22.08.2017 - Schostakowitsch, "Lady Macbeth von Mzensk in Salzburg

Salzburger Festspiele 2017, Dmitri Schostakowitsch, "Lady Macbeth von Mzensk"

22.08.2017 - Schostakowitsch, "Lady Macbeth von Mzensk in Salzburg

Schwer zu entscheiden, ob Mariss Jansons musikalische Darstellung klanggewaltiger oder Andreas Kriegenburgs Regie bildgewaltiger war bei Dmitri Schostakowitschs an musikalischen und dramaturgischen Brüchen reicher Partitur. "Lady Macbeth von Mzensk" ist ja nicht nur das schockierende oder auch anrührende Drama der Katerina Ismailowa, die aus ungestilltem Liebesbegehren zur dreifachen Mörderin und Selbstmörderin wird.

Es ist auch gleichzeitig eine Volksoper in dem langen litaneiartigen Gesang des alten Zwangsarbeiters auf dem Weg nach Sibirien, in dem Auftritt des Schäbigen, der bei seinem derben Trinklied die stinkende Leiche von Katerina Mann entdeckt Schließlich gibt es groteske Szenen wie das Lied der sich langweilenden Polizisten, das wie ein Kurt-Weill-Song klingt oder die Beischlaf-Musik im ersten Akt, die Katerina und Sergej förmlich anstachelt, es miteinander zu treiben und auch den Erschlaffungsmoment in Tönen abbildet. Das ist nichts anderes als musikalischer Sarkasmus.

Solche Stellen breiten sich in der Oper ausführlicher und ausgedehnter aus, als es die Dramaturgie des Stücks erforderte. Es geht hier um eine Lust am musikalischen Fabulieren, für die Schostakowitsch eine gewisse Vordergründigkeit in Kauf nimmt. Mariss Jansons lässt sich auf dieses musikalische Panoptikum ein. Mit den äußerst spielfreudigen Wiener Philharmonikern krachen bei der Salzburger Dernière wilde Fortissimoschläge, grummeln tiefe Bässe, wenn Katerina Schlimmes ahnt, peitschen und jagen die musikalischen Skalen nur so dahin. Da wird nichts versteckt oder weihevoll überhöht, sondern einfach mit äußerst Präzision drei Stunden lang musiziert. Die berührenden und lyrischen Momente ergeben sich wie von selbst, wenn Katerina herzzerreißend klagt, niemand werde ihre weißen Brüste streicheln, so sehr ist sie erotisch ausgehungert, wunderbar dargestellt von Evgenia Ismailowa, die für die erkrankte Nina Stemme eingesprungen war. Oder der gewalttätige Schwiegervater Boris, der noch in seinem Todeskampf, nachdem er von Katerina vergiftet wurde, Lebensenergie ausstrahlt durch den durchdringenden, energischen und blitzsauber artikulierten Gesang von Dmitry Ulyanov: Er zeigt uns böse Souveränität, die er sogar noch wahrt, wenn er den gar nicht mitleidenswerten Sergej auspeitscht. Brandon Jovanivich singt dern Sergel biegsamer Tenorstimme in heuchlerischem Tonfall und spielt ihn bis zuletzt im Gefangenenlager, wo er Katerina hintergeht, als einen widerwärtigen Underdog-Dandy.

Die Charaktere sind bei Schostakowitsch drastisch; aber nicht gerade vielschichtig angelegt. Das Stück bezieht seine Wirkung und seinen Rang nicht aus psychologischen Charakterstudien.

Regisseur Andreas Kriegenburg weiß das. In dem tumultösen Gewirre bleiben die Personen klar gezeichnet. Der musikalischen Drastik setzen er und sein Bühnenbildner Harald B. Thor ein wuchtiges Gebäude entgegen, eine steil aufragende Hochhaus-Siedlung, von der man hunderte in Beton gegossene Loggien sieht, die auf einen tristen Wohnhof zeigen. Hier finden die Massenszenen statt. Man denkt an Vorstadt-Tristesse in sozial prekären Quartieren. Szenenwechseln passieren, indem sich aus den Betonwänden Innenräume herausschieben, das Schlafzimmer Katerinas, das Büro ihres liebensunfähigen Ehemanns, später das Gefangenenlager. Das hat etwas von filmischer Überblendungstechnik, die wegen der handwerklichen Perfektion auch der Theaterbühne zwingend wirkt. Sobald es ganz in das Innere der Personen geht, wie in Katerinas Visionen nach dem Mord am Schwiegervater, wird auf die Betonmauern ein blaues Muster projiziert, dessen Linien verschwimmen, so als erlebte man einen Fieberwahn.

Kriegenburg gelingt auf der Szene ebenso wie Jansons auf der musikalischen Seite dieser Dreischritt zwischen plakativer Drastik, szenischer Plausibilität und psychischer Introspektion. Beide werden damit dem Stück wahrscheinlich gerechter, als eine einseitig psychologisierende oder politisierende Deutung.

Premiere: 02.08.2017, besuchte Vorstellung: 21.08.2017

Besetzung:

Katerina Lwowna Ismailowa:
Evgenia Muraveva
Boris Timofejewitsch Ismailow: Dmitry Ulyanov
Sinowi Borissowitsch Ismailow: Maxim Paster
Sergej: Brandon Jovanovich
Aksinja / Zwangsarbeiterin: Tatiana Kravtsova,
Der Schäbige: Andrei Popov
Pope: Stanislav Trofimov
Polizeichef: Alexey Shishlyaev
Sonjetka: Ksenia Dudnikova
Alter Zwangsarbeiter : Andrii Goniukov

Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor
Wiener Philharmoniker

Mariss Jansons, Musikalische Leitung
Andreas Kriegenburg, Regie
Harald B. Thor, Bühne
Tanja Hofmann, Kostüme
Stefan Bolliger, Licht
Christian Arseni, Dramaturgie

Stand: 22.08.2017, 13:50