Live hören
Jetzt läuft: No lie von Sean Paul feat. Dua Lipa

Die Rückkehr von Westafrikas Kultband

Orchestra Baobab: "Tribute To Ndiouga Dieng", Cover des Albums

Sound Supreme - Orchestra Baobab: "Tribute To Ndiouga Dieng"

Die Rückkehr von Westafrikas Kultband

Seit 50 Jahren spielt das Orchestra Baobab einen afrokubanischen Mix aus Rumba, Son, Salsa und westafrikanischen Musikstilen. Nun kehrt die Kultband aus Dakar zurück mit zeitlosen Klassikern und neuen Koraklängen.

Musik war als Lebenserwerb im Westen Afrikas in den 60ern nicht vorgesehen. Es wurde nicht gerne gesehen, dass im anrüchigen Club Baobab nun einige Musiker Lieder nachspielten von der anderen Seite des Atlantiks. Mit den Handelsschiffen waren die Platten von Ray Barretto und vielen anderen lateinamerikanischen Musikern nach Westafrika gekommen. Rudy Gomis und Balla Sidibe erkannten in diesen Liedern den Groove und die Rhythmik Westafrikas, die irgendwann mit den Sklavenschiffen in die beiden Amerikas gezogen waren.

Spanische Lautmalerei

Das Orchestra Baobab spielte fortan afrokubanische Musik im wahrsten in dem kleinen Club. Aber da man des Spanischen nicht mächtig war, erfand man spanische Lautmalereien oder sang in der senegalesischen Landessprache Wolof. Und auch mit den Instrumenten und der Stilistik war das Orchester ganz zu Hause. Mandinka Kulturen und die Musik der Cassamance flossen in die Lieder ein, die Gomis und Sidibe bald selbst komponierten. Daraus erwuchs eine der legendärsten Bands Westafrikas.

Afrikanische Rumba

Mit ersten Auftritten und Aufnahmen in Paris wurden die Musiker schnell über Westafrika hinaus bekannt. Der Sound Kubas wurde bei ihnen langsamer, grooviger, westafrikanischer. Das gefiel in Europa Salsa-Afficionados und dem breiten Publikum. Dann löste sich das Orchester auf. Kam Anfang der Nuller Jahre zurück, nun schon mit Kultstatus. Landsmann Youssou N‘Dour produzierte das Album „Specialist in All Styles”. Unter den Ehrungen war der German Jazz Award 2003. Zehn Jahre sind seit dem letzten Album vergangen, da melden sich Baobab mit “Tribute to Ndiouga Dieng” zurück.

Orchestra Baobab – Sey, Screenshot aus dem Video

Groove, Sehnsucht, Abflug

Rudy Gomis und Balla Sidibe sind Legenden. Und an ihrem Comeback-Album hört man, dass sich die beiden der Ehre und Verantwortung bewusst sind. “Foulo” öffnet den Raum mit seinem Gitarrenriff, drei Takte legt sich der Bläsersatz auf den Groove, angeführt vom Saxofon von Issa Cissokho - himmlisch wie über Wolken gleitend. Und dann kommt Balla Sidibe Stimme dazu, melancholisch, dunkel, klagend. Sidibes Stimme fliegt über den Atlantik, aber er bleibt in seiner Heimat, singt Wolof. Hier ist im ersten Song bereits alles präsentiert, was diesen Musiker Kultstatus verliehen hat. Eine westafrikanische Band, zu Hause in Rumba, Salsa und Son. Die aber das Lateinamerikanische in ihren eigenen westafrikanischem Tempo und Lebensgefühl adaptiert.

Die Wurzeln des Affenbrotbaums

Sidibe und Gomis widmen das Album ihrem jüngst verstorbenen Weggefährten Ndouga Dieng. Charlie Ndiaye am Bass, Schlagzeuger Mountaga Koite sind ebenfalls seit Jahrzehnten fest in der Gruppe. Baobab heißt Affenbrotbaum, und diese Band hat lange tiefe Wurzeln in Westafrikas Erde. Aber einfach mehr vom Bewährten wollten die Baobabs auch nicht beim Comeback ihren Fans anbieten. Der junge Gitarrist Rene Sowatche aus Benin ersetzt Barthelemy Attisso, der als Anwalt wieder in seiner Heimat Togo arbeiten wollte. Der größte musikalische Schachzug auf “Tribute to Ndiouga Dieng” ist aber die Neuverpflichtung von Abdouleye Cissokho, und damit die erste Aufnahme der Koraharfe in die Musik des Orchestra Baobab seit Gründung. Schon der zweite Song auf dem Album macht spürbar, welche Erweiterung des Gesamtsounds damit gelungen ist. Cissokhos jazzige Kora-Läufe flirren durch “Fayinkounko”, schmiegen sich zwischen Latin-Bläsersätze und den endlosschlaufigen Gitarrenriffs von Rene Sowatche. Mit dieser Änderung gewinnt das “afro” in “afrokubanische” Musik dazu, aber beide Seiten gleiten so eng nebeneinander her, als wären sie immer füreinander bestimmt gewesen.

Buena Vista Westfafrikas

Wieder einmal hat der Engländer Nick Gold das Projekt zusammengebracht. Mit seinem World Circuit Plattenlabel ist er für das Rampenlicht auf den internationalen Karrieren von Oumou Sangare, Ali Farke Toure und vielen mehr verantwortlich. Mit dem Buena Vista Social Club toppte er alle vorangegangenen Erfolge. Produzent neben Ry Cooder war schon damals Jerry Boys, der mit den Beatles im Abbey Road Studio einst “Lady Madonna” aufnahm. Jerry Boys - ein ergebener Diener des analogen Sounds - mischte die in Dakar aufgenommenen Lieder ab. So klingt das Klangergebnis warm und weich, aber präsent in jedem Instrument, wie es nur ein erfahrener Produzent wie Boys vermag. Als letzten Tupfer für ein gelungenes Comeback luden Gomis und Sidibe einmal Landsmann Cheikh Lo ein, den Gesangspart für “Magnokouto” zu übernehmen. Und Thionne Seck, der seine internationale Karriere im Orchestra Baobab begann, besucht die alten Kumpels für die Aufnahmen zu “Sey”. Unaufgeregter, aber gleichzeitig brillanter ist selten ein Comeback zurück auf die Bühne gelungen.