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Nicht spoilern!

Szene aus "Psycho"

Nicht spoilern!

Von Christian Möller

Kaum spricht man heute über Details aus Serien oder Filmen, hält sich schon jemand ängstlich die Ohren zu. Woher kommt die Spoilermanie? Ein Interview mit dem Züricher Filmwissenschaftler und Kritiker Simon Spiegel über den Unterschied zwischen neuen Serien und alten Klassikern.

WDR: Herr Spiegel, kann man von einer Spoilermanie sprechen?

Simon Spiegel: Ja, würde ich sagen. Es gibt eine neue Intensität und Aggressivität, mit der Spoiler behaftet sind. Ich muss mir als Kritiker mittlerweile überlegen, ob ich überhaupt etwas über den Film sagen darf, ohne dass jemand beleidigt schreit "Spoiler!".

WDR: Seit wann geht das schon so?

Star Trek Fans auf einer der Star trek 3 Convention in London

Star Trek Fans auf einer der Star Trek 3 Convention in London 2016

Spiegel: In seiner modernen Bedeutung taucht der Begriff zum ersten Mal in den 1980er Jahren in frühen Internet-Newsgroups auf, und zwar bei der Diskussion eines "StarTrek"-Films. Als breit genutzter Begriff setzt sich "Spoiler" eigentlich erst um die Jahrtausendwende herum durch.

WDR: Ungefähr zur selben Zeit wie das Internet. Gibt es da Zusammenhänge?

Spiegel: Der Spoiler ist ein Phänomen, das viel darüber aussagt, wie sich die Medien und unsere Mediennutzung verändert haben. Natürlich war es immer schon möglich, das Ende einer Geschichte zu verraten. Aber die Idee des Spoilers konnte sich erst mit Online-Kommunikationsformen wie Blogs, Facebook und Twitter durchsetzen.

Game of Thrones

Szene aus "Game of Thrones"

Erst wenn ich ohne Verzögerung eine große Gruppe von Leuten erreichen kann, wird der Spoiler zu einem Problem. Wenn am Sonntag die neue Folge von "Game Of Thrones" läuft, weiß am Montag die ganze Welt potenziell, was passiert ist.

WDR: Neuere TV-Serien wie "Breaking Bad" oder "Game Of Thrones" werden immer komplexer, ziehen sich über mehrere Staffeln hin. Inwieweit spielt das für Spoiler eine Rolle?

Spiegel: Diese Serien arbeiten ja sehr stark mit Clous, mit Twists, mit unerwarteten Wendungen. Dass das so flächendeckend geschieht, ist in der Form neu. Wenn man in der Geschichte zurückblickt, findet man viele Genres, bei denen sich das Spoilern erübrigt hätte.

Ein Portrait des Filmkritikers Simon Spiegel

Der Filmkritiker Simon Spiegel

Bei der klassischen Tragödie stirbt immer der Held. Das hätten Sie einem antiken Theatergänger ruhig verraten dürfen. Bei "Othello" oder "Hamlet" ist von vornherein klar, dass es da kein Happy End gibt. Bei einem klassischen Western weiß jeder, wer der Gute und wer der Böse ist. Da gibt es nichts zu spoilern

WDR: Was halten Sie denn von der Aufregung über Spoiler?

Spiegel: Es wird dem Medium nicht gerecht. Man tut so, als wäre ein Film nur eine Handlung, die man auf einer Seite zusammenfassen könnte, und wenn ich das gelesen habe, muss ich ihn nicht mehr anschauen. Das ist für mich ein falsches Verständnis davon, warum ich mir Filme gucke.

Klar ist die Handlung nicht unwichtig, aber ich schaue einen Film doch auch weil er mich in eine Stimmung versetzt, wegen der Musik, den Schauspielern, der Kamera! Diese Reduktion auf den Plot, die in der Spoiler-Angst zum Ausdruck kommt, ist in meinen Augen ein großes Missverständnis.

WDR: Eine Verflachung?

Spiegel: Das klingt kulturpessimistisch und oberlehrerhaft, aber in gewisser Weise schon, ja. Weil es alles, was das Medium ausmacht, ausblendet. Natürlich gibt es Momente, wo es toll ist, wenn man überrascht wird. Die "Red Wedding" bei "Game Of Thrones" - und ich sage jetzt nicht, was da geschieht -, da sitzt man mit großen Augen und offenem Mund da.

Der Schauspieler Anthony Perkins in Alfred Hitchcocks Film "Psycho" von 1960

Der Schauspieler Anthony Perkins in Alfred Hitchcocks Film "Psycho" von 1960

Andererseits, bei einem Film wie "Psycho" von Hitchcock, weiß inzwischen doch jeder, was die zwei großen Überraschungen sind. Das ändert nichts daran, dass das ein Meisterwerk ist, das man sich immer wieder anschaut. Filme und Serien, die nur auf Twists basieren, finde ich langweilig. Wenn man einen Film nicht ein zweites Mal mit Genuss schauen kann, ist es meistens kein guter Film.

Das Interview führte Christian Möller für WDR 3 Kultur am Mittag.

Eine Kulturgeschichte des "Spoilers"

WDR 3 Kultur am Mittag | 02.10.2017 | 06:22 Min.

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Stand: 02.10.2017, 11:14