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Thomas Meyer - Rechnung über meine Dukaten

Montage Cover "Rechnung über meine Dukaten" von Thomas Meyer

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Thomas Meyer - Rechnung über meine Dukaten

Von Michael Reinartz

Friedrich Wilhelm I. war offenbar ein totaler Exzentriker und ein Despot. Jetzt hat der Schweizer Autor Thomas Meyer einen höchst unterhaltsamen historischen Roman über den "Soldatenkönig" und seine "Langen Kerls" geschrieben.

Die Handlung

Um das Jahr 1715 herum regiert in Potsdam der sogenannte "Soldatenkönig" Friedrich Wilhelm I. Er ist ein Exzentriker und Despot. Das zeigt sich insbesondere an seinem "Hobby" – der Aufstellung eines eigenen Regimentes aus "Riesen". Diese Männer müssen eine Mindestgröße von 1,88 Metern haben. Ein im damaligen Europa sehr unübliches Körpermaß.

Rechnung über meine Dukaten von Thomas Meyer

WDR 2 Bücher | 20.12.2015 | 04:38 Min.

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Die "Langen Kerls" sind in der heutigen Erinnerung eher eine Anekdote. Man schmunzelt darüber. In Wahrheit handelte es sich um eine brutale und traurige Angelegenheit. Denn der Preußenkönig ließ die groß gewachsenen Männer in ganz Europa entführen und steckte sie fast immer gegen ihren Willen in seine merkwürdige Gardeeinheit.

Einer der Entführten ist Gerlach, Bauernsohn aus Sachsen. Zusammen mit dem Norweger Hendrikson will Gerlach die Flucht antreten. Doch der exzentrische Friedrich Wilhelm I. hat andere Pläne: Gerlach soll gemeinsam mit der großgewachsenen Bäckerstochter Betje gewissermaßen ein "Zuchtprogramm" für neue "Riesen" starten.

Die Bewertung

Historische Stoffe müssen alles andere als langweilig sein. Der Schweizer Autor hat mit "Rechnung über meine Dukaten" einen höchst unterhaltsamen, humorvollen Roman geschrieben. Voller Ironie und in einer altertümlichen Sprache. Als Beispiel hier die Überschriften von "Capitel neun und zwanzig": "Worin der König seinem Ziele näherkommet, zwanzigtausend Tiere zu morden" sowie von Kapitel dreißig: "Worin der Medicus Stahl ein letztes Mal an die Vernunft des Königs appelliert."

Meyer fabuliert und formuliert mit Lust und Freude. Das überträgt sich beim Lesen. Der Plot ist gar nicht so entscheidend. Hervorragend ist die Ballung von Absurditäten und kruden Typen. Allen voran natürlich der Preußenkönig selbst. Der unter anderem seinen Hausgelehrten Professor Gundling (auch der hat tatsächlich gelebt und gehörte zur Entourage am Hofe) ständig mit absonderlichen Bösartigkeiten und ehrabschneidenden Späßen piesackt. Was man ohne größeres Mitleid mit Gundling lesen kann. Denn dieser ist ein ruhmsüchtiger Kriecher und Schleimer. Zwischendurch plagt den König dann auch das schlechte Gewissen. Bis er wieder seinen Leibarzt mit dem Rohrstock traktiert oder auf der Straße ganz normale Untertanen drangsaliert, weil sie vor lauter Angst vor dem Despoten davon gelaufen sind.  

"Der König hob seinen Rohrstock, den er in der Satteltasche mitgeführt, und begann, auf das Männchen einzuprügeln. Es schrie auf, blieb aber stehen in seiner Gebücktheit, und der König hieb weiter auf seinen kleinen Rücken hinunter, wieder und wieder; rief, er wolle geliebet werden, nicht gefürchtet, dazu gebe es keinen Grund! Keinen!"

Köstlich auch die Beschreibung des russischen "Czaren" Peter, der es insgesamt sogar noch doller treibt als der Preuße. Oder wie Friedrich Wilhelm I. das heraufziehende Zeitalter des Kolonialismus völlig verkennt und die schon bestehenden preußischen Besitztümer in Afrika zum Entsetzten seines Finanzministers für einen Spottbetrag und "12 groß gewachsene Mohren" an die niederländische Westindien-Kompagnie verhökert.

Es gibt Geschichtswissenschaftler, die tauchen die Friedrich Wilhelm I. in kein so schlechtes Licht. Beim historischen Preußenkönig war nicht alles falsch. Er war zum Beispiel nicht intolerant gegenüber anderen Religionen. In diesem Buch werden seine schlechten Seiten überbetont, satirisch überspitzt. Das ist keineswegs verboten und Thomas Meyer hat auf diese Weise einen sehr kurzweiligen, amüsant-ironischen Roman geschrieben.

Der Autor

Thomas Meyer hat schon mit seinem ersten Roman "Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse" einen Titel vorgelegt, der wohl nicht ganz unbeabsichtigt an die Fabulierkünste des ebenso großartigen wie heute fast vergessenen Romantikers Jean Paul erinnert. Er lebt und schreibt in Zürich.

Thomas Meyer
Rechnung über meine Dukaten
Diogenes, Zürich
ISBN: 978-3-257-24327-7
12,00 Euro

Stand: 20.12.2015, 10:42