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"Absolut erniedrigend und entwürdigend"

Daddy Yankee

Sexismus im Reggaeton

"Absolut erniedrigend und entwürdigend"

Von David Freches

Das Genre Reggaeton ist sehr männlich dominiert. Die Künstler singen häufig über Sex mit Frauen - und wie sie das tun, sorgt für Diskussionen. Die sexistischen Texte förderten sexuelle Gewalt gegenüber Frauen, so die lauter werdende Kritik. Die Künstler wehren sich gegen die Vorwürfe.

Zum ersten Mal seit 2004 ist Reggaeton wieder ganz vorne in den deutschen Charts angekommen. Damals wie heute beteiligt: Daddy Yankee. Sein Song "Gasolina" landete noch auf dem siebten Platz, jetzt hat er sich zusammen mit Luis Fonsi und "Despacito" auf die Nummer Eins gesungen. Im Reggaeton geht es häufig um Lebensfreude, wilde Partynächte, um Liebe und Leidenschaft - wie auch in "Despacito" - aber oft dreht es sich auch um Begierde und Sex.

Das Genre ist sehr männlich dominiert. Es singen also vor allem Männer über Sex mit Frauen - und wie sie das tun, das sorgt schon länger für Diskussionen. Die Texte einiger Künstler seien frauenverachtend und sexistisch, lautet der Vorwurf. Die Künstler gehen beim Texten dabei meist nach drei Arten vor:

Sie orientieren sich erstens an einem anderen Sprachgenre, zum Beispiel Pornos: Daddy Yankee singt mit Nicky Yam in "En La Cama": "A ella le gustan cuando le den duro y se len coman" - sinngemäß: "Sie mag es, wenn ich es ihr hart besorge und sie geleckt wird." Comer heißt eigentlich essen, ist hier aber angelehnt an "pussy eating". Zwar ist "En La Cama" 16 Jahre alt, Nicky Yam hat das Lied aber in derselben Version mit denselben Zeilen 2016 nochmal neu veröffentlicht. Auf seinem Album "Exitos" ist es der erste Track.

Sie nutzen zweitens Wortspiele und Metaphern. Dieses Stilmittel kommt am häufigsten vor. So heißt es bei Yaga, Mackie und Arcangel in "La Bellaquera" (2015): "Si fueras un clavo y yo un martillo, quisiera clavarte - wenn du ein Nagel wärst, dann wäre ich der Hämmer, ich wollte dich nageln." Und: "En la cocina voy a darte tabla, tu quieres, yo quiero, daremos el blabla." "Darte tabla" würde direkt übersetzt "das Brett geben" heißen, bedeutet hier aber: "In der Küche werde ich dich wegbrettern, du willst es, ich will es, Schluss mit dem blabla."

Sie verschleiern drittens gar nichts. Wie Maluma, der seit 2016 im Refrain von "Cuatro Babys" singt: "Estoy enamorado de cuatro babies, Siempre me dan lo que quiero. Chingan, cuando yo les digo, Ninguna me pone pero" - "Ich liebe meine vier Babes, die machen für mich immer alles, was ich will. Ficken mit mir, wenn ich es ihnen sage und von keiner kommt ein 'aber'."

Maluma

Petition gegen "Cuatro Babys"

Die Musik ist sehr erfolgreich, trotz oder vielleicht sogar wegen der Texte. Zwar ist "Cuatro Babys" mehr dem Trap Latinoamerico zuzuordnen, also einem dem Reggaeton ähnlichen Genre mit mehr Elektroeinflüssen. Das offizielle YouTube-Video dazu hat aber mehr als 650 Millionen Aufrufe - zehn Mal mehr als "Angels" von Robbie Williams.

"Dieses Lied ist absolut erniedrigend und entwürdigend für das weibliche Geschlecht. Frauen werden als Sexobjekte dargestellt, die den Mann grenzenlos zu befriedigen haben", sagt Laura Peréz Sanchéz. Die PR-Managerin aus Madrid hat eine Petition gegen "Cuatro Babys" gestartet. Sie möchte, dass das Video aus dem Netz genommen wird und der Song verschwindet. Mehr als 90.000 Menschen haben schon unterschrieben.  Sowohl der Text als auch das Video förderten sexuelle Gewalt gegenüber Frauen und machten sie entschuldbar, weil Frauen als wertlos dargestellt würden, sagt Sanchéz.

Zu behaupten, jeder Reggaeton-Fan sei ein Sexist und würde durch die Musik zum potenziellen Frauenschläger, ist sicherlich zu kurz gedacht. Allerdings ist Reggaeton einer der beliebtesten und erfolgreichsten Musikstile Lateinamerikas – also auch der Region, die nach Studien der Gesundheitsorganisationen wie der PAHO Probleme mit häuslicher und sexueller Gewalt gegenüber Frauen und Mädchen haben.

In Bolivien hat mehr als die Hälfte aller Frauen schon mal häusliche oder sexuelle Gewalt erfahren. In Peru sind es 40 Prozent. In Argentinien wurden laut einer Umfrage mehr als 97 Prozent aller Frauen schon mal sexuell belästigt, mehr als 80 Prozent bereits begrapscht. Erst im vergangenem Herbst gab es in Lateinamerika eine ganze Reihe von Frauenmorden, gegen die anschließend mehrere zehntausend Menschen demonstriert haben. Die Machismo-Kultur ist dort teils noch stark verbreitet - also das Gefühl, dass der Mann stärker und überlegener ist. Auch deshalb trauen sich viele Frauen nicht, die Männer - häufig sogar ihre eigenen - anzuzeigen.

Die Künstler wehren sich gegen Sexismus-Vorwürfe

Daddy Yankee hat bereits 2012 im Interview mit der mexikanischen Zeitung "El Universal" gesagt, dass Reggaeton nicht frauenverachtend sei und es unfair wäre, der Musik die Schuld an dem Sexismus zu geben. Das sei mehr ein gesamtgesellschaftliches Problem. Und Kale, peruanischer Reggaeton-Sänger und wegen seines Songs "Casa Sola" umstrittenen, hat erst vor vier Wochen in einer Talkshow gemeinsam mit einer Feministin diskutiert. Er sei sich bewusst, dass er "letras picaras" schreiben würde, also versaute Texte. Man müsse aber unterscheiden zwischen dem Trap Latinamericano, im dem die Texte "sehr krass, zu krass" seien - und man dürfe nicht vergessen, dass es auch Reggaeton gäbe, der "mas suave" sei, also deutlich harmloser. Seine Musik sei außerdem nicht schuld an Gewalt gegenüber Frauen und Mädchen.

J Balvin

J Balvin aus Kolumbien, sowas wie der Kanye West der Reggaeton-Szene distanziert sich schon direkter. Der hat in einem Interview gesagt, dass er aus Prinzip nicht schlecht über Frauen singt. Wer das tue, sei total verantwortungslos und hätte keine Ahnung, wovon er da redet. J Balvin ist außerdem dafür bekannt, dass er in sozialen Netzwerken männlichen Kollegen gerne mal ein Küsschen auf die Wange gibt. Er lockert die Macho-Kultur also auf.

Eine bemerkenswerte Form von Reggaeton-Kritik kommt von der Fotografin Alejandra Hernández. Sie hat in der Foto-Kampagne #UsaLaRazon (sinngemäß: Schalt deinen Grips ein!) sexistische Songzeilen bildlich nachgestellt. In "La Bellaquera" sieht man entsprechend eine Frau, die an der Wand steht und deren blutige Hand mit einem Nagel durchschlagen ist. Dazu stellen die Macher die Frage: "Sientes lo que escuches?", also: Raffst du eigentlich, was du da hörst?

Natürlich macht der Reggaeton nicht nur mit Sexismus-Vorwürfen auf sich aufmerksam, sondern in erster Linie durch seine Musik und die treibenden Rhythmen. Das man auch ohne anzügliche Texte und halbnackte Frauen einem großen Hit Landen kann, zeigen viele Künstler –  etwa Gente de Zona mit "La Gozadera", ihrer Liebeserklärung an Lateinamerika. Aber solange der Reggaeton erfolgreich bleibt, dürften auch fragwürdige Texte weiter eine Rolle spielen. Damit Sexismus verschwindet, müsste sich der Reggaeton schon aus sich heraus verändern. Ein Beispiel wie das funktionieren kann, ist J Blavin – oder Chocolate Remix aus Argentinien: Die 31-Jährige ist lesbisch und macht lesbisch-feministschen Reggaeton speziell für Frauen.

Stand: 15.05.2017, 16:00