27.10.2017 – Mozart, "Le nozze di Figaro" in München

27.10.2017 – Mozart, "Le nozze di Figaro" in München

Christof Loy war bei Mozarts "Le nozze di Figaro" an der Münchner Staatsoper wieder einmal der Meister der psychologischen Detailanalyse. Er stülpt der Oper nicht von oben herab ein Deutungskonzept über, sondern entwickelt die Figuren aus den Darstellern, die für die jeweilige Produktion engagiert sind.

So ist etwa der Graf, den Christian Gerhaher gibt, ein bedauernswerter Mann. In der Schlussszene liegt er nach einer Ohrfeige flach auf dem Boden, unbeholfen wie ein Kind. Als er vorher im dritten Akt bemerkt, dass er beim nächtlichen Stelldichein hinters Licht geführt werden soll, empört er sich wirklich, muss bei der Arie "Vedrò mentre io sospiro" aber auf einen Sessel steigen, um sich größer zu machen. Vor allem ist er nicht nur ein seine Macht gegenüber Frauen ausspielender Macho, sondern ein wirklich liebensbedürftiger Mensch, so fast anrührend begegnet er Susanna, die auch ihm offensichtlich zugetan ist. Das alles passt wunderbar zu der Art, wie sich Christian Gerhaher bewegt, spielt und singt. Genauso Federica Lombardi als Gräfin auf ihre Art. Sie ist von sehr großer Gestalt und schwebt meist statuenhaft durch die Szenerie und bildet schon rein körperlich einen Gegensatz zu Susanna und Cherubini. Diese Szene der drei im 2. Akt, in der Cherubino verkleidet wird, gerät unversehens zu einem Höhepunkt des Abends. Der Cherubino der quirligen Mezzosopranistin Solenn' Lavannant-Linke verwandelt sich nicht nur kleidungsmäßig in dieser Szene zur Frau. Loy inszeniert hier bewusst eine Art Transgender-Spiel, und über der Szene liegt eine Art von zarter Erotik.

Man wird aus diesem neuen Münchner "Figaro" keine komplett neue Dramaturgensicht herauslesen, das ist sowieso nicht das Ziel von Christof Loy. Aber wie die Dinge im einzelnen hinterfragt werden, macht die Sache jeden Moment spannend. Er akzentuiert z. B. deutlich die Entschuldigungszene Ende des 2. Akt, die sonst immer irgendwie beiläufig wirkt: Der Graf fällt hier förmlich vor der Gräfin nieder, während er beim Generalpardon am Ende Oper dann vollends niedergeschlagen wird.

Bayerische Staatsoper, Mozart, "Le nozze di Figaro", Olga Kulchynska (Susanna), Alex Esposito (Figaro), Christian Gerhaher (Graf Almaviva)

Olga Kulchynska (Susanna), Alex Esposito (Figaro), Christian Gerhaher (Graf Almaviva)

Die Klammer über den Abend bildet die Bühne von Johannes Leiacker. Ganz am Anfang sieht man ein Abbild des Bühnenportals winzig zum Marionettentheater verkleinert, im ersten und zweiten Akt wächst das Zimmer etwas. Dann werden die Dimensionen immer ausladender. Man bemerkt es an den Türen, die immer größer werden. Man könnte auch sagen, die Figuren werden angesichts dessen, was sie an diesem Tag erleben, vor sich selbst immer kleiner.

Ein wirkliches Novum präsentiert der Dirigent Constantinos Carydis, und zwar in Form seines Konzepts eines malenden Orchesters. In den Rezitativen setzt er alle möglichen Tasteninstrumenten ein: Cembalo, hell klingendes Cembalo im Lautenzugregister immer wenn Cherubini auftaucht, Klavier und sogar Orgel und auch einmal komplett ohne Instrumentalbegleitung am Beginn des 3. Akts beim Auftritt des Grafen. Das mag etwas sehr handwerklich bemüht klingen und ist auch sicher nicht historisch korrekt, trägt aber zu einer im wahrsten Sinn musikalischen Inszenierung bei, genauso wie die von Carydis bis ins Extrem getriebenen Artikulationsarten von legatissimo bei dem erotischen Verkleidungstrio bis hin zu peitschenden, geradezu zerfetzten Klängen in Figaros Wutarie "Aprite un po' quegl' occhi" im 4. Akt. Das hatte alles etwas Plakatives, aber mit dem Vorteil einer unbedingten musikalischen-szenischen Deutlichkeit.

Premiere: 26.10.2017, noch bis zum 10.11.2017 und am 15. und 17. 07.2018

Besetzung:

Graf Almaviva: Christian Gerhaher
Gräfin Almaviva: Federica Lombardi
Figaro: Alex Esposito
Basilio: Manuel Günther
Don Curzio: Dean Power
Susanna: Olga Kulchynska
Cherubino: Solenn' Lavanant-Linke
Marcellina: Anne Sofie von Otter
Bartolo: Paolo Bordogna
Barbarina: Anna El-Khashem
Antonio: Milan Siljanov
Puppenspieler: Axel Bahro, Thomas Schwendemann

Bayerisches Staatsorchester
Chor der Bayerischen Staatsoper

Musikalische Leitung: Constantinos Carydis
Inszenierung:Christof Loy
Bühne: Johannes Leiacker
Kostüme: Klaus Bruns
Licht: Franck Evin
Dramaturgie: Daniel Menne
Chor: Stellario Fagone
Puppenbauer:Axel Bahro

Stand: 27.10.2017, 13:50