"Ein großer Coup"

Henri Matisse: Torse à laiguière (1927)

Münster holt Matisse-Sammlung

"Ein großer Coup"

Von Thomas Köster

Sensation in Münster: 121 Werke des französischen Fauvisten Henri Matisse wandern aus einem Pariser Banksafe in den Bestand des Picasso-Museums. Mehr Matisse gibt es in Deutschland nirgends. Möglich wurde der Ankauf durch die örtliche Sparkasse – und dadurch, dass die Bilder den Matisse-Erben offenbar zu kostbar zum Verscherbeln waren.

Museumsdirektor Markus Müller ist glücklich. "Innerlich frohlockt" habe er, als nach langen Vertragsverhandlungen der Deal mit den Matisse-Erben endlich unter Dach und Fach gewesen sei. Der Erwerb der 121 Werke, die die ganze Spannbreite der grafischen Ausdrucksmöglichkeiten des französischen Künstlers illustrierten, nennt er "einen großen Coup". Immerhin kann sich Münster jetzt mit der größten Matisse-Sammlung Deutschlands schmücken. Noch größer wird der Coup dadurch, dass die Zeichnungen, Lithografien, Radierungen, Holz- und Linolschnitte bisher noch nie in der Öffentlichkeit zu sehen waren: ein "Verkauf ab Werk", wie Müller sagt.

60 Jahre fest verschlossen

Tatsächlich ruhten die Matisse-Grafiken, die fast die gesamte Schaffensperiode des französischen Malers von 1906 bis kurz vor seinem Tod 1954 abdecken, über 60 Jahre lang in einem Banksafe in Paris. Den Kontakt zwischen den Besitzern und der Sparkasse Münsterland Ost, die die Werke bezahlte und dem Museum nun als Dauerleihgabe zur Verfügung stellt, hat der Münsteraner Museumsdirektor vermittelt. Warum Münster den Zuschlag erhielt und nicht etwa das Musée Matisse in Nizza? Das sei letztendlich eher "einer Bierlaune" zu verdanken gewesen als großem Verhandlungsgeschick, sagt Müller. Seit 2012 ist er mit den Erben bekannt - und blieb offenbar beharrlich.

Markus Müller, Direktor des Picasso-Museums Münster

Museumsdirektor Markus Müller

Über den Preis der Grafiken herrscht – natürlich – Stillschweigen. Neben Geld scheint aber ohnehin auch Sympathie ein Verkaufsargument gewesen zu sein – und der Umstand, dass die Matisse-Erben ihre Sammlung nicht in alle Winde zerstreut sehen wollten. Ein Verkauf von Einzelblättern in Auktionen wäre auf dem Auktionsmarkt, der momentan Rekordgewinne verbucht, sicher lukrativer gewesen.

"Das Ensemble ist eine Granate"

Mit den neuen Matisse-Werken erweitert das Picasso Museum Münster, das erst 2014 unter dem Titel "Figur und Ornament" eine große Matisse-Ausstellung zeigte, seine Bestände optimal: Immerhin besitzt das Haus bereits zehn Malerbücher des Künstlers, darunter das legendäre Scherenschnittbuch "Jazz" aus dem Jahr 1947. "Das jetzige Ensemble", sagt Müller, "ist eine Granate".

Picasso und Matisse beobachteten einander Zeit ihres Lebens übrigens aus kritischer Distanz. Und richtig grün waren sich beide Künstler offensichtlich nicht. Eifersucht war da ein zentrales Thema. Als Matisse in hohem Alter die Rosenkranzkapelle mit Wandmalereien und Glasfenstern zum Leuchten brachte, soll Picasso ihm geraten haben, doch besser einen Blumen- und Gemüsemarkt von Nizza zu dekorieren. Dass sich die Werke der beiden Streithähne in Münster jetzt in die Quere kommen könnten, befürchtet Müller nicht. Im Gegenteil. Schließlich belebe "Konkurrenz das Geschäft".

Ausstellung erst Ende 2016

Picasso-Museum Münster

Picasso-Museum Münster

Bis es im Picasso-Museum zum Duell der Giganten kommen kann, müssen sich Kunstfans allerdings gedulden. Im Herbst 2016 sollen die 121 Exponate in einer Matisse-Ausstellung erstmals zu sehen sein. Auch für Picasso sind drei Räume vorgesehen. "Aber wir trennen die beiden lieber durch ein Stockwerk", sagt Müller. "Das ist besser." Bis dahin wandern die Matisse-Werke, die aus dem Banksafe kamen, ins Münsteraner Museums-Depot.

Stand: 02.09.2015, 10:44