Manuel Gogos über seine Recherchen bei den "Identitären"

Manuel Gogos über seine Recherchen bei den "Identitären"

Von Manuel Gogos

Die "Identitären" sind eine europäische Jugendbewegung, in der uns der Rechtsextremismus der Zukunft begegnet: smart und internetaffin benutzen sie Jugendsprache und docken an die Populärkultur an. WDR-Autor Manuel Gogos hat einige von ihnen getroffen - und sich mit ihren Aussagen auseinander gesetzt.

Manuel Gogos

Manuel Gogos

Von welchem Stern sind sie gefallen, diese Identitären, aus welchem Höllenschlund sind sie gekrochen? Anhänger von Pegida huldigen ihnen als ihren Vordenkern, einschlägige Medien der Szene werden im Vorstand der AfD gelesen. In Österreich unterhalten sie enge Verbindungen zur FPÖ, in Frankreich zum Front National. Ob mit Trump, Orban oder Le Pen, AfD, FPÖ oder Front National: Überfremdungsängste grassieren wie ein ansteckendes Fieber, Flüchtlingskrise und Multikulturalismus werden für alles Übel in der Welt verantwortlich gemacht. Es ist diese Untergangsstimmung, die die Identitären geschickt für ihren Aufstieg nutzen, es ist diese Identitätskrise, als deren Lösung sie sich selbst inszenieren.

Dürfte ich überhaupt existieren?

Manuel Gogos und sein Vater am Strand

Gastarbeiterkind: Manuel Gogos mit seinem Vater

Was aber, wenn der eigene Vater selbst in den 1960er Jahren als Gastarbeiter aus Griechenland nach Deutschland eingewandert ist, wie in meinem Fall. Was bedeutet das dann in den Augen dieser identitären "Ethnopluralisten"? Ist mein Vater dann ein Agent des "großen Austauschs", vor dem sie permanent warnen? Dürfte jemand wie ich dann überhaupt existieren? Das wollte ich die "Jugendlichen ohne Migrationshintergrund", gerne selber fragen. Und: Was ist das überhaupt für eine chimärische Identität, die sie zu verteidigen behaupten?

Ich wollte sie zwingen, Farbe zu bekennen

Martin Sellner, Vorsitzender der rechtspopulistischen "Identitären Bewegung in Österreich"

Martin Sellner - eine Art rechter "Rudi Dutschke"

Ich machte mich zu einer Art ethnographischer Forschungsreise auf, nicht um diese Identitären zu diffamieren, sondern sie zur Diskussion einzuladen – um sie zu zwingen, Farbe zu bekennen. Es kam zu Begegnungen wie mit dem rechten Publizisten Felix Menzel, einem wichtigen Impulsgeber der Pegida-Bewegung, oder mit Martin Sellner, einer Art rechtem "Rudi Dutschke" in Wien. Sie waren mir nicht unsympathisch, und zu meinem Erstaunen habe ich auch Berührungsflächen gefunden, zum Beispiel mit der identitären Meisterfeder Martin Lichtmez, das gemeinsame Faible für Autoren wie Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger oder Emil Cioran. Sie sind kluge Gesprächspartner, diese Rechtsintellektuellen, und fast wollte ich ihnen glauben, dass sie "einfach nur patriotisch" sind.

Sie sehen Flüchtlinge als "Boten des Untergangs"

Aber dann standen mir wieder die Haare zu Berge, wenn sie erklären, jede Straßenbahnfahrt in einer beliebigen Großstadt werde heute zum Unheil ankündenden Weckruf, der "große Austausch" sei im Gange. Und die Flüchtlinge seien die Boten des Untergangs –apokalyptische Reiter, die uns in unserer wohlgeordneten Welt heimsuchen wie Aliens, wie Zombies. Da spielen die Idenitären dann das alte Spiel vom Sündenbock, dämonisieren den Fremden, und werden mit ihren ganzen Beschwörungsformeln vom Untergang des Abendlandes zu "Pornographen der Katastrophe".

Die Identitären funktionieren perfekt als "Marke"

Jugendliche betrachten eine im rechten Bereich agierende Webseite

Warnung vor dem "großen Austausch"

Auch der aus dem Rheinland stammende und heute in Wien lebende Politikwissenschaftler Julian Bruns weiß, wie perfekt die Identitären als "Marke" funktionieren, wie erfolgreich ihr Versuch eines "Rebrandings" rechter Politik heute ist. Ist Martin Sellner wirklich aus der Neonaziszene ausgestiegen, wie er mir versichert hat, oder war das nur ein geschicktes Täuschungsmanöver? Ist seine Warnung vor dem "großen Austausch" nicht genau das, was Neonazis – nicht ganz so clever –den "Volkstod" nennen? Sind die Identitären wirklich nur harmlose "Patrioten", die den gewaltlosen Widerstand Gandhis propagieren? Oder besteht gerade darin ihre besondere Gefährlichkeit und Tücke – dass sie durch das übliche Raster des Rechtsextremismus fallen, dass der Wolf Kreide gefressen hat?

Mein Feature dechiffriert die Selbstinszenierungen der Identitären, um den Rechtsextremismus 2.0 sichtbar zu machen. Gleichzeitig habe ich auf meiner Reise zu den Identitären mein eigenes Gefühl für Identität geschärft: Über Identität lässt sich nur im Plural reden. Und: man darf es nicht den Rechten überlassen, das Geschichtenerzählen von Herkunft, Heimatliebe und Tradition.

GUTEN MORGEN, ABENDLAND! Die Invasion der Identitären

WDR 3 Hörspiel | 15.11.2016 | 53:34 Min.

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Stand: 14.11.2016, 12:54