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Agnes Martin in Düsseldorf

Agnes Martin in Düsseldorf

Von Thomas Köster

Streifen, Striche, matte Farben: Mit bemerkenswerter Konsequenz schuf Agnes Martin in der mexikanischen Wüste ihre abstrakten Bilder. In der Kunstsammlung NRW ist ab morgen ihr Gesamtwerk zu sehen. Kunst, die glücklich machen will - und macht.

Agnes Martin 1992

"Schönheit ist das Geheimnis des Lebens", lautete ein Credo von Agnes Martin (1912-2004). Und: "Ich glaube, dass das Leben perfekt ist." Unter diesen Grundsätzen malte die US-amerikanische Künstlerin berauschend sinnliche Bilder. Bei aller Abstraktion ist ihnen doch viel von der Schönheit und Perfektion der kargen Wüstenlandschaft Mexikos eigen, in der die Künstlerin fast 40 Jahre in ihrem selbstgebauten Lehmziegelhaus bei Cuba lebte. Dieses Foto zeigt sie 1992 neben einem ihrer Raster- und Streifenbilder.

"Schönheit ist das Geheimnis des Lebens", lautete ein Credo von Agnes Martin (1912-2004). Und: "Ich glaube, dass das Leben perfekt ist." Unter diesen Grundsätzen malte die US-amerikanische Künstlerin berauschend sinnliche Bilder. Bei aller Abstraktion ist ihnen doch viel von der Schönheit und Perfektion der kargen Wüstenlandschaft Mexikos eigen, in der die Künstlerin fast 40 Jahre in ihrem selbstgebauten Lehmziegelhaus bei Cuba lebte. Dieses Foto zeigt sie 1992 neben einem ihrer Raster- und Streifenbilder.

In der ersten Retrospektive seit Martins Tod vor elf Jahren sind in der Kunstsammlung NRW nun rund 130 Gemälde, Zeichnungen und druckgrafische Arbeiten zu sehen, die das gesamte Spektrum ihres Werks illustrieren. Darunter finden sich vor allem die mit horizontalen und vertikalen Linien sowie aus Bleistiftstrichen gerasterten und teils mit matten Farbflächen ausgestalteten Bilder. Damit hat Agnes Martin der Kunst seit den 1960er Jahren einen ganz eigenen Akzent verliehen, der den farbig-wilden Strich abstrakter Expressionisten entschleunigt.

Aber Düsseldorf beleuchtet auch Martins lange Suche nach Eigenständigkeit. Dieses Selbstporträt entstand um 1947, als die Malerin an der University of New Mexico in Albuquerque studierte, kurz vor ihrer Zeit als Lehrerin in Washington und Delaware. Danach ging sie nach New York und lebte ab 1957 im Künstlerviertel Coenties Slip, wo sie mit ihren teilweise befreudeten Nachbarn Robert Indiana, Ellsworth Kelly oder James Rosenquist zusammentraf. Wie einige andere Arbeiten, so war auch dieses Selbstbildnis bei der ersten Station der Schau in der Londoner Tate Modern nicht zu sehen.

Dass in der Retrospektive doch einige Bilder aus dieser Findungszeit zu sehen sind, ist nicht selbstverständlich. Immerhin investierte Martin in späteren Jahren viel Energie und Geld, um das nach ihrer Ansicht misslungene Frühwerk von Freunden und Sammlern zurückzukaufen und zu vernichten. Das gilt auch für ihre Experimente mit biomorphen Motiven. Hier zwei Beispiele von 1955, das sich offenbar gut genug versteckte.

Selbstzweifel waren wohl auch der Grund dafür, dass Martin nach ihrem Umzug von New York nach Cuba, New Mexiko, zunächst sieben Jahre lang gar nicht malte. 1973 meldete sie sich mit der fulminanten, 30-teiligen Siebdruckserie "On a Clear Day" zurück, die ebenfalls in Düsseldorf zu sehen ist. Linear und unbeirrbar klar zugleich, markiert sie den Wendepunkt hin zu einem abstrakten Weg, dem sie nun bis zu ihrem Tod treu bleiben sollte.

Acryl, Grafit und Gips: Das sind die Stoffe, aus denen Martins zumeist unbetitelte und oft konsequent im gleichen Format gehaltenen Gemälde der nächsten vier Jahrzehnte sind. Aber das Material kann Form und Frabe nicht halten: Sie scheinen mit Leichtigkeit von der Leinwand fortschweben zu wollen. Ein bei längerer Betrachtung stärker werdendes Leuchten, in das der Betrachterblick zu versinken scheint. Hier "Untitled #3" (1974).

In Düsseldorf offenbart sich in der Zusammenschau auch, wie stark die scheinbar immer gleichen Bildelemente auf den poetisch-vergeistigten, asiatisch streng und minimalistisch anmutenden quadratischen Gemälden und Zeichnungen in der Wahrnehmung variieren. Ein Tipp: von ganz weit weg ganz nah rangehen! Vor allem auch, um die "Handschriftlichkeit" der Bleistiftstriche zu erkunden.

Nah rangehen sollte man auch an jene Gemälde aus der mittleren Phase von Martin, die in Düsseldorf hübsch aufgereit im ersten der beiden Ausstellungsstockwerke hängen. Ihre Farben sind teils kräftiger als die des Spätwerks. Auch tauchen hier Formen wie Ellipsen und Kreise auf, die die Künstlerin später aus ihrer reduzierten Formenpalette verbannte. Und sie sind noch relativ klein. Später nutzte Martin konsequent quadratische Leinwände von rund anderthalb Metern Seitenlänge.

Nach den relativ dunklen, engen Räumen im Erdgeschoss wirkt die lichte Weite im ersten Stock wie ein Aufstieg in eine andere Welt. Hier ist das reife Spätwerk Martins zu bestaunen, dessen in Serien gefertigten Bilder teils nur minimal voneinander abweichen und miteinander korrespondieren. Die tragbaren Schemel laden ein, auch einmal länger als ein paar Sekunden vor einem Bild zu verharren oder den Gesamteindruck auf sich wirken zu lassen.

Im Zentrum dieser Räume steht Agnes Martins Gemäldegruppe "The Islands". Damit hängt eigentlich die gesamte Jahresproduktion von 1979 in einer Reihe nebeneinander. Das ist besonders schön. In London etwa war die Serie in einem quadratischen Raum auf die Wände verteilt. In Düsseldorf kann man die dialogische Gesamtheit mit einem Blick erfassen - bevor man wieder näher tritt.

Die beherrschende Werkgruppen von 1972 bis 1992 sind allerdings Serien von grauen Bildern, deren Monochromie durch teils deutlich strukturierte Oberflächen mit Grafitlinien und waagerechten Streifen in schwarzer oder grauer Acrylfarbe aufgelockert werden. Bunter und überraschender kann man Grau wahrscheinlich gar nicht malen. Und bunter und überraschender als in Düsseldorf präsentieren vielleicht auch nicht.

Apropos "überraschend": In Düsseldorf sind auch zwei Objekte aus der Wüstenwerkstatt von Agnes Martin zu sehen. Diese beschlagene Holzskulptur mit ihren von Metallkappen gekrönten Armen von 1961 ist trotzdem kein Kaktus, sondern ein "Burning Tree". Seine Wucht, die an ein indianisches Totem aus dem europäischen Mittelalter erinnert, wirkt inmitten der eher zarten Gemälde sensationell. Und auch ein bisschen unheimlich. Warum um Himmels Willen hat Martin nicht mehr davon gemacht? Dieses Talent hat sie verschenkt.

Ob Agnes Martin auch Talent gehabt hätte, Kinderspiele zu kreieren? Die Düsseldorfer Retrospektive lässt die Frage offen - auch wenn sie in einer Vitrine ein Kugelspiel präsentiert, bei dem sich die Kugeln durch Schütteln in den Rillen immer wieder wogend neu formieren und sich unter einem durchsichtig-blauen Deckel so immer wieder neue Muster ergeben. Als Objekt zumindest wirkt der Holzkasten mit seinem Plastikdeckel recht hübsch, aber blass. Das Spiel mit Licht konnte Martin besser.

Etwas aus dem Rahmen fällt auch eine kleine Gruppe von Bildern mit vorwiegend schwarzen geometrischen Formen, die Martin auf ihrer letzten Ausstellung zu Lebzeiten 2004 in New York präsentierte. Einige davon sind auch in Düsseldorf zu sehen. In der Atmosphäre der Galerie damals kamen sie der Künstlerin damals plötzlich selbst merkwürdig "scary" vor. Dabei wollte Martin sie doch laut dem Titel der liken Arbeit wie ihr Gesamtwerk nicht zuletzt als "Homage to Life" verstanden wissen.

Für die Kunstsammlung NRW hat die Retrospektive eine besondere Bedeutung. Immerhin ist das Museum eines der wenigen öffentlichen Sammlungen in Europa, die einen "echten Martin" besitzen. "Untitled #5“ (1998) gehört seit vier Jahren zum festen Bestand. "Bereits aus großer Entfernung zieht dieses Bild seine Betrachter magisch an", sagt Museumsdirektorin Marion Ackermann. "Es ist von einer ungewöhnlichen Leuchtkraft, als sende es Lichtstrahlen in den Raum."

"Menschen, die meine Malerei betrachten, sagen, es mache sie glücklich, so wie das Gefühl, wenn du am Morgen aufwachst", sagte Martin einmal in einem ihrer wenigen Interviews. "Und Glück ist das Ziel, nicht wahr?" Mit welch wundervoll bescheidenen und bei allem Minimalismus doch immer wieder variierten Mitteln Martin dieses Ziel erreicht hat, kann und sollte man in Düsseldorf bestaunen.

"Agnes Martin" ist noch bis zum 6. März 2016 in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf zu sehen. Danach reist die Retrospektive ins Los Angeles County Museum of Art und ins Solomon R. Guggenheim Museum nach New York weiter. Zur Ausstellung ist auch ein Katalog erschienen, der sich reproduktionstechnisch Mühe gibt. Das Flirren, Leuchten, Schweben von Martins Kunst allerdings kann man nur vor Ort erleben.

Stand: 06.11.2015, 09:00 Uhr