Gewinner des WDR Jazzpreises 2016 stehen fest

Preisträger 2016 (von links im Uhrzeigersinn): Stefan Pfeifer-Galilea, UniJAZZity, Tobias Hoffmann, Annette Maye, Union Deutscher Jazzmusiker (UDJ, Jonas Pirzer, Julia Hülsmann, Felix Falk), Sidsel Endresen

WDR Jazzpreis

Gewinner des WDR Jazzpreises 2016 stehen fest

Diese Musiker dürfen sich über den begehrten Preis freuen: In der Kategorie "Komposition" wird Komponist Stefan Pfeifer-Galilea ausgezeichnet, Gewinner in "Improvisation" ist der Gitarrist Tobias Hoffmann, und der "Nachwuchs"-Preis geht an die Big Band "UniJAZZity" unter der Leitung von Christian Kappe. Den Künstlerinnenpreis NRW bekommen die Sängerin Sidsel Endresen und die Klarinettistin Annette Maye.

Neben den Gewinnern in den Kategorien "Komposition", "Improvisation" sowie "Nachwuchs" wird 2016 der "Ehrenpreis" für herausragendes kulturpolitisches Engagement verliehen: Er geht an Julia Hülsmann, Felix Falk und Jonas Pirzer für die Neugründung der Union Deutscher Jazzmusiker im Jahr 2012. Der Künstlerinnenpreis NRW, mit dem Sidsel Endresen und Annette Maye ausgezeichnet werden, war einmalig in Kooperation mit dem Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes NRW ausgeschrieben worden, und zwar in den Kategorien "herausragende europäische Künstlerin" sowie "Förderpreis".

Mit dem WDR Jazzpreis zeichnet der Westdeutsche Rundfunk die Vielfältigkeit der regionalen Jazzszenen des Bundeslandes aus. Die Preisträger wurden von einer Fachjury ausgewählt, der Jazzmusiker und Jazzkritiker sowie die Jazz-Redaktion des WDR angehören. Die Preisverleihungen und die Preisträgerkonzerte finden im Rahmen des WDR 3 Jazzfests am 29. Januar 2016 ab 20 Uhr im Stadttheater Münster statt. Durch den Abend führen wird der Pianist und langjährige WDR 3 Jazz-Moderator Götz Alsmann.

WDR Jazzpreis Komposition

Stefan Pfeifer-Galilea

Stefan Pfeifer-Galilea

Die Laufbahn des Altsaxofonisten und Klarinettisten, Komponisten, Arrangeurs und Orchesterleiters Stefan Pfeifer-Galilea ist klassisch für einen Jazzmusiker in Deutschland, so klassisch, dass es schon wieder aus der Reihe fällt. Geboren 1961, als der Nachkrieg so eben verhallt war, irgendwann nach dem Gewirbel von Beat und APO zum Altsaxofon gekommen und zum Jazz, der damals noch ein Teil der großen aufregenden Welt diesseits der Konzerthallen war. Profunde Ausbildung an der Musikhochschule Köln, zahlreiche Engagements als erster Altsaxofonist in Bigbands zwischen Spaß und Vergnügen, Kunstanspruch und Unterhaltung, Rundfunk-Bigbands und Fernsehen, zwischen Bob Brookmeyer, Paul Kuhn und Deutschland sucht den Superstar: Stefan Pfeifer-Galilea ist ein Jazzmusiker, der seine Kunst in allen Wassern der Professionalität gehärtet hat. Als einer der künstlerischen Leiter des JJO, des Landesjugendjazzorchester des Landes NRW, nutzt Pfeifer-Galilea nun die Gelegenheit, in Rufweite der Jazztradition seine aktuellen Ideen als Komponist und Arrangeur Schritt für Schritt weiter zu entwickeln.

WDR Jazzpreis Improvisation

Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann

Der Jazz ist auch nicht mehr das, was er mal war. Gottseidank. Spätestens seit den Auftritten der Beatles in Hamburg verändert sich das Umfeld in schneller Folge, und  damit verändern sich auch die Referenzen, die der Improvisation von Jazzmusikern Sinn verleihen. Vieles ist möglich geworden seitdem, so vieles, dass nun ein Teil der Kunst darin besteht, zwischen all den Optionen Wege zu erschließen, die so zwangsläufig erscheinen, als wären sie in einer Karte vordefiniert. Tobias Hoffmann, geboren 1982 in Remscheid, musikalisch geprägt zuhause, auf die Spur der klassischen und der Jazzgitarre gebracht in Bonn und feingeschliffen an der Musikhochschule in Köln, zählt zu einer Riege von jungen Musikern, die im Schnittfeld von Pop, Rock und Jazz die Reizpunkte aufspüren, an denen improvisatorischer Forschergeist in musikalische Spannung umschlägt. Hoffmann ist ein passionierter Diskursmischer, einer, der seine Ideen so subtil und folgerichtig in das Gestrüpp der Improvisation einbindet, ein Strukturgeber, der als Person hinter dem Gruppenklang zurück zu treten scheint und damit das der Improvisation immanente Spannungsverhältnis zwischen Individuum und Kollektiv stilistisch offenherzig in Richtung des Gemeinsamen und Verbindenden auflöst.

WDR Jazzpreis Nachwuchs

UniJAZZity

UniJAZZity

Teil eines Klangkörpers zu sein, in einer großen Band den Reiz zu spüren, der vom Verschmelzen des eigenen Klangs mit einem größeren ausgeht – das ist eines der stärksten Erlebnisse, die einen Menschen dazu führen können, Musiker zu werden. Dabei ist dieser Reiz umso stärker, je ambitionierter eine Band arbeitet, je differenzierter und vielfältiger die Klänge, je lebendiger und mitreißender die Rhythmen sind, die sie erzeugt. UniJAZZity, das Jugend-Jazz-Orchester-Münsterland, das in diesem Jahr in der Kategorie "Nachwuchs" des WDR Jazzpreis geehrt wird, ist für diesen Zusammenhang ein sehr gutes Beispiel. Unter der Leitung des Jazztrompeters Christian Kappe hat sich die auf dem Kulturgut Haus Nottbeck im westfälischen Oelde angesiedelte Band aus dem Umfeld der Musikschule Beckum-Warendorf seit ihrer Gründung im Jahr 2009 ein zwischen Swing, modernem Jazz, Latin und Pop stilistisch breit angelegtes Repertoire erarbeitet, mit dem sie bei ihren Auftritten nicht nur ihr Publikum begeistert, sondern auch bei den mitwirkenden Jugendlichen im Alter zwischen 11 und 17 den Drang verstärkt, diesen Reiz immer wieder zu erleben.

WDR Jazzpreis Ehrenpreis

Jonas Pirzer, Julia Hülsmann, Felix Falk

Jonas Pirzer, Julia Hülsmann und Felix Falk

Nach dem kurzen Sommer der frühen 70er Jahre, als sich die soziale Lage der deutschen Jazzmusiker in Folge der Aktivitäten der neu gegründeten Union Deutscher Jazzmusiker (UDJ) deutlich aufgeklart hatte, waren die Belange der Protagonisten des Jazz in Deutschland bald wieder weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Umso stärker schlug im Spätherbst 2011 eine Initiative von Musikern ein, die UDJ wiederzubeleben, um so kulturpolitischen Druck zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen (und einmal mehr auch der sozialen Absicherung) von Jazzmusikern aufbauen zu können. Die Initiative machte Furore, die Mitgliederzahl der UDJ wuchs sprunghaft an, und gab den verschiedenen neu angestoßenen Aktivitäten so viel Gewicht, dass bis in den Bundestag über die Lage und die Anliegen der Jazzmusiker diskutiert wurde. Auch die Presse berichtete, kontrovers zwar, aber Jazz ist seitdem wieder spürbar Thema. Mit dem Sonderpreis des WDR Jazzpreis 2016 werden mit der Pianistin Julia Hülsmann, dem Saxofonisten Felix Falk und dem Schlagzeuger Jonas Pirzer drei Musiker geehrt, die in der Zeit des Aufbruchs im Maschinenraum und an den Steuerrädern dieser Initiative wirkten und mit organisatorischem Geschick und kommunikativer Kompetenz entscheidend mithalfen, die Lage des Jazz in Deutschland neu zu definieren.

Künstlerinnenpreis NRW Förderpreis

Annette Maye

Annette Maye

Grenzen sind nicht das, was Annette Maye besonders interessiert. Im Gegenteil: In ihrer musikalischen Arbeit widmet die 1974 in Flensburg geborene Klarinettistin und Musikwissenschaftlerin einen großen Teil ihrer Leidenschaft und Energie der Überschreitung von Grenzen. Ihr bevorzugtes Mittel ist dabei die Improvisation, die, bevor sie im Jazz ihren prominenten Platz einnahm, in vielen anderen Musikkulturen der Welt eine prägende Rolle spielte, in den Folkloren des Balkans wie in der mediterranen Welt überhaupt, in der Kunstmusik Indiens wie in jener des vorromantischen Europa. Der musikalische Fußabdruck von Annette Meye, vor allem die Zusammenarbeit mit der Pianistin Laia Genç, der Schäl Sick Brass Band oder das Ensemble Fisfüs mit seinen türkischen Anklängen, zeugt davon, wie nahe liegend es sein könnte, auf dem Weg der Improvisation wechselseitiges Verständnis zu befördern. Mit der Verleihung des Künstlerinnenpreis NRW wird in der Kategorie "Förderpreis" eine Musikerin geehrt, deren Musik wie kaum eine andere geeignet ist, die Integration nur scheinbar widersprüchlicher Elemente voran zu treiben.

Künstlerinnenpreis NRW herausragende europäische Künstlerin

Sidsel Endresen

Sidsel Endresen

Von all den norwegischen Sängerinnen, die in den letzten 20 Jahren europäische Jazzbühnen betraten, ist Sidsel Endresen die eine, von der alles auszugehen scheint. Geboren 1952 in Trondheim, der einstigen Hauptstadt Norwegens, die nun als High-Tech-Metropole und im Jazz als schier unerschöpflicher Born von Klasse und Experimentierfreude gilt, ist Sidsel Endresen die Grande Dame ihrer Kunstform, bei der die Jüngeren allesamt buchstäblich oder zumindest ideell in die Lehre gingen. Eine außerordentliche Stilistin: intonationssicher, technisch souverän und ästhetisch erhaben, offen nach vielen Seiten und überaus einfühlsam, risikofreudig und reaktionsschnell, reif in der Wahl ihrer Mittel, die noch in ihren dissonanten Ausprägungen von jener Wärme durchzogen sind, die der Sängerin den direkten Kontakt zu ihren Zuhörern sichert. Sidsel Endresen ist eine Musikerin, die im Sinne der Aufklärung an der Überwindung von Grenzen arbeitet: eine wahre "herausragende europäische Künstlerin".