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"Das ist eine große Gefahr"

Das Kraftwerk Tihange mit seinen qualmenden Türmen

Gespräch zu den Risiken des belgischen Atomreaktors Tihange 2

"Das ist eine große Gefahr"

Trotz heftiger Proteste ist der umstrittene belgische Reaktor Tihange 2 wieder ans Netz gegangen. Heinz Smital, Atomexperte bei Greenpeace, sagte auf WDR 2, von dem Reaktor in der Nähe von Aachen ginge eine große Gefahr aus.

WDR 2: Trotz Proteste ist der Reaktor Tihange 2 wieder hochgefahren worden. In Aachen gibt es bereits Notfallpläne, was im Falle eines Unglücks zu tun ist. Heinz Smital ist Diplomphysiker und der Atomexperte bei Greenpeace. Herr Smital, welche Gefahr geht denn von dem Reaktor aus?

Heinz Smital: Dieser Reaktor hat im Reaktordruckbehälter tausende Risse, die sind 2012 bereits entdeckt worden – bis heute weiß man eigentlich nicht genau die Mechanismen, die zu diesen Rissen geführt haben. Man kann auch nicht ausschließen, dass durch den weiteren Betrieb die Anzahl der Risse zunimmt. Man hat bei genaueren Untersuchungen entdeckt, dass es eben nicht nur 2.000, sondern um 60 Prozent mehr Risse sind, weit über 3.000 Risse - ein solcher Reaktor hätte niemals eine Genehmigung bekommen.

WDR 2:  Er hat aber nun doch eine Genehmigung bekommen. Wenn die Gefahren so offensichtlich sind und es auch Proteste gibt - aus den Nachbarländern, aus NRWs Umwelt- und Wirtschaftsministerium zum Beispiel – wie kann so ein Atomreaktor trotzdem wieder genehmigt werden?

Heinz Smital: Das Wiederanfahren ist sehr umstritten. Das ist eine große Gefahr. Letztlich zeigt es, wie stark die Atomlobby eben auch in Belgien und insgesamt in Europa noch ist. Es ist doch klar, dass der Reaktor-Druckbehälter sozusagen nur ein einmaliges Sicherheitssystem ist, während zum Beispiel Stromversorgung oder Pumpen redundant mehrfach vorhanden sind und man einen Ausfall auch einplant. Ein Versagen des Druckbehälters ist in der Störfallplanung nicht vorgesehen. Es ist tatsächlich das Herzstück des Reaktors, das hier rissig ist.

WDR 2: Die EU wollte ja nach Fukushima mit einem Stresstest verhindern, dass gefährliche Reaktoren auch in Europa am Netz sind. Erfüllt denn Tihange 2 diesen Stresstest?

Heinz Smital, Diplomphysiker und Atomexperte bei Greenpeace

Heinz Smital, Diplomphysiker und Atomexperte bei Greenpeace

Heinz Smital: Diese Stresstests sind in gewisser Weise eine Mogelpackung. Man betrachtet nämlich nur besondere Ereignisse, also zum Beispiel den Stromausfall oder Überschwemmungen und dergleichen besondere Ereignisse. Das macht durchaus Sinn. Aber es ist dann letztendlich so, wie wenn man bei einem Fahrzeug nur überprüft, ob ein Pannendreieck und ein Wagenheber vorhanden sind, etwas, was man für einen Unfall durchaus braucht, aber die Bremsen, die Lenkung wird überhaupt nicht betrachtet. Das heißt, im Stresstest wird kein Sicherheitscheck des Reaktors tatsächlich vorgenommen. Das heißt, ein bestandener Stresstest sagt gar nichts über die Sicherheit des Reaktors aus.

WDR 2: Wenn so ein Reaktor unbedingt ans Netz muss, liegt es daran, dass uns Strom fehlt oder ist bei irgendwem die Glühbirne ausgegangen, weil der Reaktor jetzt zwei Jahre nicht am Netz war?

Heinz Smital: Der Reaktor war eine lange Zeit seit 2012, mit kurzen Unterbrechungen, seit 2013 die ganze Zeit nicht am Netz. Es gibt in Europa genug Strom. Deutschland exportiert auch sehr viel Strom, das heißt, es wurde ja geradezu belegt, dass man ohne diesen Reaktor ausgekommen wäre.

WDR 2: Der gefährliche Reaktor Tihange 2 ist wieder ans Netz gegangen. Was daran so gefährlich ist, das hat uns Diplomphysiker Heinz Smital erklärt.  

Das Interview führte WDR 2 Moderator Jürgen Mayer

Stand: 15.12.2015, 14:27