Louis Begley: Wie wir jetzt leben

Louis Begley

Louis Begley: Wie wir jetzt leben

Die Gespräche in seinem Freundeskreis drehen sich – auch ungewollt – häufig um den 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten. Louis Begley schreibt uns Briefe und schildert seine Beobachtungen in "Trumpland".

15. März 2017: Wie wir jetzt leben

Wenn wir hier in Trumpland im Gespräch sagen: "Reden wir von was anderem, sonst drehen wir durch" , weiß jeder, was damit gemeint ist, nämlich: Reden wir über irgendetwas, nur nicht über den 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten; ersparen wir uns die immer gleiche Liste seiner bombastischen Übertreibungen und schamlosen Lügen, seiner Attacken gegen die Presse und gegen Journalisten, die ihm in die Quere kommen; reden wir nicht davon, wie er Richter beleidigt, sich mit den US Geheimdiensten anlegt, kümmern wir uns nicht um seine groteske Behauptung, Barack Obama habe die Telefone im Trump Tower abhören lassen.

Nichts mehr von der Präsenz und dem dominanten Einfluss des rechtsextremen Irren Steven K. Bannon, der eine Gestalt aus einem Dostojewski-Roman von heute  sein könnte. Kein Wort mehr darüber, dass Trump sich Kabinettsmitglieder, Behördenleiter und Berater ausgesucht hat, die entweder inkompetent oder entschlossen sind, die Aufgaben und Ziele ihrer Ministerien und Behörden ins Gegenteil zu verkehren; dass sein Justizminister eine durch Rassismus befleckte Vergangenheit hat. So viele Militärs wie jetzt gab es in unserer Regierung noch nie - die Schlüsselpositionen des Verteidigungsministers, des Heimatschutzministers, des Beraters für nationale Sicherheit und des Stabschefs des Nationalen Sicherheitsrates wurden mit Generälen besetzt - seien wir dankbar, dass er intelligente und allgemein geachtete Offiziere ausgewählt hat. Beruhigen wir uns beim Kaffee mit einem Freund, dass willkürliche Beschimpfungen befreundeter Staaten und Widerspruch gegen bewährte Positionen der US-Außenpolitik nur eine kurzlebige Bedeutung haben, die sie im Zuge neuer Proklamationen unseres quecksilbrigen, launischen Präsidenten schnell wieder verlieren werden.

Das Schreckgespenst: Russische Eingriffe in den Wahlkampf

Eine mögliche Gefahr für die Republik jedoch und deshalb nicht zu ignorieren ist die fatale Verquickung von russischen Eingriffen in den Wahlkampf von 2016, geheime Treffen und Gespräche zwischen Mitgliedern des Trump-Teams und russischen Funktionären, dazu Trumps  befremdlich schmeichelhafte Äußerungen über Putin und seine widersprüchlichen Aussagen zu seinen eigenen Kontakten mit Putin und dem Land – diese Verquickung ruft das Schreckgespenst einer Absprache Trumps mit Russland auf den Plan. Die russischen Aktivitäten im Internet und die Wahlkampagne aus Fehlinformationen, die hier – wie in Europa und andernorts – geführt wurde, sind Thema einer im New Yorker vom 6. März veröffentlichten meisterhaften Darstellung, die man unbedingt lesen muss.

Auch Trumps gefährlichen Hang zu autoritärer Herrschaft kann man nicht ignorieren. Auf diese Tendenz hat der Historiker Timothy Snyder, der besonders für sein Buch Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin bekannt geworden ist, vor kurzem mit einem Pamphlet Über Tyrannei reagiert. Die im Untertitel angekündigten Zwanzig Lektionen für den Widerstand sind zur rechten Zeit erschienene Richtlinien und Verhaltensvorschläge für Bürger im Fall einer Gefährdung der Demokratie.

Werden die Demokraten eine zweite Amtszeit verhindern?

Ein Hoffnungsschimmer, der sich als Irrlicht erweisen könnte, ist der anschwellende Zorn, der landesweit Demokraten und andere Progressive umtreibt. Wenn er weiter wächst und sich auf wirksames politisches Handeln konzentrieren lässt, dann wird es nach der Kongresswahl 2018 mehr oder wenigstens nicht weniger demokratische Senatoren geben als jetzt, und im Repräsentantenhaus werden die Demokraten Sitze gewinnen. Wird sich die Demokratische Partei um einen Präsidentschaftskandidaten sammeln, der fähig ist, bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2020 eine zweite Amtszeit Trumps zu verhindern? Das ist jetzt noch nicht abzusehen.

Eine andere, von vielen geteilte Hoffnung ist ganz sicher nur eine Illusion: dass Trump als Präsident zurücktreten müsse, weil er vom Repräsentantenhaus wegen "Verrat, Bestechung oder anderer schwerer Verstöße und Vergehen" (zum Beispiel weil er "Zuwendungen" - Bezahlungen - von fremdem Staaten angenommen und damit gegen die emoluments-Klausel  der Verfassung verstoßen habe) unter Amtsanklage gestellt und vom Senat  schuldig gesprochen würde. Er wird auch kaum mit Hilfe des komplexen Verfahrens abgesetzt werden, das, wie im Artikel XXV, Abschnitt 4 der US-Verfassung vorgeschrieben, eine Zweidrittelmehrheit beider Häuser verlangt und angewendet wird, wenn der Präsident seine Amtspflichten nicht erfüllen kann, weil er zum Beispiel geisteskrank ist. Und viele von uns hier in Trumpland glauben, dass der Präsident nicht bei Verstand ist.

Trumps Achillesferse: Mike Pence

Aber wenn Trump zum Rücktritt gezwungen werden könnte, würde im einen wie im anderen Fall der Vizepräsident Mike Pence das Amt übernehmen. Und das ist Trumps Achillesferse. Mike Pence ist bei republikanischen Abgeordneten und Senatoren sehr beliebt, und viele würden lieber ihn als den jetzigen Amtsinhaber im Weißen Haus sehen. Schon einmal hat die Beliebtheit eines Vizepräsidenten – Gerald R. Fords – den Kongress in seinem Entschluss bestärkt, einen Präsidenten - Nixon - aus dem Amt jagen zu lassen. Aber für die Reaktionäre ist Trump der Fahrschein nach Utopia. Sie bauen darauf, dass er weiterhin  Gesetze und Erlasse abschaffen wird, die in der Amtszeit Obamas zum  Ärger umweltverschmutzender Industrien und Finanzinstitute eingeführt wurden, und dass er Obamacare und Medicare aushöhlt. Außerdem hat er sich verpflichtet, Steuern für Konzerne und die sehr Reichen zu senken und die verhasste Erbschaftssteuer ganz zu streichen. Diese gute Arbeit würde Mike Pence mit Freude weiterführen und vielleicht Trump noch übertrumpfen, wenn es um das Recht auf Abtreibung geht, aber der Spatz in der Hand ist sicherer als eine Taube auf dem Dach, und Trump ist der Spatz der Republikaner. Sie würden den Amtsinhaber so lange nicht absetzen, bis selbst ein Blinder sehen könnte, dass Tatenlosigkeit dem politischen Selbstmord gleichkäme.

Alle Politiker können lernen, Babys zu streicheln

Dass Trump sich bessern wird, ist auch nur eine Illusion, ein Trugbild, dem er mit seiner Rede vor den beiden Kammern des Kongresses einen Augenblick lang Farbe gab. Wurde sie zu Recht als versöhnlich und "präsidial" gerühmt“? Nein und nochmal nein! Jeder Idiot kann eine "versöhnliche" und "präsidiale" Rede vom Teleprompter ablesen, und ungefähr alle Politiker können lernen, Babys zu küssen. Trump wird sich nicht weiterentwickeln. Er findet sich ganz offensichtlich gut, so wie er ist. Sein Es ist entfesselt, und kein Über-Ich wird seine Gelüste und Aggressionen zügeln.

Genug davon. Genau genommen überwiegen in meinen wachen Stunden gute Gedanken. Ich denke an meine Liebe, vor allem zu meiner Frau Anka, zu unseren Kindern und Enkeln und unserer französischen Bulldogge, die wir nach unserem Freund Gregor von Rezzori Grisha genannt haben. Diese guten Gedanken behaupten sich gegen die düsteren, die Sorgen um mein Land, die Grübeleien über mein Alter (ich wanke meinem vierundachtzigsten Geburtstag entgegen), die Trauer um den Verlust oder den Verfall meiner engsten Freunde. Vier sind im letzten Jahr gestorben, einer scheint sich nicht von einem Oberschenkelbruch erholen zu können und leidet unter einer Demenz, ein anderer wurde von wiederholten Krebsoperationen schrecklich entstellt und muss sich durch eine Sonde Nahrung zuführen, und wieder ein anderer ist erblindet. Krankenzimmer jagen mir immer Schauder ein, aber ich besuche meine hinfälligen Freunde und bin erstaunt, dass sie weiterleben wollen.

Louis Begley, geboren am 6. Oktober 1933 als Ludwik Begleiter, ist ein amerikanischer Schriftsteller mit polnisch-jüdischen Wurzeln. Das Kriegsende erlebte er in Krakau, zwei Jahre später emigrierte seine Familie in die Vereinigten Staaten. Nach der Ankunft in New York nahm die Familie den Namen Begley an. 1991 trat er dann mit dem autobiografisch geprägten Roman "Lügen in Zeiten des Krieges" (Wartime Lies) literarisch in Erscheinung. Von seinen bisher veröffentlichten Werken wurden vor allem die Romane um den pensionierten Rechtsanwalt Schmidt populär. Louis Begley ist der große Gesellschaftsromanzier der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur. Mit dem sozialen Röntgenblick, trainiert durch seine jahrelange Anwaltstätigkeit, mustert er die Vereinigen Staaten von heute. Die Washington Post nannte Begley "einen Meister im Sezieren des amerikanischen Charakters".