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Jedes Jahr ist Adenauer-Jahr, aber diesmal besonders...

WDR 2 Sonntagsfragen - 17.09.2017

Jedes Jahr ist Adenauer-Jahr, aber diesmal besonders...

In Rhöndorf bei Bonn steht das Adenauerhaus - einst Familiensitz, heute Museum. Wie war er, der weitsichtige Europapolitiker, als Vater, Boccia-Spieler und Nachbar? Welche seiner Erfindungen interessieren die Besucher am meisten? Das erzählt die Historikerin Claudia Waibel, die fast alles über den "Alten" weiß.

Für die Historikerin Claudia Waibel ist jedes Jahr ein "Adenauer-Jahr", aber diesmal kam der Dreifachschlag: Denn im Herbst vor 100 Jahren wurde Konrad Adenauer zum Oberbürgermeister von Köln gewählt, im Winter vor 80 Jahren bezog er sein Haus in Rhöndorf und im Frühjahr vor 50 Jahren ist er dort gestorben.

In diesem Haus arbeitet Claudia Waibel als Museumspädagogin und führt jede Woche Besuchergruppen durch das Museum, die völlig außer Atem geraten, weil sie bis zur Gedenkstätte 100 Stufen steigen müssen. "Adenauer ist bis zu seinem Tod den Hügel hinauf gegangen", erklärt Claudia Waibel, die so gut wie alles über den "Alten" weiß, dessen Großfamilie sich noch heute zu Weihnachten in Rhöndorf trifft.

Museumspädagogin Claudia Waibel im Adenauerhaus

Museumspädagogin Claudia Waibel im Adenauerhaus

Wie war er, der weitsichtige Europapolitiker als Vater, Boccia-Spieler und Nachbar? Welche seiner Erfindungen interessieren die Besucher am meisten? Und wie begeistert man Kinder für ein Museum, in dem es weder Ritter noch Dinos zu sehen gibt? Das erzählt Claudia Waibel in den Sonntagsfragen.

Ein Haus voller Adenauer-Anekdoten

Von Sabine Tenta

Vor 50 Jahren starb Konrad Adenauer in seinem Wohnhaus in Rhöndorf bei Bonn. Hier machte er Politik am Esstisch und empfing Staatsgäste. Für den französischen Präsidenten Charles de Gaulles gab es nur das einfache Geschirr.

Das Konrad-Adenauer-Haus in Rhöndorf

Das Adenauer-Haus in Rhöndorf: Nur 15 Kilometer von Bonn entfernt wohnte Konrad Adenauer von 1938 bis zu seinem Tod am 19.04.1967 in diesem Haus. Es liegt unterhalb des Drachenfels' in einem steilen Hang mit Blick über das gesamte Rheintal. Dass Bonn und nicht Frankfurt am Main zur Bundeshauptstadt wurde, liegt auch am gewieften Taktiker Adenauer, der eine klare Vorliebe für den Nachbarort hatte.

Das Adenauer-Haus in Rhöndorf: Nur 15 Kilometer von Bonn entfernt wohnte Konrad Adenauer von 1938 bis zu seinem Tod am 19.04.1967 in diesem Haus. Es liegt unterhalb des Drachenfels' in einem steilen Hang mit Blick über das gesamte Rheintal. Dass Bonn und nicht Frankfurt am Main zur Bundeshauptstadt wurde, liegt auch am gewieften Taktiker Adenauer, der eine klare Vorliebe für den Nachbarort hatte.

Arbeitszimmer mit Lümmelsofa: Im Obergeschoss ist das Arbeitszimmer von Konrad Adenauer. Den politischen Neustart der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg prägte der CDU-Politiker wie kein Zweiter: Er wurde erster Bundeskanzler der jungen Republik, trieb die Westbindung voran und war langjähriger Vorsitzender der CDU. Das Bild an der Wand ist das letzte Gemälde, das während seiner Zeit als Kölner Oberbürgermeister entstand, erklärt Museumspädagogin Claudia Waibel. Die Chaiselongue habe er zuweilen für ein Mittags-Nickerchen genutzt.

Bürgerliche Gemütlichkeit: Claudia Waibel, Mitarbeiterin der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus, kann zu jedem Exponat eine Geschichte erzählen. Zum Beispiel zur Textilverkleidung, die nicht nur das Arbeitszimmer, sondern fast alle Wohnräume ziert. "Das war eine Idee von Adenauer, weil man dann nie mehr tapezieren musste." Die Arbeit mit dem Reinigen und Bügeln der Verkleidung übernahm das ohnehin vorhandene Hauspersonal, das fiel für Adenauer nicht ins Gewicht. Zudem fand er die Textilwände "gemütlicher".

Rhöndorfer Tafel statt Kabinettstisch: Im Esszimmer des Hauses wurde auch Politik gemacht. Meist empfing Adenauer "Vertreter des politischen Mittelbaus", erklärt die Museumspädagogin. Staatsoberhäupter seien auch dort gewesen, obwohl das dem Kanzler eigentlich ein bisschen zu viel war. Dabei habe es sich oft um eine Gegeneinladung gehandelt, weil auch Adenauer in Privaträumen empfangen worden war. "Man kennt das ja, man war bei den Meiers zu Besuch und dann lädt man die halt auch ein."

Kein Sonntagsgeschirr für de Gaulles: Der französische Staatspräsident Charles de Gaulles war mehrfach im Rhöndorfer Wohnhaus. Einmal kam er unter der Woche. Auf besondere Anweisung von Konrad Adenauer wurde der Pflaumenkuchen für ihn auf dem schlichten Wochentags-Geschirr serviert. Denn, so seine Begründung damals, "da kommt doch kein Politiker, sondern ein Freund". Ein entspanntes Treffen jenseits des Protokolls also.

Stimmungsbarometer für die Sekretärin: Zur Mittagszeit legte Adenauer in dieser Musiktruhe Schallplatten auf. Seine Sekretärin konnte an der Auswahl seine Stimmung ablesen: Tönte Tschaikowski aus dem Wohnzimmer, war er schlecht gelaunt und durfte nicht gestört werden. Haydn und Vivaldi hingegen deuteten auf eine heitere Gemütsverfassung hin. Er war ansprechbar.

Ein Fingerknochen für den Kanzler: Erst unter Helmut Schmidt wurde verfügt, dass Staatsgeschenke, die ein Kanzler entgegennimmt, im Besitz des Bundes bleiben. So ist das Adenauerhaus gespickt mit kostbaren Gaben, wie der 3.000 Jahre alten griechischen Vase in der Ecke des Musikzimmers. Der Erzbischof von Zypern schenkte sie Kanzler Adenauer. Das Kreuz auf der Kommode ist ein Geschenk von Papst Paul VI. Die eigentliche Kostbarkeit ist im Kasten verborgen: Eine Reliquie des heiligen Konrad von Parzahm. Der Kapuziner war 1934 heilig gesprochen worden. "Es soll ein Stück seines Mittelfingerknochens sein", sagt Claudia Waibel und lässt leise Zweifel anklingen.

Der rote Knopf: Überall im Haus stehen alte Bakelit-Telefone. Dieses hier war ein Dienstapparat mit Kurzwahl-Tasten. "Viele Besucher glauben, mit dem roten Knopf hätte ein Atomschlag ausgelöst werden können", lacht Claudia Waibel. Dabei steckte unter diesem Knopf nur die Kurzwahl ins Bundeskanzleramt.

Der Lieblingsplatz des Hausherrn: "Hier auf diesem Sofa, auf dem mittleren Sitz, war der Lieblingsplatz von Konrad Adenauer." Entspannung fand der Politiker beim Schmökern von Krimis. Die sammelte er jedoch in einem Zimmer im Obergeschoss und nicht im repräsentativen Wohnzimmer. Dort standen Goethe und Schiller im Regal.

Standpauken neben der Standuhr: Konrad Adenauer sammelte Standuhren. "Er hat bei allen täglich kontrolliert, ob die Uhrzeit auch stimmt", weiß Claudia Waibel. "Und wenn Besuch zu spät kam, dann wurde er von Adenauer neben einer Standuhr empfangen mit dem tadelnden Hinweis auf die Zeit."

Ein Pavillion für die Memoiren: 1963 wurde dieser Gartenpavillon erbaut. Adenauer wollte hier in aller Ruhe seine Memoiren verfassen, jenseits des trubeligen Wohnhauses. Der Weg dorthin wird flankiert von Rosenstöcken. Adenauer war ein begeisterter Hobbygärtner, aber kein Rosenzüchter, wie oft geschrieben wird.

Der Perfektionist: Aus Myrthenwurzelholz ließ Adenauer diesen Schreibtisch für den Pavillon anfertigen. Das Vorbild hatte er in Italien gesehen. Doch weil der erste Versuch eine winzige dunkle Maserung auf der Schreibtischplatte hatte, verschenkte er ihn und ließ einen zweiten herstellen. Damit war der Perfektionist dann zufrieden.

Die Stütze der Sowjets: Dieser reich verzierte Spazierstock wurde Konrad Adenauer vom sowjetischen Botschafter geschenkt. Der konservative Politiker nahm ihn gerne an, nutzte ihn aber nie. Denn, so seine Begründung: "Ich stütze mich doch nicht auf die Sowjets!" Als Schmuckstück liegt der Stock im Pavillon.

Der direkte Draht in die Küche: Mit diesem Haustelefon konnte Konrad Adenauer, wenn er im Gartenpavillon arbeitete, in der Küche anrufen. "Meist ließ er sich dann Tee und Zwieback servieren." Er sei sehr asketisch und diszipliniert gewesen, auch beim Essen, erzählt Musueumspädagogin Waibel.

Das Sterbezimmer: Die Familie Adenauer wünscht, dass dieses Zimmer für Besucher verschlossen bleibt. Aber von außen lässt sich durchs Fenster auf das Bett schauen, in dem Konrad Adenauer am 19.04.1967 im Alter von 91 Jahren starb. Wenige Wochen zuvor hatte er zwei Herzinfarkte erlitten. Seine jüngste Tochter Elisabeth weinte an seinem Sterbebett. Adenauer richtete seine letzten Worte an sie und sagte: "Da jitt et nix zo kriesche!", also hochdeutsch: "Da gibt es nichts zu weinen."

Familientreffen in der Gedenkstätte: Einmal im Jahr wird aus der Gedenkstätte wieder ein ganz normales Wohnhaus, nämlich am 26.12.: "Dann feiert die Adenauer-Familie hier immer gemeinsam Weihnachten. Im letzten Jahr waren es 83 Personen." Die kostbaren Staatsgeschenke, wie die 3.000 Jahre alte Vase, werden dann beiseite geräumt, damit die Kinder hemmungslos toben können.

Führungen durch das Wohnhaus und den Garten: Für Einzelpersonen und Kleingruppen gibt es während der Öffnungszeiten zu jeder vollen Stunde Führungen, größere Gruppen werden um Anmeldung gebeten. Die Gedenkstätte ist im Besitz der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus. Eine neue Dauerausstellung zum Leben und Wirken des Politikers wird am 22./23.04.2017 mit einem Museumsfest eröffnet. Fotos mit Erfindungen des Tüftlers Konrad Adenauer finden sich auf unserem Instagram-Account.

Das Staatsbegräbnis von Konrad Adenauer - Eine Chronik

Mehrere Tage dauerten die Trauerfeierlichkeiten: Als Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, am 19. April 1967 starb, nahm das ganze Land Anteil. Das opulente Staatsbegräbnis lief nach offiziellem Zeremonie-Protokoll ab, wie unsere Bilder zeigen.

Staatsbegräbnis - Konrad Adenauer

22. April 1967 - 09:00 Uhr: Auf dem Weg zum Kanzleramt überquert der Trauerzug den Rhein mit der Fähre von Rhöndorf, Adenauers Wohnort, Richtung Bonn. Die Übersetzung erfolgt mit zwei Fähren von Nieder-Dollendorf nach Bad Godesberg.

22. April 1967 - 09:00 Uhr: Auf dem Weg zum Kanzleramt überquert der Trauerzug den Rhein mit der Fähre von Rhöndorf, Adenauers Wohnort, Richtung Bonn. Die Übersetzung erfolgt mit zwei Fähren von Nieder-Dollendorf nach Bad Godesberg.

22. April 1967 - 09:20 Uhr: Nach dem Anlegen der Fähre übernimmt auf Godesberger Seite eine Ehrenformation des Bundesgrenzschutzes den Sarg mit den sterblichen Überresten des Altbundeskanzlers. Sie geleitet den Kondukt zum Bundeskanzleramt Bonn.

09:50 Uhr: Eine Polizeieskorte begleitet den Wagen bis zum Bundeskanzleramt, wo der Zug von Bundeskanzler Ludwig Erhard empfangen wird.

23. April 1967 - 23:30 Uhr: Am Abend wird der Leichnam Adenauers von Bonn nach Köln überführt und trifft kurz vor Mitternacht am Kölner Dom ein. Am Morgen des 24. April wird das Defilee der Bevölkerung vom Oberbürgermeister, dem Rat und der Verwaltung der Stadt Köln eröffnet und dauert den ganzen Tag an.

25. April 1967 - 10:00 Uhr: Konrad Adenaur wird mit einem Staatsakt unter Teilnahme zahlreicher hochrangiger Gäste aus der ganzen Welt gewürdigt: Hier sitzen von links nach rechts Bundespräsident Heinrich Lübke, der französische Staatspräsident Charles de Gaulle und US-Präsident Lyndon B. Johnson nebeinander, rechts dahinter der Hohe Kommissar John McCloy, Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger und Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier.

15:10 Uhr: Nach dem Pontifikalrequiem werden die Trauerkränze von Offizieren der Bundeswehr aus dem Südportal des Kölner Doms herausgetragen. Es folgt der Sarg von Adenauer. Direkt dahinter setzt sich der Trauerzug, angeführt vom Kölner Kardinal Frings, in Richtung Rheinufer in Bewegung.

15:20 Uhr: In den Straßenzügen drängen sich die Menschen. Firmen geben ihren Beschäftigten frei, ebenso wie zahlreiche Schulen den Schülern, damit sie dem ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland die letzte Ehre erweisen können.

15:30 Uhr: Hohe Offiziere der Bundeswehr tragen die Orden von Adenauer dem Sarg auf dem Weg zum Rhein voraus.

15:45 Uhr: Der Trauerzug trifft an der Anlegestelle am Kölner Rheinufer ein. Im Hintergrund drei der sechs Flusspionier-Boote, die den Konvoi auf dem Rhein in Richtung Bonn begleiten.

16:00 Uhr: An Bord des Schnellbootes "Condor" wird Adenauer nach Bad Honnef überführt, gefolgt von zwei Schwesterschiffen mit Angehörigen und Trauergästen an Bord. In Köln wird Adenauer mit 23 Salutschüssen geehrt, im Bereich der Bonner Nordbrücke folgen 68 weitere Schüsse. Um 18:45 Uhr wird der Sarg von der Anlegestelle zur Grabstätte in Rhöndorf geleitet.

20:00 Uhr: Im engsten Familienkreis wird Konrad Adenauer auf dem Waldfriedhof in Rhöndorf beigesetzt. Nach der Beerdingung ist der Grabstein von zahlreichen Blumen und Kränzen umringt.

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