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Doch nicht ganz so schlimm?

Lageso Berlin Flüchtlinge

Krisenjahr 2015

Doch nicht ganz so schlimm?

Für den Krisenforscher Frank Roselieb zeichnen sich die Krisen von 2015 durch drei Besonderheiten aus, auch wenn die Krisen aus Sicht der Forschung nicht schlimmer waren als sonst - und es gibt Zuversicht für die Zukunft.

Die Eindrücke der Terroranschläge von Paris sind noch frisch, die Flüchtlingskrise ist allgegenwärtig - viele Menschen haben 2015 als ein echtes "Krisenjahr" empfunden. Krisenforscher Frank Roselieb kann diesen Eindruck aus wissenschaftlicher Sicht allerdings nicht bestätigen. "Wenn Sie in unsere Krisenfalldatenbank blicken (...), ist die Zahl der Krisen im Jahr 2015 eigentlich recht konstant geblieben." Bis Jahresende werden sich auf deutschsprachigem Boden rund 260 Krisenfälle ereignet haben, darunter etwa 50 größere Krisen wie die Flüchtlingskrise, der VW-Skandal oder auch der Absturz der Germanwings-Maschine vom März diesen Jahres, so der Wissenschaftler vom Institut für Krisenforschung in Kiel.

Was 2015 anders war

Für 2015 gibt es allerdings einige Besonderheiten: "Erstens wurde noch nie vorher die Krisenbewältigungsfähigkeit der Akteure hinterfragt." Dass eine Bundeskanzlerin sich rechtfertigen muss, ob sie eine Flüchtlingskrise bewältigen wird, oder die Frage, ob der Weltkonzern VW im Zuge des Dieselskandals Konkurs anmelden muss, habe es vorher in 30 Jahren Krisenforschung nicht gegeben. Das sei insofern erstaunlich, als dies beim Tsunami von 2004, bei dem binnen weniger Stunden 250.000 Menschen zu Tode gekommen sind, nicht der Fall gewesen sei. "Da hat niemand gezweifelt, ob man das Problem jemals lösen könnte."

Langfristige Auswirkungen von Krisen

Die zweite Besonderheit sei, dass einige der Krisenfälle wie die Flüchtlingsproblematik "weit in die nächsten Jahre und Jahrzehnte" hineinreichen werden, so Roselieb. Da seien viele der Überzeugung, dass man das humanitär in den Griff kriegen werde, "aber viele Deutsche fragen (...): wie geht es dann weiter?"

Krisenforscher Frank Roselieb

Krisenforscher Frank Roselieb

Die dritte Besonderheit sei das so genannten "Déjà-vu"-Erlebnis. Das trete dann ein, wenn immer wieder neue Krisen auftauchten, wie beispielsweise beim DFB, wo es erst einen Schiedsrichter- und dann den Korruptionsskandal gab, und folglich der Eindruck enstehe: "Das Lernen aus Krisen scheint nicht so richtig zu funtkionieren."

Aus den Krisen des Jahres rage die Flüchtlingskrise sicher heraus - auch, wenn sie aus Sicht der Forschung für Deutschland keine echte Krise sei. "Da müsste nämlich die so genannte 'Krisentragfähigkeit' überschritten sein." Zwar ächzten die Kommunen die Kommunen unter der enormen Last - "aber aktuell ist die Situation gerade eben noch beherrschbar."

Positive Aussichten

Die Frage von WDR 2 Moderator Uwe Schulz, ob die Deutschen in der Lage sein würden, ihre Krisen auch in den Griff zu bekommen, beantwortete der Forscher positiv. Da Krisen sehr stark von Bildern lebten, würde sich erstens der Eindruck der "Flüchtlingskrise" ändern - wenn man nicht mehr nur Bilder von armseligen Menschen in schlechten Kleidern erleben würde, sondern auch Bilder vom syrischen Flüchtling, der im weißen Kittel Deutsche Patienten behandele.

Zudem würde man den Politikern letzten Endes doch zutrauen, die Krisen, die sich jetzt noch nicht absehen lassen, zu bewältigen. Und drittens würde die "räumliche Nähe" der Flüchtlingskrise bei den Menschen den Impuls auslösen, dass auch sie betroffen sind und sich im Idealfall engangieren sollten. "Wenn diese drei Punkte zusammenkommen (...) wird die Krisenbewältigung auch zukünftig gelingen."

Stand: 30.12.2015, 00:00