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"Sukzessive Gehirnwäsche"

Ex-Salafist Dominic Schmitz im Interview

"Sukzessive Gehirnwäsche"

Was treibt Jugendliche in die Hände von Salafisten? Und wie kann die Politik Aussteigewilligen helfen? Auf WDR 2 schilderte Aussteiger Dominic Schmitz, wie er in die Szene geriet - und wie er jetzt zur Aufklärung beiträgt.

Dominic Schmitz

Dominic Schmitz ist aus der Salafistenszene ausgestiegen

WDR 2: Was kann die Politik tun, um radikale Islamisten aus der Szene zu holen? Auch darüber werden die Innenminister heute bei ihrem Treffen sprechen. Und NRW ist da schon so ein bisschen Vorbild. Hier gibt es das Aussteigerprogramm namens "Wegweiser". Dominic Schmitz war selber Salafist, aber er ist ausgestiegen und klärt jetzt auf - in Schulen zum Beispiel. Herr Schmitz, aus Ihrer Erfahrung - können sich auch deutsche Jugendliche so radikalisieren wie die Islamisten aus Paris oder Belgien?

Dominic Schmitz: Ja, ich glaube, das hat nichts mit dem Land an sich zu tun [...], sondern einfach mit der Propaganda - und die Gefahr ist natürlich da.

WDR 2: Von wo geht die Gefahr denn genau aus?

Dominic Schmitz: Die größte Gefahr geht, denke ich mal, vom Internet aus, weil da halt sehr viel Propaganda betrieben wird, mit Videos, mit Predigten, mit Texten und so weiter.

WDR 2: Wie sind Sie damals denn geködert worden?

Dominic Schmitz: Also, ich bin ja nie gewalttätig gewesen und war auch nie Dschihad- oder Kampf-affin. Aber es findet natürlich so eine sukzessive Gehirnwäsche, so ein Brainwash statt - und der kann dann natürlich ganz schnell dazu führen, dass man dann eben Gewalt akzeptiert oder sogar selbst anwendet.

WDR 2: Aber es gibt so einen Punkt, wo Sie dann sagen 'Ja, ich möchte gerne mich da weiter einbringen'. Wie ist das bei Ihnen passiert?

Dominic Schmitz: Ich bin ja 2005 zum Islam konvertiert und bin dann gleich auf Jugendliche gestoßen, die eben Salafisten waren und auch heute noch sind und teilweise bekannte Prediger sind. Und für mich waren damals der Salafismus und der Islam eins. Ich hatte ja keine Ahnung von Religionen, und so wurde mir der Salafismus eben als der Islam verkauft. Und der Salafismus bedeutet bedeutet ja aber nicht gleich Gewaltbereitschaft.

WDR 2: Trotzdem - die Frage, die sich auch Politiker natürlich jetzt gerade stellen: Wie hält man Jugendliche davon ab, sich zu radikalisieren?

Dominic Schmitz: Das ist natürlich die Frage aller Fragen. Das Problem ist: Die Fragestellung an sich ist schwierig, weil jeder Mensch ist ein Individuum. Und bei jedem ziehen andere Argumente. Es gibt kein Patentrezept, um jetzt jeden Jugendlichen vor so einer Sache zu bewahren. Aber ich zum Beispiel finde es sehr wichtig, dass man eben an Schulen bereits aufklärt, sei es im Religionsunterricht oder eben mit mir beispielsweise, dass ich an Schulen gehe und einfach nur von meinem Leben und meinen Erfahrungen berichte.

WDR 2: Was bringt aus Ihrer Sicht das NRW-Aussteigerprogramm "Wegweiser"?

Dominic Schmitz: Das bringt sehr viel, aber um aussteigen zu können, muss natürlich auch eine gewisse Bereitschaft und eine Offenheit da sein. Das ist sehr schwer, wenn Menschen religiös so extrem überzeugt sind, weil du an diese Menschen fast gar nicht rankommen kannst - außer mit der Basis, auf die diese extreme Ansicht aufgebaut ist, und zwar die Religion. Und das ist dann für Nicht-Muslime meistens schwer. Also, das ist gleichzusetzen damit, einem Nazi zu erklären, dass Ausländer doch nicht so schlecht sind.

WDR 2: [...] Danke für das Gespräch.

Das Interview führte WDR 2 Moderator Stefan Vogt.

Stand: 03.12.2015, 09:30