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Der Sound von Twin Peaks

Die Protagonisten der Serie Twin Peaks

Der Sound von Twin Peaks

Von Marc Mühlenbrock

Am Sonntag ist es soweit: Wir kehren zurück nach Twin Peaks, Schauplatz der merkwürdigsten Serie der TV-Geschichte. Dann nämlich startet die lang erwartete dritte Staffel im US-TV. Es ist noch so gut wie nichts über den Inhalt bekannt, aber der Soundtrack ist schon wieder allgegenwärtig.

"Wir sehen uns in 25 Jahren", das sagte Laura Palmer 1991 zu Special Agent Dale Cooper. Und eben dieser Satz aus der letzten Episode von "Twin Peaks" wird nun Wirklichkeit - auch wenn es dann am Ende 26 Jahre waren. Die Mutter aller Autoren-Serien, nach denen wir heute süchtig sind - von "Breaking Bad" bis "Mad Men" - ist zurück. 18 neue Episoden um Crime und Freaks in einer amerikanischen Kleinstadt.

Was bisher geschah

"Twin Peaks" war Anfang der 90er-Jahre nicht nur eine Serie, sondern ein Stück Popkultur und ist seit jeher fest verankert in unserem popkulturellen Gedächtnis. Mit seiner poetisch-psychedelischen Optik zwischen dunklen Wäldern, amerikanischen Dinern und roten Samtsalons hat es viele Musikvideos geprägt, Kanye West verweist in seinem Hochglanz-Kunst-Film "Runaway" sehr direkt auf David Lynch. Lana del Rey hätte als depressive Vorstadtschönheit mit Träumen von Hollywood wohl auch in "Twin Peaks" mitspielen können. Aber auch die Musik in "Twin Peaks" selbst ist bis heute relevant.

Moby

Erstes Sample des Twin Peaks-Soundtracks: von Moby

Moby war der erste, der den "Twin Peaks" Soundtrack gesamplet hat, er hat aus "Laura's Theme" 1991 seinen allerersten Hit "Go" gebastelt. Jetzt haben wieder Musiker in Vorfreude auf den Start der 3. Staffel die Titelmelodie geremixt, so wie der britische Elektronikmusiker Jon Hopkins und der kalifornische HipHop-Produzent Flying Lotus.

Der neue Sound der Stadt

Heißester Kandidat für den Soundtrack der dritten Staffel ist Johnny Jewel, Elektronikproduzent und Filmkomponist aus Portland. Er hat selbst schon gepostet, dass Musik seines neuen Albums "Windswept" auch bei Twin Peaks dabei sein wird, nur in welchem Ausmaß, ist noch nicht klar. Mit "Insomnia" und "Television Snow" hat er zwei Clips gepostet, die musikalisch und visuell sehr stark an Twin Peaks erinnern.

Vielleicht war es am Ende auch nur ein cleverer Marketing-Trick - aber dass Johnny Jewel beim "Twin Peaks"-Soundtrack dabei ist, erscheint irgendwie logisch. Er war mit seinen Bands Chromatics und Desire beteiligt am Soundtrack von "Drive" mit Ryan Gosling, also einem Film, der in der psychedelischen Tradition von Lynch-Filmen steht. Und Johnny Jewel hat mit seinem Label "Italians Do It Better" seine Vorliebe für Italo-Pop und Italo-Soundtracks der 70er- und 80er-Jahre bewiesen, beides sind auch Vorlieben von Serienmacher David Lynch.

Frau mit geschlossenen Augen liegt auf einem Bett

"Insomnia" von Johnny Jewels - Vorlage für den neuen Twin Peaks-Sound?

Italo-Pop

Sicher dabei ist wohl ein anderer italienischer Einfluss: Lynchs langjähriger Filmkomponist, der Italo-Amerikaner Angelo Badalamenti. Die beiden arbeiten seit über 30 Jahren zusammen und haben auch gemeinsam die bekannte Musik von "Twin Peaks" geschrieben. Begonnen hatte die Zusammenarbeit 1986 bei dem Film "Blue Velvet". Damals wollte David Lynch für eine Szene unbedingt einen Song der experimentellen Ambient-Popband This Mortal Coil verwenden, "Song To Siren", ein Cover von Tim Buckley. Aber die Verwertungsrechte waren zu teuer, also bat er Badalamenti, ein ähnliches Stück zu komponieren. Heraus kam "Mysteries of Love", gesungen von Julee Cruise, das auch die Vorlage für "Falling" - die "Twin Peaks"-Titelmelodie - sein sollte, ebenfalls gesungen von Cruise.

David Lynch, Bürgermeister von Twin Peaks

Regisseur David Lynch

Regisseur David Lynch

Über allem steht natürlich Regisseur und Drehbuchautor David Lynch. Er schrieb die Story, setzt sie um, hat in "Twin Peaks" jeden Baum gepflanzt und bestimmt über jede Note, die aus dem Off erklingt. David Lynch ist dabei ein Meister der Abstraktion. Er nimmt normale, völlig alltägliche Situationen und verändert diese, so dass sie unsere Gedankengänge überfordern: alles wirkt surreal. Das gilt für seine überzeichneten Figuren, die in "Twin Peaks" merkwürdige Dialoge über Kaffee führen, und ganz besonders natürlich auch für die Musik.

In seinen Filmen sind das oft unschuldige, alte Country-Schlager von Roy Orbison oder Bobby Vinton, die er in völlig unpassenden Momenten einsetzt, wie brutalen Schlägereien oder sado-masochistischem Sex. Bei "Twin Peaks" wiegt einen der warme, melancholische Synthie-Sound der Titelmelodie erst einmal in Sicherheit. Aber dann kitzelt Lynch durch die Kombination mit brutalen Morden und psychedelischen Aufklärungsmethoden in der Vorstadt-Idylle eine dunkle Ästhetik aus der Musik heraus, die irgendwie schon immer da gewesen zu sein schien. Was er schon vorher in den Songs sieht, wird offensichtlicher, wenn man David Lynchs eigene Musik anhört, erschienen auf bisher zwei Alben: Er orientiert sich auch am Country und Blues, verzerrt diesen und singt dazu mit einer beinah wahnsinnigen Stimme.

Stand: 19.05.2017, 11:00