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Schriftsteller Abbas Khider im Interview: "Der Flüchtling lebt in einem Knast aus Ängsten"

Schriftsteller Abbas Khider im Interview: "Der Flüchtling lebt in einem Knast aus Ängsten"

Flüchtlinge in Deutschland müssen lügen. Ihr Leben gleicht einer psychischen Folter. Das sagt der deutsch-irakische Schriftsteller Abbas Khider, der seine Erfahrungen als Asylsuchender in einem Roman und einem WDR-Hörspiel dargestellt hat. Ein Gespräch über kalte Bürokraten, falsche Debatten – und Existenzen ohne Zukunft.

Abbas Khider

Abbas Khider

WDR 3: Herr Khider, Sie sind 1996 aus dem Irak Saddam Husseins geflohen und nach vier Jahren als "illegaler Flüchtling" in verschiedenen Ländern Afrikas und Asiens nach Deutschland gekommen. Jetzt haben Sie mit "Ohrfeige" zeitgleich einen Roman und ein WDR-Hörspiel vorgelegt, die auf ihren Erlebnissen basieren. Was haben Sie als Flüchtling in Deutschland erlebt?

Khider: Man durchlebt verschiedene Phasen. Das erste, was man nach seiner Ankunft will, ist Sicherheit. Aber dann kommt die Integrationsphase, und damit beginnen die großen Schwierigkeiten. Auf der Flucht hat man nur Angst um sein Leben. Danach hat man nur noch Angst um seine Zukunft.

WDR 3: Was für Zukunftsängste sind das konkret?

Khider: Eine Zukunftsangst gilt natürlich der Aufenthaltserlaubnis. Danach geht es aber weiter. Man muss einen Job und eine Wohnung finden, man braucht eine Krankenversicherung, muss Integrations- und Sprachkurse besuchen. Und dann ist man nur eine billige Arbeitskraft – oft trotz Abiturs oder Studiums, die in Deutschland nicht anerkannt werden. Von der ständigen Angst vor Abschiebung ganz zu schweigen.

Das Leben der Asylsuchenden besteht aus viel zu vielen Problemen. Aber es ist eigentlich gar kein Leben. Das ist ein von der Bürokratie errichteter Knast, der aus Ängsten gemauert ist.

WDR 3: In "Ohrfeige" ist es die Grundangst ihrer Figuren, mit ihrem wahren Lebenslauf in Deutschland keine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen

Abbas Khiders neuer Roman "Ohrfeige"

Abbas Khiders Roman "Ohrfeige" kommt zeitgleich als WDR-Hörspiel heraus

Khider: Aber so ist es ja auch in Wirklichkeit! Um Asyl zu bekommen, müssen Flüchtlinge immer neue Geschichten erfinden. Das geht bis zur Änderung des Namens. So haben sie in Deutschland von Anfang an zwei oder noch mehr Identitäten.

WDR 3: Warum müssen Flüchtlinge diese Geschichten erfinden?

Khider: Weil dieses bürokratische System von den Menschen verlangt, zu Lügnern zu werden. Wenn sie zum Beispiel aus einem anderen Asylland eingereist sind und deshalb in Deutschland von Gesetzes wegen kein Asyl mehr bekommen können. Oder wenn Sie einmal ein Visum bekommen haben mit einem "verräterischen" Stempel im Reisepass, und sei es in Südamerika.

In "Ohrfeige" erzähle ich von einem Deserteur aus dem Irak, der in Deutschland Asyl beantragen will. Aber Fahnenflucht ist eben noch kein ausreichender Grund dafür. Also muss eine falsche Biografie her, die gute, erfundene Gründe enthält. Das ist das Leben der Menschen.

WDR 3: Zielt die momentane "Flüchtlingsdebatte" genügend auf dieses Leben ab?

Khider: Nein. In diesen Debatten geht es nur um die erste Phase, vor der Integration. Was danach passiert, was das Verwaltungssystem mit diesen Menschen macht, wird totgeschwiegen. Das ist aber oftmals psychischer Terror, eine innerliche Folter. Und am Ende erreichen die meisten nichts. Wie die Figuren in meinem Roman und im Hörspiel.

WDR 3: Wie sähe eine gelungene Integration für Sie denn aus?

Khider: Zunächst einmal mag ich das Wort überhaupt nicht. Es klingt für mich nach einer Art Medizin, die Menschen verabreicht wird. Ich würde viel lieber über Zusammenleben sprechen. Integration bedeutet ja vor allem: Werte zu akzeptieren, die vielleicht nicht die eigenen sind. Die Realität zeigt aber, dass nicht einmal die Möglichkeit zu dieser Integration besteht.

Ein Beispiel: Sie haben eine Frau kennengelernt. Die Frau sagt: "Du darfst in meine Wohnung einziehen. Aber wenn ich morgen einen anderen Mann finde, musst du raus, egal wann es ist." Würden Sie mit Herz und Seele an einem solchen Ort leben wollen? Das meint Integration. Zusammenleben sollte anders funktionieren.

WDR 3: "Selbst wenn Arabisch Ihre Muttersprache wäre, würden Sie mich nicht verstehen", sagt ihr Protagonist in "Ohrfeige" einmal zu seiner Sachbearbeiterin. "Ein Erdling spricht mit einem Marsianer. Oder umgekehrt." Sind da am Ende vielleicht beide Seiten überfordert?

Khider: Ja, sicher! In "Ohrfeige" kritisiere ich ja auch beide Seiten. Diese ganze Komplexität des Verhältnisses aus der Distanz des Beobachters darzustellen – das habe ich versucht.

WDR 3: Wenn Sie auf Ihre eigene Zeit als Asylbewerber zurückblicken: Was hat sich an der Situation geändert, was ist gleich geblieben?

Khider: Früher haben wir permanent über die Multikulti-Gesellschaft geredet. Dazu hat man mich selbst ja auch ständig befragt. Irgendwann kam dann eine Politikerin, die behauptet hat, dass "Multikulti" gescheitert sei. Seitdem ist dieser Begriff ein Teil der Antike. Jetzt reden wir permanent über "Willkommenskultur". Aber im Grunde geht es gestern wie heute um dieselbe, einfache Sache.

Es geht um die simple Frage, ob die Menschen, die zu uns kommen, Menschen sind oder nicht. Wenn sie Menschen sind, müssen wir sie auch wie Menschen behandeln. Und lernen, mit ihnen wie mit Menschen umzugehen. Das vergessen wir leider ständig.

Das Interview basiert auf einem Gespräch, das Moderator Sascha Ziehn in "WDR 3 Kultur am Mittag" mit Abbas Khider führte.

Abbas Khider

Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren. 1993 wurde er wegen seiner politischen Aktivitäten gegen Saddam Hussein verhaftet und saß zwei Jahre lang als politischer Gefangener in irakischen Gefängnissen. 1996 floh er aus dem Irak und lebte danach in verschiedenen Ländern als "illegaler" Flüchtling. 2000 kam er nach Deutschland. Dort begann er zu schreiben – auf Deutsch. 2007 erhielt er die deutsche Staatsbürgerschaft. Inzwischen hat er vier Romane veröffentlicht, die alle von Flucht und Ankunft, Identität und Verleugnung, Heimat und Fremde erzählen: "Der falsche Inder" (2008), "Die Orangen des Präsidenten" (2011), "Brief in die Auberginenrepublik" (2013) und "Ohrfeige" (2016). Für sein Werk erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen, darunter den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis, den Nelly-Sachs-Preis und den Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil.