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"Die Geschäftsgrundlage entziehen"

Polizei vor dem LKW, in dem die toten Flüchtlinge entdeckt wurden

Pro Asyl zu Schlepperbanden

"Die Geschäftsgrundlage entziehen"

Der Tod zahlreicher Flüchtlinge in einem Lkw sorgt für Entsetzen und wirft die Frage auf, wie gegen skrupellose Schlepperbanden vorgegangen werden kann. Pro Asyl-Geschäftsführer Günter Burkhardt forderte auf WDR 2, den Schleppern die Geschäftsgrundlage zu entziehen.

WDR 2: Günter Burkhardt ist Geschäftsführer von Pro Asyl. Herr Burkhardt, Innenminister Thomas de Maizière hat gesagt, dass ihn das schwer schockt und auch schwer anfasst. Wie ist das mit Ihnen?

Günter Burkhardt: Es gibt ein Schweigen der Politik, und es gibt ein Schweigen mit Worten, d.h. man tut nichts. Ich bin immer wieder erschüttert, verbittert, empört, wenn wir solche Nachrichten hören; denn die Ursache ist ja, dass Menschen etwa aus Syrien, Irak keine andere Chance haben, als sich in die Hände von Schleppern zu begeben, weil Herr Minister de Maizière und seine Amtskollegen Europa die Grenzen dichtmachen und der Weg - etwa von Griechenland über Ungarn, Österreich nach Deutschland - dazu führt, dass der Flüchtling aus Syrien wieder nach Ungarn zurückgeschickt werden soll.

WDR 2: Aber glauben Sie denn, dass die Öffnung der Grenzen dann diese Schlepperbanden verhindern kann?

 Günter Burkhardt unter einem Banner mit Schriftzug "Pro Asyl"

Günter Burkhardt, Geschäftsführer Pro Asyl

Günter Burkhardt: Wenn ich legale Wege schaffe, wenn ich das nicht mehr kriminalisiere - die jüngste Forderung der Kripo-Gewerkschaft in "Spiegel Online" heute -, wäre das schon ein wichtiger Schritt. Man könnte ja auch sagen, Syrer, die Angehörige in Deutschland haben, Iraker, Afghanen, dürfen aus Ungarn durchreisen. Stattdessen beharrt man - auch die Kanzlerin - auf diesem europäischen Abkommen, wo das Land zuständig ist, das einen Flüchtling einreisen lässt. Das heißt, man muss illegal durch Österreich durch.

WDR 2: Wir haben heute morgen ja schon mit einem EU-Politiker (Herbert Reul, CDU, Anmerkung der Redaktion) gesprochen: Der meinte, solange sich die europäischen Länder nicht einig sind, solange da einige ausscheren und gar nicht mitmachen, sind wir völlig unfähig zu handeln.

Günter Burkhardt: Im Moment handeln die europäischen Staaten schon, aber in die falsche Richtung. Wir versuchen, die Grenzen dichtzukriegen. Jeder versucht, einen Zaun zu bauen. Man will ja alles tun, damit Flüchtlinge etwa aus Syrien, Irak, Afghanistan, gar nicht Europa erreichen. Dann gibt es jetzt den Druck Österreichs auf Griechenland: Die sollen die Grenzen dichtmachen. De Facto rennen Menschen um ihr Leben aus Syrien weg, und Europa streitet sich, wie kriege ich am besten die Grenzen geschlossen, wie verhindere ich, dass sie mein Land erreichen.

WDR 2: Unabhängig von den Flüchtlingen gibt es diese Schleuserbanden, die offenbar völlig angstfrei agieren - wie kann man an die rankommen?

Günter Burkhardt: Grauenhaft, das sind mafiöse Strukturen. Ich weiß nicht, wie man da rankommen kann. Aber man kann ihnen die Geschäftsgrundlage entziehen; denn das Geschäft der Schleuser floriert immer besser, je hörer die Zäune sind. Der Preis der Flucht steigt, die Wege werden länger. Warum, bitteschön, kann ein syrischer Flüchtling nicht, wenn er in Ungarn ist, durchreisen durch Österreich nach Deutschland und dann vielleicht nach Großbritannien oder nach Schweden oder auch Deutschland - von mir aus nach Hamburg, wenn dort Angehörige leben, warum muss überhaupt er nur die einzige Chance haben, den Weg mit Schleppern zu gehen? Das ist die Frage, von der ich eine Antwort auf die Politik erwarte. Die bekommen wir doch nicht.

Das Interview führte WDR 2 Moderatorin Steffi Neu.

Stand: 28.08.2015, 07:15