06.03.2017 - Johannes Maria Staud, Die Antilope in Köln

"Die Antilope" von Johannes Maria Staud und Durs Grünbein an der Oper Köln

06.03.2017 - Johannes Maria Staud, Die Antilope in Köln

Wenn sich ein Büchner-Preisträger - Durs Grünbein - und ein Ernst-von Siemens-Preisträger - Johannes Maria Staud - zusammentun, kommt was Ernstzunehmendes heraus, zum Beispiel die Oper "Die Antilope", die jetzt in Köln, zweieinhalb Jahre nach ihrer Uraufführung in Luzern als Koproduktion herausgekommen ist. Vielleicht ist das Stück aber doch nicht zu ernst zu nehmen, sondern als ein verspäteter Karnevals-Ulk.

Der Angestellte Viktor stürzt sich bei einer Betriebsfeier, bei der das Personal Tiermasken trägt, aus dem 13. Stock, stirbt aber nicht, sondern redet "antilopisch" und erlebt nun allerhand absurde Situationen: Doktoren, die per Ferndiagnose potenzielle Patienten verhöhnen, eine Frau, die zu Tangomusik auf ihr Blinddate wartet, eine andere, die ihr Kind mit Kakao ruhig stellen will, um zur Massage zu gehen, eine singende kubistische Skulptur, eine missgedeutete Begegnung mit einem Tier im Zoo. Am Ende sind wir wieder auf der Firmenparty, und schließlich erfährt Viktor noch, dass er selbst das Kind mit dem Kakao ist. Hinter jeder Szene schleicht sich dann doch ein ernster Hintergrund hinein. Die Flucht aus der verdinglichten Sprache des Business, Kommunikationsunfähigkeiten in jeglichem Alltag und dann die Kunst, die (einzig) noch zu uns spricht und schließlich die Tiere, die sich nach ihrer Freiheit in der Natur sehnen. Miljenko Turk ist dieser Viktor, der sich traumwandlerisch sicher in der wohl auch ihm fremden antilopischen Sprache mitteilt.

Das hat stellenweise Witz und auch Tempo, aber weder das Schmunzeln über die Absurditäten noch die Erbauung über die dahinterliegenden Kunstgehalte wollen sich in den knapp 90 Minuten einstellen. Vermutlich ist der Text doch zu vordergründig: "Antilopen träumen von Afrika" oder: "Schön ist die Kunst: Sie will nichts von mir". Oder es ist die Musik von Johannes Maria Staud, die nie ihr Recht einfordert, selbst nicht in der sogenannten antilopischen Arie, die sich anhört wie ein improvisierter Singsang zu flächiger Orchesterbegleitung mit Glissandi, Gongs, Rasseln, dunklem Dröhnen, als ob hier Urwaldklänge von einem klassischen Orchester mit Elektronikunterstützung domestiziert werden. Das alles wird vom Gürzenich-Orchester und den Musikingenieuren des SWR-Experimentalstudios unter Howard Arman mit Ernst betrieben, wohingegen sich der Regisseur Dominique Mentha auf eine Kindertheaterästhetik verlegt hat, was dem Stück wahrscheinlich nicht einmal unangemessen ist.

Premiere: 05.03.2017, noch am 12., 18., 23. und 26.03.2017

Besetzung:
Victor: Miljenko Turk
Die Sekretärin, die junge Frau, die Mutter, die Passantin: Claudia Rohrbach
Eine Kollegin, eine Frau, die Skulptur: Emily Hindrichs
Eine Kollegin, eine Frau, die alte Frau: Dalia Schaechter
Ein Kollege, der junge Mann, ein Doktor: Martin Koch
Ein Kollege, der Passant, ein Doktor: Michael Mrosek
Der Chef, der Oberkellner, ein Doktor, der Wachmann: Lucas Singer
Eine Frau: Constanze Meijer

Chor der Oper Köln
Gürzenich-Orchester Köln
Musikalische Leitung: Howard Arman
Inszenierung: Dominique Mentha
Bühne: Ingrid Erb, Werner Hutterli
Kostüme: Ingrid Erb
Licht: Nicol Hungsberg
Chorleitung: Sierd Quarré
Dramaturgie: Georg Kehren, Christian Kipper

Stand: 06.03.2017, 17:48