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Udo Lindenberg des HipHop

Trettmann

Sound Supreme - Trettmann "#DIY"

Udo Lindenberg des HipHop

Von Adrian Nowak

Alle lieben Trettmann, denn er hat die Vibes, Skills und den Blues. Der Autotune-Crooner aus Leipzig singt für die Abgehängten und die Hoffnungsvollen. Kitschkrieg liefern dazu Trap Beats und Future Riddims. Ihr Album "#DIY" steckt voller Großstadthymnen zwischen Melancholie, Struggle und der Feier des Lebens.

 "Grauer Beton, rauher Jargon, Freiheit gewonn'n, wieder zeronn'n". "Grauer Beton" von Trettmann ist sicher kein Partysong, aber trotzdem ein Hit. Auf einem melancholisch gefärbten HipHop-Beat beschreibt er die Hochhaustristesse, in der er seine Jugend verbracht hat: Das Fritz-Heckert-Neubaugebiet in Chemnitz. Zu DDR-Zeiten ein heiß begehrter Wohnort, nach der Wende ein Moloch, in dem seither die Abgehängten der Gesellschaft wohnen. Vor dem Hintergrund der Erfolge der AfD bei der letzten Bundestagswahl bekam das Stück eine zusätzliche Aktualität. Rapper Sido feierte es jüngst als "Song des Jahres", Jan Böhmermann bezeichnete das Stück in seiner Sendung als "wahnsinnig gut".

Vom Heckert zur Skyline

1973 ist Trettmann als Stefan Richter zur Welt gekommen. Im "Heckert"-Gebiet wohnte er hoch genug, um West-Radio zu empfangen. So entdeckte er schon früh den Soul von Stevie Wonder, im DDR-Kino begeisterte ihn der Breakdancefilm "Beatstreet" von Harry Belafonte. Nach der Wende arbeitete er unter anderem als DJ und im Plattenladen und reiste in den 90ern zum ersten Mal nach Jamaika, wo er Reggae und Dancehall für sich entdeckte. Ab 2006 war er mit eigenen Songs vor allem in der überschaubaren deutschen Reggaeszene erfolgreich, experimentierte bei verschiedenen Projekten mit Dancehall, Ska, Reggae, HipHop und R&B, und erfand sich dabei immer wieder neu.

Kitschkrieg

2016 entwickelt Trettmann seinen Style zusammen mit dem Produktionsteam Kitschkrieg wieder weiter. Zu Kitschkrieg gehören Produzent Fizzle, der mit seinem Label SoulForce schon seit Jahren die deutsche Dancehallszene prägt, sowie der Beatbastler FIJI Kris, der unter anderem beim letzten Beginner Album mitgeschraubt hat. Begleitet wird alles von schlichten Schwarz-weiß-Visuals der Fotografin Awhodat.

Straßenblues

Auf reduzierten, verträumten Trap-Beats glänzt Trettmann erstmals als gefühlvoller Autotune-Crooner. Seine Schnoddrigkeit, die authentische Sprache von der Straße, sein schräger Humor, aber auch die Traurigkeit in seiner Stimme erinnern an den Deutsch-Blues-Meister Udo Lindenberg. Vor allem das hymnische "Skyline" sticht heraus, bei dem er den Aufbruch zu neuen Ufern besingt: "Was für ein Horizont, so ohne Skyline".

Neu-Neuerfindung

Rapstars wie Bonez MC, Kalim, Megaloh oder RAF Camora werden auf ihn aufmerksam, in den nächsten Monaten werden alle mit dem Leipziger und seinem Kitschkrieg-Team zusammenarbeiten. Die Fanbase wächst und wächst, 20-jährige Kids dappen zu den cloudigen Hymnen von Trapmann. Nach vier EPs mit Kitschkrieg kommt nun das erste komplett von den Wahlkreuzbergern produzierte Album. Auf "#DIY" setzt sich die Trap-Saga fort, aber auch Einflüsse aus Dancehall schimmern immer wieder durch.

Zwischen Party und Poesie

Der Beat von "Knöcheltief" klingt zwar nach Rap, der Text beschreibt jedoch einen Karibikurlaub - mit jamaikanischen Vokabular wie "West Indies", "Sess" oder einem Zitat aus dem Reggaeklassiker "Pass The Kutchie" der Mighty Diamonds. Auf dem Stück "Gott sei Dank" mischen Kitschkrieg einen klassischen 90s Dancehall-Riddim mit verträumten Keyboardtupfern. Darauf feiert Tretti seine jüngsten Erfolge zusammen mit Bonez MC und RAF Camora, die mit ihrem Projekt "Palmen aus Plastik" deutschsprachigen Dancehall an die Spitze der deutschen Charts brachten. Die Partyfraktion bedient er auch zusammen mit Rapsternchen Haiyti aus Hamburg und Newcomer Joey Bargeld. Stimmungsvolle Bilder wie "nur noch Eis in meinem Glas" beschreiben die Vibes auf der Afterhour abseits von stumpfen Feier-Parolen. Der Beat dazu beschwört mit Referenzen an 2-Step-Garage Erinnerungen an den UK-Sound der Jahrtausendwende.

Turn up & get down

Die Turn Up-Nummern werden kontrastiert von melancholischen Stücken, wie der im Dreivierteltakt wippenden Ballade "New York", oder "Geh ran", in dem er sich an einen verstorbenen Freund erinnert. Die Produktion ist detailverliebt, jede High Hat, jede Note sitzt, weite Flächen, dezente Akkord-Tupfer lassen Raum für das Auf und Ab in Trettmanns Gesang, dessen Melancholie auch noch in optimistischen Songs wie "Fast Forward" mit Marteria durchschimmert. Mit nur zehn Stücken ist "#DIY" ein sehr knackiges Paket, dafür ist aber jedes Stück eine Perle.

Trettmann - "#DIY"

COSMO Sound Supreme | 01.10.2017 | 02:36 Min.

Stand: 01.10.2017, 00:00