Was 2016 Wellen schlägt

Was 2016 Wellen schlägt

Von Thomas Köster

Wellen, die Geburtstag feiern, ein Sinfonieorchester, das nach 100 Jahren endlich eine Heimat findet, und Überraschungen an der Emscher: 2016 verspricht ein tolles Kulturjahr zu werden für NRW. Unser WDR3.de-Kulturexperte präsentiert seine ganz persönlichen Highlights.

Joseph Beuys

Joseph Beuys sagt mir wenig. Und das ist gut so, denn so hat es der in Krefeld geborene Aktionskünstler, Zeichner und Bildhauer ja gewollt. Sein Werk will nicht "durch einen logischen Satzzusammenhang verstanden werden", sondern sinnlich wirken. Am 23. Januar 1986 starb Beuys, der einst lieber einem Hasen als den Sammlern seine Kunst erklärte. Zum 30. Todestag wandere ich über den "Voltaire-Weg" von Papenberg zum Schloss Moyland bei Bedburg-Hau, das mit knapp 6.000 Arbeiten die weltgrößte Sammlung an Beuys-Werken besitzt. Im Mai steht dann die Ausstellung "Joseph Beuys. Werklinien" im Museum Kurhaus in Kleve auf dem Programm (01.05.-04.09.2016). Und ein Abstecher ins angrenzende "Friedrich-Wilhelm-Bad" mit Beuys' langjährigem Atelier. Ohne viele Worte.

Joseph Beuys sagt mir wenig. Und das ist gut so, denn so hat es der in Krefeld geborene Aktionskünstler, Zeichner und Bildhauer ja gewollt. Sein Werk will nicht "durch einen logischen Satzzusammenhang verstanden werden", sondern sinnlich wirken. Am 23. Januar 1986 starb Beuys, der einst lieber einem Hasen als den Sammlern seine Kunst erklärte. Zum 30. Todestag wandere ich über den "Voltaire-Weg" von Papenberg zum Schloss Moyland bei Bedburg-Hau, das mit knapp 6.000 Arbeiten die weltgrößte Sammlung an Beuys-Werken besitzt. Im Mai steht dann die Ausstellung "Joseph Beuys. Werklinien" im Museum Kurhaus in Kleve auf dem Programm (01.05.-04.09.2016). Und ein Abstecher ins angrenzende "Friedrich-Wilhelm-Bad" mit Beuys' langjährigem Atelier. Ohne viele Worte.

Am Kölner Museum Ludwig mag ich besonders, dass seine Außenhaut der vom Dom dominierten Skyline am Rhein Wellen schenkt. Am 6. September 2016 wird der Bau 30 Jahre alt und die Schenkung der bedeutenden Sammlung von Gegenwartskunst durch das Ehepaar Ludwig 40. Gefeiert wird mit einer Überblicksschau, in der rund 25 Künstler frührerer Ausstellungen neue Arbeiten zeigen ("Wir nennen es Ludwig", 27.08.2016-08.01.2017). Viel aufregender aber ist ein neues Ausstellungsformat, für das das Museum ausgewählte Werke in den Privaträumen von Kölner Prominenten präsentiert ("Hausbesuch", 08.10.-27.11.2016). Bis zum 21. Februar sollte man auch unbedingt noch die Retrospektive der US-Malerin Joan Mitchell besuchen. Deren aufwühlend-expressive Bilder passen besonders gut zur Wellen schlagenden Museumsaußenhaut.

Mit Autoren wie Martin Walser, Alexander Kluge, Orhan Parmuk, Iris Berben oder Helge Schneider hat die Litcologne 2016 wieder einiges an Prominenz aufgefahren (08.-19.03.2016). Ich freue mich besonders auf die Vorabpräsentation des Romandebüts von Kulturtausendsassa André Heller, der seine Geschichte vom Verlust des Südens und vom "unstillbaren Heimweh"nach Zypressen ganz wundervoll lesen kann (ich habe es schon hören dürfen). Das eigentliche Highlight findet aber im Vorfeld statt: Am 6. März kommt die frisch gekürte Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch (Bild) nach Köln, die in ihren Büchern politisches Engagement mit poetischer Kraft verbindet. Jetzt schnell im Vorverkauf Karten sichern! Oder eine Woche nach dem Auftritt in WDR 3 den Mitschnitt hören.

Momentan sorgt Tomi Ungerer, mit dessen Bilderbüchern und Plakaten ich groß geworden bin, im Kunsthaus Zürich für Furore. Im März kommen die grandiosen Zeichnungen des 85-Jährigen gemeinsam mit eher unbekannten Assenblagen, Plastiken und Collagen (rechts) ins Museum Folkwang nach Essen ("Incognito", 18.03.-16.05.2016). "Expect the Unexpected!", wie der Künstler sagen würde. Das Tollste aber ist, dass man sich im Museum zeitgleich 35 teils großformatige Fotografien des zur "Düsseldorfer Schule" zählenden Thomas Struth anschauen kann. Sie sind von 2007 bis 2015 entstanden und treten mit ihren Industrie- und Freizeitanlagen in einen ganz eigentümlichen Dialog zu Ungerers politisch-provozierender Bildwelt ("Nature and Politics", 04.03.-29.05.2016). Links ein Ausschnitt.

Hand aufs Herz: Haben Sie beim Tod von Mufasa im Disneyfilm "König der Löwen" ein Tränchen vergossen? Beim "Da Vinci Code" im Kinosessel das nackte Grauen verspürt? Oder beim "Fluch der Karibik 2" kurz aufgelacht? Schuld war dann vielleicht Hans Zimmer. Jetzt kommt Hollywoods einflussreichster Filmkomponist im Zuge seiner ersten Welttournee mit 70 Musikern im Schlepptau nach Oberhausen (22.04.2016) und Köln (28.04.2016), um seine Kompositionen aufzuführen. Eine Art bombastische Stummfilmbegleitung mit Band, Chor und Orchester also. Nur für Tonfilme. Und ohne Film. Dafür aber mit einer eigens konzipierten visuellen Show. Und vom Meister, der während des Konzerts verschiedene Instrumente spielt, auch noch höchstpersönlich moderiert.

Kritiker mutmaßen, dass die Skulpturen von Tony Cragg eigentlich Tarnkappenbomber-Modelle von Luigi Collani seien, und eine Kunstzeitschrift hat den Briten, bis 2013 Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie, unlängst den Stempel "aktuell überschätzt" aufgedrückt. Mir egal. Ich finde Craggs unfassbare, ebenso weich wie kalt wirkenden Körper klasse. Und lasse mir deshalb die erste große Retrospektive des Wuppertaler Ehrenbürgers auf keinen Fall entgegen (Von der Heydt-Museum Wuppertal, 19.4.-14.8.2016) - vielleicht verbunden mit "Henry Moore - Plasters" in Craggs Skulpturenpark Waldfrieden (09.04.-09.10.2016). Als Teil eines Museumsmarathons im April, zu dem auch die Retrospektive Fernand Légers im Museum Ludwig (09.04.-09.07.2016) sowie Jean Tinguelys wundervoll sinnlose Maschinen im Museum Kunstpalast gehören ("Super Méta Maxi", 23.4.-14.8.2016).

Das Atztekenreich als bürgerliches Wohnzimmer, der stolze spanische Konquistador Hernán Cortéz als zauderndes Weichei und Montezuma als weiblicher Racheengel: Bei den Salzburger Festspielen 2015 bürstete Wolfgang Rihms avantgardistisches Musikspektakel "Die Eroberung von Mexiko" die grausame imperiale Geschichte als etwas spießigen "Clash of Cultures" mit viel nackter Haut pompös und humorvoll gegen den Strich (hier ein Szenenfoto). Ich bin gespannt, was die Kölner Erstaufführung am 8. Mai 2016 in der Ausweichspielsttätte der Oper im Staatenhaus aus Rihms selten aufgeführtes Hörspektakel macht - es geht um den Kampf des Vertrauten mit dem Fremden und die Mechanismen der Zerstörung. Möge die Inszenierung gelungen sein und den Bauskandal rund um die Kölner Oper zwei Stunden lang vergessen machen.

Der tanzende Strommast von Inges Idee ist schon da, Ai Weiweis Zelte und die Wolkenmachermaschine von Rainer Maria Matysik kommen wieder. Ansonsten darf man sich bei der Emscherkunst 2016, die zwischen Holzwickede, Dortmund, Recklinghausen und Herne zeitgenössische Kunst entlang der renaturierten Emscher präsentiert, auf Überraschungen freuen: Installationen, die auf die Veränderung der Landschaft durch den Bergbau reagieren und sogar den Faulturm einer Kläranlage in Kunst verwandeln. Besonders gespannt bin ich auf Mark Dion, der momentan eine großartige Ausstellung im Museum Marta Herford hat. Und auf den in Wuppertal geborenen Fotografen und Videokünstler Tobias Zielony, der 2015 den Deutschen Pavillon der Biennale von Venedig bestückte. Und ich freue mich auf die Radtour am rund 50 Kilometer langen Ausstellungsparcours entlang (04.06-18.09.2016).

Den Konzertsaal der Duisburger Philharmoniker in der Mercatorhalle hätte Michael Tree vom Guarini Quartett "liebend gerne mit nach Hause genommen". Und die argentinische Cellistin Sol Gabetta urteilte, der holzvertäfelte Raum klinge "wunderbar von ganz alleine". Im September 2016 wird der "Große Saal" mit seiner als präzise und zart gelobten Akustik nach Brandschutzmängeln wieder neu eröffnet. Und im Oktober bekommen auch die Bochumer Symphoniker nach 100 Jahren Heimatlosigkeit endlich ein neues Zuhause: zum Gutteil finanziert durch private Spenden, in schönem Ambiente, mitten in der Innenstadt - und in einer Bauzeit, die Klassikfreunde in Hamburg, München oder Köln neidisch werden lässt (im Bild: der Querschnittsentwurf des Architekturbüros Bez & Kock). Ob das Bochumer Musikzentrum auch so toll klingt wie der Duisburger Konzertsaal? Ich höre es mir bis Ende 2016 sicher an.

2015 hat es der "Fall Cornelius Gurlitt" in Berlin sogar auf die Bühne geschafft: mit Udo Samel in der Titelrolle. Auf der Bühne waren aber nur Kopien jener Werke von Courbet, Liebermann, Matisse, Kirchner oder Macke zu sehen, die der Sohn des umstrittenen NS-Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt in seinen Wohnungen gehortet hatte. Ende 2016 sollen die Originale auf Beschluss von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) in der Bonner Bundeskunsthalle zu sehen sein. Noch gibt es Theater - unter anderem mit Museen, die sich bei der einsamen politischen Entscheidung übergangen fühlen. Sollte die Ausstellung Ende des kommenden Jahres aber wie geplant stattfinden, werde ich auf jeden Fall hingehen, um mir selbst ein Bild zu machen. Und wenn es Verzögerungen geben sollte, dann eben 2017.

Stand: 30.12.2015, 06:00 Uhr