, sich mit den US Geheimdiensten anlegt, kümmern wir uns nicht um seine groteske Behauptung, Barack Obama habe die Telefone im Trump Tower abhören lassen.

Nichts mehr von der Präsenz und dem dominanten Einfluss des rechtsextremen Irren Steven K. Bannon, der eine Gestalt aus einem Dostojewski-Roman von heute  sein könnte. Kein Wort mehr darüber, dass Trump sich Kabinettsmitglieder, Behördenleiter und Berater ausgesucht hat, die entweder inkompetent oder entschlossen sind, die Aufgaben und Ziele ihrer Ministerien und Behörden ins Gegenteil zu verkehren; dass sein Justizminister eine durch Rassismus befleckte Vergangenheit hat. So viele Militärs wie jetzt gab es in unserer Regierung noch nie - die Schlüsselpositionen des Verteidigungsministers, des Heimatschutzministers, des Beraters für nationale Sicherheit und des Stabschefs des Nationalen Sicherheitsrates wurden mit Generälen besetzt - seien wir dankbar, dass er intelligente und allgemein geachtete Offiziere ausgewählt hat. Beruhigen wir uns beim Kaffee mit einem Freund, dass willkürliche Beschimpfungen befreundeter Staaten und Widerspruch gegen bewährte Positionen der US-Außenpolitik nur eine kurzlebige Bedeutung haben, die sie im Zuge neuer Proklamationen unseres quecksilbrigen, launischen Präsidenten schnell wieder verlieren werden.

Das Schreckgespenst: Russische Eingriffe in den Wahlkampf

Eine mögliche Gefahr für die Republik jedoch und deshalb nicht zu ignorieren ist die fatale Verquickung von russischen Eingriffen in den Wahlkampf von 2016, geheime Treffen und Gespräche zwischen Mitgliedern des Trump-Teams und russischen Funktionären, dazu Trumps  befremdlich schmeichelhafte Äußerungen über Putin und seine widersprüchlichen Aussagen zu seinen eigenen Kontakten mit Putin und dem Land – diese Verquickung ruft das Schreckgespenst einer Absprache Trumps mit Russland auf den Plan. Die russischen Aktivitäten im Internet und die Wahlkampagne aus Fehlinformationen, die hier – wie in Europa und andernorts – geführt wurde, sind Thema einer im New Yorker vom 6. März veröffentlichten meisterhaften Darstellung, die man unbedingt lesen muss.

Auch Trumps gefährlichen Hang zu autoritärer Herrschaft kann man nicht ignorieren. Auf diese Tendenz hat der Historiker Timothy Snyder, der besonders für sein Buch Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin bekannt geworden ist, vor kurzem mit einem Pamphlet Über Tyrannei reagiert. Die im Untertitel angekündigten Zwanzig Lektionen für den Widerstand sind zur rechten Zeit erschienene Richtlinien und Verhaltensvorschläge für Bürger im Fall einer Gefährdung der Demokratie.

Werden die Demokraten eine zweite Amtszeit verhindern?

Ein Hoffnungsschimmer, der sich als Irrlicht erweisen könnte, ist der anschwellende Zorn, der landesweit Demokraten und andere Progressive umtreibt. Wenn er weiter wächst und sich auf wirksames politisches Handeln konzentrieren lässt, dann wird es nach der Kongresswahl 2018 mehr oder wenigstens nicht weniger demokratische Senatoren geben als jetzt, und im Repräsentantenhaus werden die Demokraten Sitze gewinnen. Wird sich die Demokratische Partei um einen Präsidentschaftskandidaten sammeln, der fähig ist, bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2020 eine zweite Amtszeit Trumps zu verhindern? Das ist jetzt noch nicht abzusehen.

Eine andere, von vielen geteilte Hoffnung ist ganz sicher nur eine Illusion: dass Trump als Präsident zurücktreten müsse, weil er vom Repräsentantenhaus wegen "Verrat, Bestechung oder anderer schwerer Verstöße und Vergehen" (zum Beispiel weil er "Zuwendungen" - Bezahlungen - von fremdem Staaten angenommen und damit gegen die emoluments-Klausel  der Verfassung verstoßen habe) unter Amtsanklage gestellt und vom Senat  schuldig gesprochen würde. Er wird auch kaum mit Hilfe des komplexen Verfahrens abgesetzt werden, das, wie im Artikel XXV, Abschnitt 4 der US-Verfassung vorgeschrieben, eine Zweidrittelmehrheit beider Häuser verlangt und angewendet wird, wenn der Präsident seine Amtspflichten nicht erfüllen kann, weil er zum Beispiel geisteskrank ist. Und viele von uns hier in Trumpland glauben, dass der Präsident nicht bei Verstand ist.

Trumps Achillesferse: Mike Pence

Aber wenn Trump zum Rücktritt gezwungen werden könnte, würde im einen wie im anderen Fall der Vizepräsident Mike Pence das Amt übernehmen. Und das ist Trumps Achillesferse. Mike Pence ist bei republikanischen Abgeordneten und Senatoren sehr beliebt, und viele würden lieber ihn als den jetzigen Amtsinhaber im Weißen Haus sehen. Schon einmal hat die Beliebtheit eines Vizepräsidenten – Gerald R. Fords – den Kongress in seinem Entschluss bestärkt, einen Präsidenten - Nixon - aus dem Amt jagen zu lassen. Aber für die Reaktionäre ist Trump der Fahrschein nach Utopia. Sie bauen darauf, dass er weiterhin  Gesetze und Erlasse abschaffen wird, die in der Amtszeit Obamas zum  Ärger umweltverschmutzender Industrien und Finanzinstitute eingeführt wurden, und dass er Obamacare und Medicare aushöhlt. Außerdem hat er sich verpflichtet, Steuern für Konzerne und die sehr Reichen zu senken und die verhasste Erbschaftssteuer ganz zu streichen. Diese gute Arbeit würde Mike Pence mit Freude weiterführen und vielleicht Trump noch übertrumpfen, wenn es um das Recht auf Abtreibung geht, aber der Spatz in der Hand ist sicherer als eine Taube auf dem Dach, und Trump ist der Spatz der Republikaner. Sie würden den Amtsinhaber so lange nicht absetzen, bis selbst ein Blinder sehen könnte, dass Tatenlosigkeit dem politischen Selbstmord gleichkäme.

Alle Politiker können lernen, Babys zu streicheln

Dass Trump sich bessern wird, ist auch nur eine Illusion, ein Trugbild, dem er mit seiner Rede vor den beiden Kammern des Kongresses einen Augenblick lang Farbe gab. Wurde sie zu Recht als versöhnlich und "präsidial" gerühmt“? Nein und nochmal nein! Jeder Idiot kann eine "versöhnliche" und "präsidiale" Rede vom Teleprompter ablesen, und ungefähr alle Politiker können lernen, Babys zu küssen. Trump wird sich nicht weiterentwickeln. Er findet sich ganz offensichtlich gut, so wie er ist. Sein Es ist entfesselt, und kein Über-Ich wird seine Gelüste und Aggressionen zügeln.

Genug davon. Genau genommen überwiegen in meinen wachen Stunden gute Gedanken. Ich denke an meine Liebe, vor allem zu meiner Frau Anka, zu unseren Kindern und Enkeln und unserer französischen Bulldogge, die wir nach unserem Freund Gregor von Rezzori Grisha genannt haben. Diese guten Gedanken behaupten sich gegen die düsteren, die Sorgen um mein Land, die Grübeleien über mein Alter (ich wanke meinem vierundachtzigsten Geburtstag entgegen), die Trauer um den Verlust oder den Verfall meiner engsten Freunde. Vier sind im letzten Jahr gestorben, einer scheint sich nicht von einem Oberschenkelbruch erholen zu können und leidet unter einer Demenz, ein anderer wurde von wiederholten Krebsoperationen schrecklich entstellt und muss sich durch eine Sonde Nahrung zuführen, und wieder ein anderer ist erblindet. Krankenzimmer jagen mir immer Schauder ein, aber ich besuche meine hinfälligen Freunde und bin erstaunt, dass sie weiterleben wollen.

Die Reihe #briefeausamerika läuft mittwochs in WDR 3 Kultur am Mittag.