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Joan Mitchell im Museum Ludwig

Joan Mitchell im Museum Ludwig

Von Thomas Köster

Kann man Licht und Landschaft auf abstrakten Bildern malen? Oder Gefühl und Klang in Farbe bannen? Joan Mitchell hat es versucht. Mit wuchtigem Gestus und expressiven Strichen, ganz nah an Jazz und Lyrik. Das zeigt eine Retrospektive der US-Künstlerin im Museum Ludwig.

Joan Mitchell, Retrospective, Museum Ludwig Köln 2015 (Ausstellungsansicht)

"Meine Inspiration sind nicht Ideen. Vielmehr löst die Außenwelt Gefühle in mir aus, und mich berühren die daraus resultierenden Farben, wenn sie auf der flachen Oberfläche zusammenkommen." Mit diesem ganz eigenen Wirklichkeitsbezug ihrer abstrakten Bilder wurde Joan Mitchell (1925-1992) zu einer wichtigen Vertreterin der ungegenständlichen Malerei zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Jetzt kann man sie wiederentdecken.

"Meine Inspiration sind nicht Ideen. Vielmehr löst die Außenwelt Gefühle in mir aus, und mich berühren die daraus resultierenden Farben, wenn sie auf der flachen Oberfläche zusammenkommen." Mit diesem ganz eigenen Wirklichkeitsbezug ihrer abstrakten Bilder wurde Joan Mitchell (1925-1992) zu einer wichtigen Vertreterin der ungegenständlichen Malerei zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Jetzt kann man sie wiederentdecken.

Im Kölner Museum Ludwig sind rund 30 teils großformatige Arbeiten zu sehen, die illustrieren, auf welch vielfältige Art und Weise die Malerin auf ihre Innen- und Außenwelt reagierte. Angefangen vom fast kalligrafischen Frühwerk der 50er Jahre bis hin zu den späten Großformaten aus ihrem Todesjahr (hier im Bild: "Rivière" von 1990).

Künstlerisch ausgebildet wurde Mitchell am Art Institute ihrer Geburtsstadt Chicago und an der New Yorker Columbia University. Ihren Blick aber schulte die belesene Malerin aus großbürgerlichem Hause während eines zweijährigen Parisaufenthalts ab 1948 an der europäischen Avantgarde. Zurück in den USA malte sie 1951 "Untitled", das früheste Bild der Kölner Retrospektive: New York, verfremdet mit französisch-kubistischen Augen.

Schon früh gehörte Mitchell zum Kreis des abstrakten Expressionismus der "New York School" um Willem de Kooning, Franz Kline und Jackson Pollock, gut befreundet war sie mit den Dichtern Frank O'Hara und Samuel Beckett. Lyrisch sollten ihre Bilder sein. Und musikalisch. Vielleicht ist die Hommage an Billie Holliday (rechts, von 1957), die "Ladybug" heißt, ja entstanden, während Mitchell ein Lied der Jazzsängerin auf die Leinwand dirigierte?

Diesem lyrisch-musikalischen Ansatz blieb Mitchell über die vier Jahrzehnte ihres Schaffens treu. Dabei gab sie ihren abstrakten Bildern immer wieder konkrete Titel, die im Kopf Bilder zu den Bildern hervorrufen sollen. Um auf diesem Gemälde ("Bonhomme de Bois") aus den frühen 60er Jahren jenes Männlein aus Holz zu erkennen, das der Titel verheißt, bedarf es einer ausgeprägte Phantasie.

Landschaft und Wetter spielen auf den stürmischen Gemälden der 60er Jahre eine zentrale Rolle – auch wenn sie eigentlich nicht zu sehen sind. Im immer gleichen Weinrot, Olivgrün oder Braun gehalten, erhalten sie ihre Dynamik durch den dicken Farbauftrag, der die Oberflächen krustig und erdig macht. So wie auf "Grandes Carrières" (1961-1962) im Vordergrund, das schon im Titel Mitchells Liebe zu Frankreich widerspiegelt.

An "Grandes Carrières" lässt sich eindrucksvoll zeigen, wie unterschiedlich Mitchell die Farbe auf die Leinwand auftrug, um ein Gefühl von Landschaft zu erzielen. Braun, Rot und Blau wurden mal dynamisch, mal fast zärtlich aufgespachtelt, aufgepinselt, aufgekratzt, oder direkt aus der Tube aufgedrückt. Und anschließend noch einmal wie auf den "Drip Paintings" Jackson Pollocks über die Farbschichtung getropft.

"Grandes Carrières" fällt in eine künstlerische Hochphase Mitchells mit zahlreichen Ausstellungen und Museumsankäufen. Emotional ist die Zeit ein Tiefpunkt, der durch die Krebserkrankung der Mutter und den Tod des Vaters 1963 geprägt ist. Im Jahr darauf entsteht als Nachklang "Untitled (Cheim Some Bells)": eine jener Arbeiten, die Mitchell als "Schwarze Bilder ohne die Farbe Schwarz" charakterisierte (rechts). In Köln ist deren Trübsinn durch die Nachbarschaft relativiert.

1967 erwarb Mitchell ein nahe der Seine gelegenes Haus in der kleinen Gemeinde Vétheuil, rund eine Stunde von Paris entfernt, wo auch Claude Monet lange Zeit malte. Das geräumige Anwesen erlaubte ihr die Arbeit mit größeren Leinwänden. Deutlich hat sich die Palette in Gemälden wie "Closed Territory" (1973) aufgehellt. Der eigentümliche Rhythmus des Gemäldes entsteht durch dem aufregenden Dialog von leuchtendem Orange und den blauen Quadraten.

Mit ihren lyrischen Farbharmonien sind diese angenehm ruhig gehängten Diptychen der 70er Jahre, wie "Un Jardin pour Audrey", ein Highlight der Kölner Schau. Sie wirken trotz aller Dynamik beruhigend ausgeglichen. Fast scheint man zu sehen, dass es Mitchell in dieser Phase ihres Lebens in Frankreich recht gut gegangen sein muss.

Bewegter und rauschender hingegen sind wieder jene Quadriptychen, die Mitchell ab 1980 schuf. Jedes ihrer vier Teile könnte für sich stehen, entfaltet aber einen Sog, der den Betrachter unmittelbar ins Zentrum ziehen will. Hier sind eindeutig flirrende Korn- und Blumenfelder assoziiert, die an Claude Monet und Vincent van Gogh erinnern. Hier "Minnesota" von 1980.

Noch deutlicher wird diese Anspielung in dem Gemälde "Edrita Fried" (1981), das im Titel Mitchells langjähriger Psychoanalytikerin gewidmet ist. In Form und Farbe aber erinnert das Bild an Vincent van Goghs berühmtes "Kornfeld mit Krähen" (1890) - jene Landschaft also, in der der Maler vermutlich Selbstmord beging. Hier spannt sich der Bogen über Innen und Außen, Abstraktion und Moderne.

Die Ausstellung "Joan Mitchell. Retrospective. Her Life and Paintings“ ist noch bis zum 21. Februar 2016 im Museum Ludwig Köln zu sehen. Zur Ausstellung ist auch ein Katalog mit vielen Fotos und einer bebilderten Zeitleiste erschienen.

Stand: 11.11.2015, 09:00 Uhr