Live hören
Zeichen & Wunder. Das Literaturgespräch
12.04 - 13.00 Uhr Zeichen & Wunder. Das Literaturgespräch

Lithophonie [2] - 19.06.2016

WDR 3 Studio Neue Musik

Lithophonie [2] - 19.06.2016

Lithophone, Steinspiele und Klangsteine sind seit Urzeiten im fernöstlichen Raum, in Zentralafrika und Südamerika verbreitet, meist verbunden mit speziellen Ritualen und Zeremonien.

Autor
Lithophone, Steinspiele und Klangsteine sind seit Urzeiten im fernöstlichen Raum, in Zentralafrika und Südamerika verbreitet. Hier tauchen sie meist im Zusammenhang mit ritueller oder zeremonieller Musik auf. In Europa spielen Steine dagegen erst in der jüngeren Geschichte eine Rolle in der Musik. Etwa in Form von Klangskulpturen oder Stelen, aber auch von Steinschlagzeugen, die von Perkussionisten bespielt und in Schwingung versetzt werden.
Im Studio Neue Musik stehen heute noch einmal "Lithophonien", also "Steinmusiken" auf dem Programm. Zu hören sind Stücke von Vito Zuraj, John Cage, Andreas Stahl und Iannis Xenakis. Am Mikrophon begrüßt Sie dazu Michael Rebhahn.
Fired Up heißt ein Ensemblestück, das der slowenische Komponist Vito Zuraj 2013 geschrieben hat. "Beim Komponieren dieses Werks" sagt Zuraj, "kehrten meine Gedanken immer wieder zum Prinzip der Reibung zurück, das unter anderem dazu genutzt werden kann, etwas zu entzünden. Ich stellte mir das Ganze allerdings nicht in dem Sinne vor, dass ein Feuer entfacht wird, es ging vielmehr um das Zünden komplexer musikalischer Strukturen, die in einer Art Kettenreaktion aufeinanderfolgen". Um den "Zündfunken" ganz konkret werden zu lassen, stattete Zuraj jeden Musiker des Ensembles mit einem zusätzlichen Instrument aus: mit jeweils einem Paar Steine, die aneinander gerieben oder geschlagen werden.

Musik 1
Vito Zuraj, Fired Up

Autor
Fired up von Vito Zuraj. gespielt vom Klangforum Wien unter der Leitung von Baldur Brönnimann.
Von John Cage stammt die nächste Musik. Ryoanji heißt das Stück für variable Besetzung, das Cage zwischen 1983 und 1985 konzipierte. Ryoan-ji ist eine Tempelanlage in Kyoto, der "Tempel des zur Ruhe gekommenen Drachens", der 1499 gegründet wurde. Berühmt ist diese Anlage vor allem wegen ihres Gartens. Dieser besteht aus einer 30 mal 10 Meter großen Fläche aus fein gerechtem Kies, auf dem 15 scheinbar zufällig platzierte Steine ruhen. Cage hatte diesen Garten bereits im Jahr 1962 besucht – und sich seither immer wieder damit beschäftigt. In seiner Wohnung in New York baute er den Garten gewissermaßen nach, indem er gleichermaßen eine Anordnung von 15 Steinen ersann.
1983 begann er damit, diese Anordnung aus immer neuen Perspektiven zu zeichnen. Aus einer Reihe dieser Zeichnungen leitete er die Partitur des Stücks ab, das jetzt zu hören ist: Ryoanji in einer Ausarbeitung für Ensemble, gespielt vom Klangforum Wien.  

Musik 2
John Cage, Ryoanji

Autor
Ein Ausschnitt aus Ryoanji von John Cage, gespielt vom Klangforum Wien unter der Leitung von Emilio Pomárico.
Steinstück heißt ganz schlicht die nächste Komposition. Geschrieben hat sie der 1955 geborene Schweizer Andreas Stahl. Das 1992 entstandene Stück liegt in zwei Fassungen vor. Zum einen für eine Skulptur des Zürcher Bildhauers Heinz Häberli: zwölf mannshohe Steinsäulen, zwischen denen die Schlagzeuger sich bewegen. Zum anderen hat Andreas Stahl eine sogenannte "Tischversion" des Stücks erarbeitet. Für diese Fassung sollen die Musiker zwölf steinerne Materialien – etwa Steinplatten, -röhren oder -ziegel – auswählen und bespielen. Bei jeder Aufführung wird – nach einer Anweisung in der Partitur – einer der Steine zerstört, wodurch sich einige Abläufe des Stücks mit einem gewissen Quantum an Zufall verändern.

Musik 3
Andreas Stahl, steinstück

Autor
steinstück von Andreas Stahl, gespielt vom Polarity Percussion Ensemble.
Am Ende des heutigen Studio Neue Musik steht ein Ausschnitt aus einem Stück von Iannis Xenakis: La Legende d’Eer entstanden 1978 im Elektronischen Studio des WDR. In seinem insgesamt 46-minütigen Stück reflektiert Xenakis, wie er sagt, "Ideen von der Moral, vom Schicksal, vom physikalischen und transphysikalischen Universum, von Tod und Leben in einem geschlossenen System". Angeregt wurde er dabei von philosophischen Texten – von Passagen aus Platons "Politeia" und Blaises Pascals "Pensées".
Für seine gewissermaßen "ontologische" Musik verwendete er drei Klangfamilien: Zum einen Aufnahmen von Instrumenten, wie etwa afrikanische oder japanische Trommeln; weiterhin Geräusche, wie aneinander geschlagene Steine oder geriebene Kartons; und schließlich rein synthetische Klänge, die er mit Hilfe stochastischer Operationen am Computer erzeugte. Im WDR-Studio verarbeitete Xenakis alle diese Klangquellen in einem knapp zweijährigen Arbeitsprozess und schuf damit sein umfangreichstes elektronisches Werk.

Musik 4
Iannis Xenakis, La Légende d’Eer

Autor
WDR 3 Studio Neue Musik – heute mit "lithophonen" Stücken, also mit Kompositionen, in denen Steine eine Rolle spielen. Zuletzt hörten Sie einen Ausschnitt aus dem elektronischen Stück La légende d’Eer von Iannis Xenakis. Davor standen Kompositionen von Andreas Stahl, John Cage und Vito Zuraj auf dem Programm.
Die Redaktion der Sendung hatte Harry Vogt, am Mikrophon verabschiedet sich Michael Rebhahn und wünscht Ihnen eine gute Nacht.


Pressetext

Lithophone, Steinspiele und Klangsteine sind seit Urzeiten im fernöstlichen Raum, in Zentralafrika und Südamerika verbreitet, meist verbunden mit speziellen Ritualen und Zeremonien. In Europa spielen Steine erst in jüngerer Geschichte eine Rolle in der Musik. Etwa in Form von Klangskulpturen oder Stelen, die von Bildhauern geformt, von Schlagzeugern geschlagen und in Schwingung versetzt werden.
Für Iannis Xenakis ist jedes Musikstück "eine Art Felsblock in einer komplexen Form mit Schrammen und Mustern, die darauf oder darein geritzt sind". In seiner zeit- und raumgreifenden elektroakustischen Komposition "La Légende d’eer" bezieht er neben instrumentalen und computergenerierten synthetischen Klängen auch umfänglich Geräusche, vor allem von Steinen mit ein.
Eine besondere Beziehung zu Steinen hatte John Cage. Seine Komposition "Ryoanji" geht auf einen Besuch des Steingartens in Kyoto zurück. 1983 entstand zunächst eine Serie von Zeichnungen, kurz danach ließ Cage eine Reihe von Stücken mit dem gleichen Titel in verschiedenen Besetzungen folgen.


Musikliste

Vito Zuraj
Fired Up für Ensemble (2013)
Klangforum Wien, Leitung: Baldur Brönnimann
Aufnahme: ORF

John Cage
Ryoanji Fassung für Ensemble (1983–85)
Klangforum Wien, Leitung: Emilio Pomárico
Aufnahme: WDR

Andreas Stahl
steinstück für 3 Schlagzeuger (1992)
Polarity Percussion Ensemble
Aufnahme: SR

Iannis Xenakis
La Légende d’Eer, Elektronische Musik (1978)
Aufnahme: WDR


Autor: Michael Rebhahn
Redaktion: Harry Vogt