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Ex-Polizist am Kölner Hauptbahnhof: "In der Vergangenheit zu lasch gewesen"

Ex-Polizist Nick Hein

Ex-Polizist am Kölner Hauptbahnhof: "In der Vergangenheit zu lasch gewesen"

Nach den Silvester-Übergriffen hat der ehemalige Bundespolizist Nick Hein in der letzten Woche mit einem Facebook-Post für heftige Diskussionen gesorgt. Auf WDR 2 hat er über die Täter und die Probleme der Polizei mit ihnen gesprochen.

WDR 2: Nick Hein war Polizist. Er ist 31 Jahre alt und hat seine Dienste am Kölner Hauptbahnhof gemacht. Und bei Facebook hat er jetzt nach dem Silvester-Chaos gepostet, was er in seiner Dienstzeit erlebt hat, mit Taschendieben, mit Anmachen, mit chronischer Unterbesetzung und Hintern abfrieren bei jedem Wetter. Und es geht hier auch um Gesetzgebung, die Dreistigkeit von Asylbewerbern im Verfahren, die keine Angst vor Abschiebung haben, weil ihnen keiner was kann. Hunderttausende Mal ist das geliked worden auf seiner Seite und wir sprechen mit ihm. Schönen guten Tag, Herr Hein.

Nick Hein: Ja, guten Tag, hallo.

WDR 2: Was glauben Sie, was an Ihrer Geschichte gefällt den Menschen besonders?

Nick Hein: Ich weiß nicht, ob diese Geschichte gefällt. Ich glaube das Problem ist einfach, dass dieses Thema die Menschen beschäftigt und dass es Vielen schwer fällt über dieses Thema zu sprechen, weil es natürlich ein exklusives Thema ist und ich habe mich bemüht, das Thema so objektiv wie möglich anzugehen. Und ich bin halt als Polizist in der Lage, da von Fällen zu sprechen, die wertungsfrei sind. Und ich glaube auch, weil ich kein Blatt vor den Mund genommen habe, dass das den Leuten aus der Seele gesprochen hat, vielleicht.

WDR 2: Wie oft haben Sie da hin oder her überlegt, ob Sie's tun sollen oder nicht?

Nick Hein: Zwei, drei Tage. Ich habe mich auch mehrfach mit meiner Frau unterhalten, als der Text dann fertig war, ob ich das tun soll. Meine Frau ist Japanerin und sie sagt, in Japan würde man da nicht so viele Zweifel haben, ob man so etwas postet, und das hat mir dann den Mut gegeben, ich habe gesagt, ok, komm, dann mache ich das jetzt.

WDR 2: Sie beschreiben in Ihrem Text zum Beispiel, dass Sie da Taschenräuber festgenommen haben, die Ihnen dann trotz Hausverbot dann wieder frech ins Gesicht grinsen, vom rauhen Umgangston. Die Zustände Silvester, wie sehr haben die Sie überrascht?

Nick Hein: Ja, das habe ich im Beitrag ja auch so ein bisschen versucht klarzustellen. Man hat sich da ein Tätertypus herangezogen, den wir schon seit mehreren Jahren am Bahnhof haben, mit dem wir uns seit Jahren auseinandersetzen müssen. Wir stellen denen täglich nach, wir nehmen die in Gewahrsam und müssen die im Anschluss wieder laufen lassen. Das macht fassungslos, das ist etwas, was die Öffentlichkeit so wahrscheinlich gar nicht weiß. Und wir ärgern uns darüber und jetzt haben wir diese Intensivtäter-Gruppe auch hauptverantwortlich für das, was Silvester passiert ist - und Wut, Verzweiflung und Frust, der sich da breit macht.

WDR 2: Was genau, glauben Sie, weiß die Öffentlichkeit da nicht, was muss sie unbedingt wissen?

Nick Hein: Ja, es sind viele Dinge. Unter anderm der Fakt, dass wir eben diese Tätergruppe schon seit Jahren am Hauptbahnhof haben und dass da in der Gesetzesanwendung einfach lasch gehandelt wurde. Die Gerichte müssen da auch mitspielen, das heißt, die Leute müssen verurteilt werden. Wir haben ja die Möglichkeit, jetzt auch laut Gesetz für diese Dauer-Straftaten - fast schon gewerbstätigen Straftaten - auch auszuweisen. Und ich glaube, wir sind da in der Vergangenheit zu lasch gewesen.

WDR 2: Sie kriegen sicherlich viel Resonanz von Ihren ehemaligen Kollegen im Dienst - wie ist die?

Nick Hein: Ich bekomme sehr viel Resonanz von Kollegen, die mir zustimmen, die dankbar sind, dass ich spreche. Sie würden es auch gerne, aber das ist so, dass viele - gerade auch in einem laufenden Dienstverhältnis - das nicht können, dass sie da ihren Job mit in Gefahr bringen. Ich bekomme aber auch viel Resonanz von Bürgern, die sehr dankbar sind, die besorgt sind, weil sie wissen, dass die Situation anders ist, als sie teilweise in den Medien dargestellt wird. Und ich bekomme auch viel Resonanz von Deutschen mit Migrationshintergrund und von Migranten, die sich erfolgreich über die Jahren integriert haben, die sagen: Wir sind froh, dass das ausgesprochen wird, wir wollen uns von diesen schwarzen Schafen distanzieren und wir wollen auch, dass die Werte, für die wir nach Deutschland gekommen sind, verteidigt werden. Und dafür brauchen wir einfach eine härtere Durchsetzung der Gesetze, die wir ja in dem Land haben. Das ist etwas, was mir auch sehr viel Mut gemacht hat und mich vor allen Dingen erleichtert hat. Denn ich wollte auf gar keinen Fall, dass der Beitrag missverstanden wird und möglicherweise für falsche Zwecke missbraucht wird.

WDR 2: An einer Veränderung der Gesetze wird schon gearbeitet. Wie weit sollte das Ihrer Meinung nach gehen?

Nick Hein: Ich denke, dass teilweise mit einer Gesetzes-Änderung, dass wir da schon etwas haben, was wir anwenden können. Es muss aber auch umgesetzt werden. Das ist ja das Problem, dass in der Vergangenheit viel zu zaghaft damit umgegangen wurde. Ich würde aber einiges noch verschärfen. Das ist meine persönliche Meinung: Es gibt Paragraph 54, da steht Ausweisungs-Interesse, da sind Gründe drin, die dafür sorgen, dass ausgewiesen wird. Und da müssten für mich Sexualdelikte ganz ganz oben stehen. Das ist ein Zeichen, das jetzt ganz ganz wichtig ist, dass das ein absoluter Ausweisungs-Grund ist, dass in Deutschland die Gleichberechtigung der Frau und der Schutz der Frau ein Grundrecht ist - und ich glaube, das wäre ein Zeichen, das wir setzen würden, das wesentlich besser ist, als ein Verhaltenskatalog für Frauen an Karneval.

WDR 2: Sie sind nicht mehr Polizist, Sie sind jetzt Boxer - warum haben Sie aufgehört?

Nick Hein: Ich war Leistungssportler im Judo, dann habe ich zu Mix-Martial-Arts gewechselt und ich habe im letzten Jahr einen Profi-Vertrag angeboten bekommen. Man hat mir aber dann von der Bundespolizei nahe gelegt, dass sich das nicht vereinbart und ich musste mich entscheiden. Ich habe mich für den Sport entschieden, ich habe mich 31 meines Lebens eigentlich als Sportler programmiert und ich bin jetzt auf dem Level, wo ich gerne jetzt auch die Ernte einfahren möchte.

WDR 2: Nick Hein, ehemaliger Polizei-Beamter am Kölner Hauptbahnhof. Er hat bei Facebook gepostet, was er in seiner Dienstzeit erlebt hat. Und da drückten Hunderttausende Daumen hoch, weil er offenbar für Viele den Nagel auf den Kopf trifft. Ich danke Ihnen, wünsche Ihnen alles Gute und dass Sie jetzt beim Boxen keins auf die Mütze kriegen. Tschüss.

Nick Hein: Vielen Dank, tschüss.

Das Interview wurde geführt von WDR 2 Moderatorin Steffi Neu.

Stand: 16.01.2016, 12:13

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