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"Werther": Hommage an die Empfindsamkeit

"Werther": Hommage an die Empfindsamkeit

Von Rohita Bruckmann

Das Main-Barockorchester Frankfurt hat sich für die Tage Alter Musik in Herne etwas Ungewöhnliches überlegt: Es führt Pugnanis Werther-Melodram auf – ein in Vergessenheit geratenes Stück, das Goethes berühmten Briefroman "Die Leiden des jungen Werther" vertont. Das Thema: heftige Gefühle, starkes Leiden und eine Geschichte, die nie alt wird.

Es wird emotional beim Festival Tage Alter Musik in Herne. Am Freitag (11.11.2016) spielt das Main-Barockorchester Frankfurt Pugnanis Konzertmelodram "Werther - ein Roman in Musik gesetzt". Das Besondere dieser Aufführung: Ein Sprecherensemble begleitet das Orchester. Die beiden Schauspielbrüder Nils und Till Beckmann sowie Greta Schareck spielen Werther, Wilhelm und Lotte aus dem Goethe’schen Briefroman, der dem Melodram zugrunde liegt. Regie führt Uwe Schareck, die musikalische Leitung hat Michael Hofstetter.

Goethes Werther als Vorlage

Der Schauspieler Nils Beckmann bei der Werther-Probe in Köln 2016

Der Schauspieler Nils Beckmann als Werther

Mit dem "Werther" knüpft das Main-Barockorchester Frankfurt an das diesjährige Festivalmotto "Hommage" an. Pugnanis Melodram ist eine Hommage an Goethe. Dessen "Die Leiden des jungen Werther" erzählt die Geschichte eines leidenschaftlichen Mannes, der sich unglücklich verliebt und am Ende vor Kummer umbringt. Der Roman traf 1774 den Nerv der Zeit.

Zeitgemäß war auch Pugnanis "Werther", und zwar in zweifacher Hinsicht: Der Geigenvirtuose griff die junge Kunstform Melodram auf. Und er wagte sich an den zeitgenössischen Goethe-Stoff. Der Briefroman bot sich an: Ein Protagonist gibt tiefe Einblicke in sein intensives Gefühlsleben, berichtet, ohne den natürlichen Sprachduktus zu verlassen. Die Musik kann diese Gefühlstiefe unterstützen, kommentieren – in Noten fassen, was zwischen den Zeilen steht. Pugnanis Intention: Die Geschichte musikalisch so zu erzählen, dass der Inhalt grundsätzlich ohne Text verständlich ist. Doch sein Melodram geriet lange Zeit in Vergessenheit – das Material lag im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Nur zwei Aufführungen aus der Entstehungszeit sind bekannt. Darunter eine Uraufführung am Wiener Burgtheater 1796.

"Wie eine gute Popmusik"

Der Regisseur Uwe Schareck bei der Werther-Probe in Köln 2016

Uwe Schareck führt Regie

In Herne gehen Musik und Sprache eine gefühlvolle Verbindung ein. Uwe Schareck, Sabine Rademacher und Tilman Schärf haben für das Oeuvre die Textpassagen aus dem Programmbuch von 1796 und Goethes Originaltext rekonstruiert. Uwe Schareck: "Das Besondere an der Inszenierung ist die Spannung, die nicht nur in der Konzentration auf mehrere Medien - Bühne und Hörfunk - entsteht, sondern vor allen Dingen in den Möglichkeiten, Sprache und Musik zu verbinden. Wenn Sie den Text zusammen mit der Musik von Pugnani nehmen, dann ist das wie eine gute Popmusik heute."

Das Besondere im Alltäglichen

Bei den Proben müssen die Schauspieler aus logistischen Gründen vorerst ohne das Orchester auskommen. Das erfordert eine hohe Konzentration und detailgenaue Planung. Auf der Bühne ist wenig Platz für Requisiten, weil das Orchester auf der Bühne sitzen wird. Ein Bühnenbild ist nicht geplant, wohl aber Projektionen von Werther-Stichen des Grafikers Daniel Nicolaus Chodowiecki. Sie zeigen zum Beispiel die berühmte Brotschneideszene, "wo Werther sich in Lotte verliebt, wo sie ihren Geschwisterkindern das Brot abschneidet und er in dieser alltäglichen Begegnung, dieser alltäglichen Tätigkeit das Besondere und das Schöne sieht", sagt Nils Beckmann.

Die Schauspielerin Greta Schareck bei der Werther-Probe in Köln 2016

Greta Schareck verkörpert die Lotte

Der über 200 Jahre alte Stoff und die Musik sind kein Widerspruch zu der jungen Besetzung. Im Gegenteil: Nils Beckmanns Werther-Interpretation ist erfrischend authentisch und wirkt sehr zeitgemäß. Auch Till Beckmann und Greta Schareck geben dem Stoff eine ungekünstelte Frische. Das Team arbeitet kreativ konzentriert, der Umgang ist familiär - Schauspieler und Regisseur kennen sich bereits aus anderen Theaterprojekten und Hörspielproduktionen. Das wirkt sich positiv auf das Zusammenspiel aus. "Ich habe das Gefühl, dass es keine richtige Arbeit ist, sondern ein Zusammen. Man hat Spaß und muss sich gegenseitig ein bisschen runterschrauben, wenn es dann an die ernsten Szenen geht", sagt Greta Schareck. "Aber das finde ich auch das Schöne daran: Dass man einfach trotz dieser Ernsthaftigkeit im Stück zusammen lachen kann und das Gute sieht."

Veranstaltungshinweis:
11.11.2016, 20 Uhr
Kulturzentrum
Willi-Pohlmann-Platz 1
44623 Herne

Anfahrt
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Besetzung:
Werther: Nils Beckmann
Lotte: Greta Schareck
Wilhelm: Till Beckmann
Main-Barockorchester Frankfurt
Musikalische Leitung: Michael Hofstetter
Regie: Uwe Schareck

Stand: 04.11.2016, 15:00