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The National - Sleep Well Beast

Albumcover von The National "Sleep Well Beast"

WDR 2 Musiktipp - 08.09.2017

The National - Sleep Well Beast

Von Marcel Anders

Harte Zeiten erfordern harte Mittel – düstere Zeiten erfordern düstere Klänge. Gemäß dieser Maxime gehen es The National auf ihrem siebten Album vorzugsweise ruhig und getragen an. Der Soundtrack zum Zeitgeist, eingefangen in einem Dutzend Songs, das zum Grübeln, zum Träumen aber auch Ballen der (mentalen) Faust animiert.

The National haben einen rasanten Aufstieg erlebt: Von der kleinen Indie-Rock-Band der frühen 2000er, die sich in winzigen Clubs bzw. im Vorprogramm von R.E.M. abrackerte, hin zu international gefeierten Rockstars mit Gold- und Platin-Alben, Konzerten in riesigen Multifunktionsarenen und reißerischer Berichterstattung in den Fachmagazinen. Ein Erfolg, der das Quintett aus Brooklyn hinaus in die Welt getragen hat: Mittlerweile residieren die Bandmitglieder in Los Angeles, Paris, Kopenhagen und auf Long Island. Und sie unterhalten Nebenprojekte, die sich der Avantgarde und der Klassik widmen.

The National - Day I Die

WDR 2 Musik | 08.09.2017 | 00:25 Min.

Intensives Hörerlebnis

Diese Freiheit und diese Vielfalt kommen auch "Sleep Well Beast" zugute. Auf ihrem siebten Studio-Album, an dem sie fast zwei Jahre gebastelt haben, erweisen sich The National als versierte, reife Musiker, die wissen, was sie tun. Die über eine breite Klangpallette verfügen, über den reinen Rock-Horizont hinausblicken und ein spannendes, intensives Hörerlebnis liefern. Eben mit einem Dutzend Songs, die zwar eine düstere, melancholische Grundstimmung aufweisen, aber doch nie depressiv wirken. Im Gegenteil: Bei den Songs passiert wahnsinnig viel – und wahnsinnig viel Gutes. Angefangen bei sphärischen Klanggemälden über Electronica-Momente, wunderbare Pop-Melodien und auch mal – selten, aber dann richtig – heftige Rock-Explosionen. Eine Mischung, die mitunter an Radiohead, Nine Inch Nails oder Roxy Music erinnert, aber doch etwas Eigenständiges und Markantes hat.

Vernuschelter Zeitgeist

Etwa die Texte von Sänger Matt Berninger. Ein ehemaliger Grafiker, der keine erzählerische Prosa offeriert, sondern Kryptisches und Fragmentarisches mit vielen starken Metaphern, die sich zumeist um Züge und Städte drehen bzw. für Bewegung und Wandel stehen. Sein Lieblingsthema, das sich wie ein roter Faden durch alle Songs zieht, und das er zumeist leicht vernuschelt und hintergründig zum Besten gibt. Zudem geht es in sämtlichen Stücken um den aktuellen Zeitgeist in den USA – um das Gefühl der Ohnmacht, der Wut und der Angst. Der Unsicherheit vor dem, was unter Trump noch alles passieren könnte, das blanke Entsetzen, dass es überhaupt so weit kommen konnte und das Unverständnis für seine "fellow Americans", die diesen politischen Albtraum zu verantworten haben. Da sind Titel wie "The System Only Dreams In Total Darkness", "Turtleneck" oder "Guilty Party" feine, intelligente und gezielte Nadelstiche, die ihre Wirkung nicht verfehlen. Spätestens die nächste Generation, so Berningers Hoffnung, werde vieles anders und besser machen. Wie seine sechsjährige Tochter, die er allabendlich mit den Worten "Sleep Well Beast" ins Bett bringt. Ein Satz, der wunderbar als Titel des neuen National-Epos passt: Es lässt uns gleich viel besser schlafen.

The National - Sleep Well Beast
1.Nobody Else Will Be There
2.Day I Die
3.Walk It Back
4.The System Only Dreams in Total Darkness
5.Born to Beg
6.Turtleneck
7.Empire Line
8.I'll Still Destroy You
9.Guilty Party
10.Carin at the Liquor Store
11.Dark Side of the Gym
12.Sleep Well Beast

Stand: 08.09.2017, 00:00