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#4: Antisemitismus

Todsünden des Rap

#4: Antisemitismus

Von Kathrin Melchior

Antisemitismus ist in der Gesellschaft verbreitet - und damit auch im Rap. Ein Nischending ist es aber tatsächlich nicht. Selbst bei den ganz Großen im Game sind antisemitische Tendenzen zu erkennen.

Aykut Anhan, aka Haftbefehl

Aykut Anhan, aka Haftbefehl

Zum Beispiel bei Haftbefehl, wenn er auf Tracks wie "069" rappt: "Rothschild-Theorie, jetzt wird ermordet/Azzlack öffnet die Höllenpforte." Der Name Rothschild wird oft in antisemitischen Verschwörungstheorien verwendet. Diese besagen, dass die jüdische Familie Rothschild über Jahre hinweg Aktienmärkte manipuliert, Kriege dirigiert, ganze Nationen in den Bankrott getrieben haben und auch für den Tod zahlreicher Menschen verantwortlich gewesen sein soll. Letztlich wird damit also das alte, antisemitische Klischeebild des "einflussreichen und wohlhabenden Juden" befeuert.

Antisemitismus - eine Frage der Herkunft?

Auf älteren Tracks wie "Mama reich mir deine Hand" von 2010 geht Haftbefehl sogar noch ein Stück weiter: "Du nennst mich Terrorrist, ich nenne dich Hurensohn/Gebe George Bush ein Kopfschuss und verfluche das Judentum." (Haftbefehl – Mama reich mir deine Hand)

Allerdings hat Haftbefehl wenige Jahre später zu diesem Track sehr ausführlich Stellung genommen und betont, dass die Aussage dumm gewesen sei und er nichts gegen Juden habe. Außerdem heißt es weiter im Interview mit Die Welt: "Ich bin unter Türken und Arabern aufgewachsen. Da werden Juden nicht gemocht. Es gibt ja auch keine dort. Ich will Ihnen verraten, wie ein 16-jähriger Offenbacher tickt: Für den ist alles, was mächtig ist und reich, aus seiner beschränkten Sicht jüdisch. […] Davon habe ich mich frei gemacht."

Jüdische Identität im Deutschrap

Ben Salomo aus Berlin ist Rapper mit jüdischer Herkunft und der Initiator von Rap am Mittwoch, einer Battle-Rap-Veranstaltung in Kreuzberg. Seine Herkunft thematisiert er auch offen in seiner Musik:

Ben Salomo

Der Rapper Ben Salomo

"Ben Aryeh bedeutet Sohn des Löwen, Judäas stolzer König/In meinen Adern fließt das Blut von Kämpfern und Kommandeuren/Es überlebte Vertreibung, Pogrome und Hungersnöte/Selbst Auschwitz konnte mein Volk nicht töten." (Ben Salomo – Identität)

Durch seine Offenheit wurde Ben immer auch mit Antisemitismus konfrontiert. Er sagt, wenn er Worte wie "jüdischer Zins" oder "Rothschild-Theorie" höre, dann werde auch er einfach in einen Topf von Vorurteilen geschmissen. Das ist besonders dann schwierig, wenn Fans diese Vorurteile ihrer großen Idole verinnerlichen.

Antisemitismus und Israel-Politik

Judenfeindliche Schmiererei auf Paketaufkleber

Natürlich kann man eine kritische Haltung zur Politik Israels nicht mit Antisemitismus gleichsetzen. Aber oft ist so eine Haltung - wenn auch vielleicht unbewusst - ein Ventil dafür. Bei Haftbefehl oder Kollegah ist der Konflikt Thema, aber auch bei Rappern wie Snaga & Fard.

Auf ihrem gemeinsamen Track "Contraband" sprechen sie sich "Pro Palestine" aus und "Kontra Netanjahu" und "Kontra Tel Aviv". Allerdings werden hier noch weitere politische Aspekte besungen. Teilweise driftet es jedoch in Richtung Phrasendrescherei ab und bekommt den Charakter von Verschwörungstheorien.

Freiheitskampf und wilde Theorien

Auch Rapper Massiv aus Berlin wurden antisemitische Tendenzen vorgeworfen. Er selbst ist in Palästina geboren und macht sich für die Befreiung von Palästina stark: "Ihr vertrocknet unser Heiliges Land/Habt uns verboten zu atmen und unsere Erde verbrannt/Falastin – ich hab den Stein in der Hand/Wir sind das Volk der Unterdrückten mit Koran um den Hals." (Massiv – Palestine)

Kritisiert wird er aber vor allem dann, wenn er auf Facebook fragwürdige Theorien postet, in denen es heißt, "die Juden" hätten von den Anschlägen am 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York gewusst. Denn dabei seien kaum Juden ums Leben gekommen.

Er selbst sagt zu den Antisemitismus-Vorwürfen: Nur weil er sich für Palästina einsetzte, sei er noch lange kein Antisemit. Er mache "volksverbindende Songs" und sei einfach dafür, dass jeder Mensch die gleichen Rechte habe.

Stand: 10.11.2017, 15:00