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#1: Sexismus gegen Frauen

SXTN

Todsünden des Rap

#1: Sexismus gegen Frauen

Von Katrin Melchior

HipHop ist aus der deutschen Popwelt nicht mehr wegzudenken, und das obwohl, oder vielleicht auch gerade weil dabei regelmäßig Grenzen überschritten werden. In unserer Spezialwoche widmen wir uns diesen Grenzüberschreitungen und küren die fünf Todsünden des Deutschrap.

Rap ist sexistisch - diese Behauptung hört man immer wieder. Sicherlich ist vieles, was im Deutschrap passiert sexistisch. Allerdings darf man nicht vergessen, dass Rap im Grunde der Spiegel der Gesellschaft ist und diese ist nun mal sexistisch. Natürlich muss man aber auch hier unterscheiden: Es gibt die offensiv sexistischen Rapper, früher zum Beispiel Kool Savas, Bushido, Sido oder auch heute so Leute wie die 187 Straßenbande, Farid Bang oder Kollegah. Dann gibt es aber auch noch den Sexismus eines Cros, der in fröhlicher Lausbubenmanier erzählt, dass er einem Mädchen die Welt kauft. Aber nur, wenn sie keine Schlampe ist, die beim ersten Date schon Sex will. Frauen, Geld, Sex - der Sexismus eines Cros gleicht im Grunde genau dem eines Kollegahs.

Alles Fotzen außer Mutti 

Sexismus dient vor allem im Battle-Rap der eigenen Selbsterhöhung und ist damit ein weitverbreitetes Stilmittel. Worte wie "Fotze", "Nutte", "Hurensohn" oder auch "gefickte Mütter" gehören zum festen Inventar, was auch rechtliche Folgen haben kann. Vor allem in den Nullerjahren galten Rapper wie Sido, Bushido und Frauenarzt wegen ihrer frauenverachtenden Texte als Stammgäste auf dem Index.

Und heute?

Heute ist Sexismus vielleicht nicht mehr ganz so akut, wie zu Aggro-Berlin-Zeiten, aber nach wie vor immer noch ein gern gesehener Gast auf deutschen Raptracks. Es gibt aber auch die Gegenantwort - vor allem von Rapperinnen. Bestes Beispiel ist das Berliner Duo SXTN, die sich selbst einfach Fotzen bezeichnen und dadurch selbstermächtigen.

Rapperin Juju erklärt das so: "Es ist halt geiler, wenn's Frauen über sich selbst sagen und sich gegenseitig so nennen, als wenn es ein Typ zu einer Frau sagt - dann ist es eklig. Ich sag immer, das ist so ähnlich wie bei 'Nigga': Erst hieß es: 'Scheiß Nigga!', und die Schwarzen haben sich eklig gefühlt. Im HipHop heißt es jetzt: 'Ey, ich chill mit meinen 'Niggas'. Du bist weiß, du darfst das gar nicht sagen.' Und so denken wir auch: Du bist ein Typ, du darfst nicht Fotze zu mir sagen. Aber ich darf Fotze sagen, wann ich will."

Hassobjekt Frau

Ein anderes Tabu, haben SXTN mit ihrem Track "Hass/Frau" gebrochen. Darin hört man ein Sample der bekennenden Feministin Alice Schwarzer, die ein Zitat von King Orgasmus vorliest, in dem unter anderem heißt: "Hass, Frau, du nichts, ich Mann/Blase bis du kotzt, aber kotz auf meinen Schwanz." Juju und Nura samplen das Stück und schlüpfen dabei in die Rolle des Sexisten. Auf gleich mehreren Ebenen wird hier mit Ironie gespielt.

Entsolidarisierung statt Emanzipation

Das Rollenspiel stößt allerdings auch auf Kritik. Rapperin Sookee, die sich schon seit Jahren mit ihrem Rap für Minderheiten stark macht, findet den Umgang von SXTN nicht besonders ironisch. Zwar sieht sie in dem Berliner Duo etwas emanzipatorisches, bei ihrem Track "Hass/Frau" würden aber einfach nur sexistische Ansichten wiederholt, was vielmehr zu einer Entsolidarisierung als Emanzipation führe. 

Stand: 09.11.2017, 14:19