Bahia Shehab: Die arabische Kunst, "Nein" zu sagen

Bahia Shehab: Die arabische Kunst, "Nein" zu sagen

Von Cornelia Wegerhoff

Die Weltkulturorganisation UNESCO verleiht den Sharjah-Preis für arabische Kultur erstmals an eine Frau: die libanesisch-ägyptische Künstlerin Bahia Shehab, die mit ihren Graffiti klare Botschaften verkündet. Ein Porträt in Bildern.

Eine Fotografie der Installation "Tausend Mal Nein" von Bahia Shehab.

Bahia Shehab beschriftete einen durchsichtigen Vorhang, sieben Meter hoch und drei Meter breit, mit exakt tausend verschiedenen "La", dem arabischen Wort für "nein". Damit setzte sie eine typische arabische Redewendung um, die starke Ablehnung deutlich machen soll: "Nein, tausend Mal Nein." Die Installation ist ein Schlüsselwerk der ägyptisch-libanesischen Künstlerin und war 2010 in München und danach unter anderem in London und Istanbul zu sehen.

Bahia Shehab beschriftete einen durchsichtigen Vorhang, sieben Meter hoch und drei Meter breit, mit exakt tausend verschiedenen "La", dem arabischen Wort für "nein". Damit setzte sie eine typische arabische Redewendung um, die starke Ablehnung deutlich machen soll: "Nein, tausend Mal Nein." Die Installation ist ein Schlüsselwerk der ägyptisch-libanesischen Künstlerin und war 2010 in München und danach unter anderem in London und Istanbul zu sehen.

In Vorbereitung der Ausstellung im Münchner "Haus der Kunst" durchforschte Bahia Shehab über ein Jahr lang die islamische Kulturgeschichte nach dem arabischen Wort "La". Es besteht aus den arabischen Buchstaben "Lam" und "Alif", die miteinander verbunden sind. In Moscheen und Mausoleen, aber auch in Schriftwerken und auf orientalischen Teppichen fand Bahia Shehab sie in unterschiedlichsten Varianten, mal schlicht, mal üppig verziert.

Bahia Shehab zur Intention des Projektes: "Wenn ich als arabische Frau unbedingt ein Wort zum Ausdruck bringen wollte, dann das Wort Nein: Nein zu Gewalt. Nein zu Verstößen gegen die Menschenrechte. Nicht nur in der arabischen Welt, sondern überall auf der Erde."  Die Vielfalt dieses einen Wortes zeige auch "den Reichtum und die Schönheit der arabischen Kalligrafie", so Shehab.

Im Herbst 2011 ging Bahia Shehab mit ihrer Kunst, "Nein" zu sagen, dann auf die Straße. Mit Stencils, Graffitis, die mit Hilfe von Schablonen gesprüht werden, protestierte sie gegen die Gewalteskalation nach der Revolution in Ägypten.  Hier ein floral verziertes "Nein" mit dem arabischen Zitat des chilenischen Dichters Pablo Neruda: "Du kannst die Blumen zertrampeln, aber nicht den Frühling aufhalten." Es spielt auf den arabischen Frühling an.

Im Dezember 2011 wurde in Kairo eine verschleierte Demonstrantin von Angehörigen der ägyptischen Armee brutal über die Straße geschleift, an den Haaren gezerrt, getreten und schließlich entkleidet, so dass ihr blauer BH zu sehen war. Bahia Shehab machte auch ihn zum Protest-Symbol. "Die Gewalt gegen Frauen hat uns tief geschockt und beschämt", so die Ägypterin.

Damals entstand ein neues "La"-Graffiti: "Nein zum Entkleiden von Menschen". Im stilisierten Abdruck des Militärstiefels steht: "Lang lebe eine friedliche Revolution." Neben Bahia Shehab drückten auch zahlreiche andere junge Künstler in Ägypten ihren Protest mit Streetart aus. Die staatlichen Behörden ließen die Kunstwerke, die zum Teil über ganze Straßenzüge schmückten, oftmals übermalen.

Die 39-jährige Bahia Shehab ist studierte Kunsthistorikerin und unterrichtet an der Amerikanischen Universität (AUC) in Kairo. "Ich bin Historikerin. Ich habe zwei Kinder. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal auf der Straße aktiv werde. Aber ich sah, wie Menschen auf offener Straße umgebracht wurden, wie ihre Leichen auf dem Müll lagen. Im November 2011 sagte ich mir: Okay, es ist genug. Da kann ich nicht weiter zusehen."

Bahia Shehab realisiert inzwischen Streetart-Projekte auf der ganzen Welt. Im vergangenen Jahr präsentierte sie in neun internationalen Städten Weisheiten des 2008 verstorbenen palästinensischen Dichters Mahmoud Darwish - in der marokkanischen Stadt Marrakesch beispielsweise den Satz: "Wir lieben das Leben, wenn wir Zugang dazu haben."

Oder dieses Graffiti vom August 2016, das sie auf der griechischen Insel Kefalonia realisierte. Ein Gedenken an die vielen namenlosen Ertrunkenen, die die Flucht über das Mittelmeer nicht überlebten. Die modern gestaltete, arabische Kalligrafie gibt ein Darwish-Zitat wieder: "Die, die kein Land haben, haben kein Meer."

Auch wenn es in der heutigen Zeit nicht immer leicht sei, versuche sie optimistisch zu bleiben, so Bahia Shehab. Als Dozentin und Künstlerin will sie die junge Generation dazu ermuntern, Teil des gesellschaftlichen Wandels zu sein. Ihr Streetart-Projekt in Tokio: "Auf dieser Erde gibt es Dinge, für die es zu leben wert ist."

Bahia Shehab erhält den Sharjah-Preis für arabische Kultur der UNESCO zusammen mit dem Franzosen eL Seed. Die Jury lobte die beiden für ihren "innovativen Einsatz arabischer Kalligrafie in Streetart-Projekten.

Stand: 18.04.2017, 12:27 Uhr