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"Red Bull schwächt Kritik im Vorhinein ab"

Bilder zum Großen Preis der Formel

Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz plant Nachrichtenplattform

"Red Bull schwächt Kritik im Vorhinein ab"

Von Anne Lorenz

Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz plant eine Nachrichtenplattform, deren vermeintlich rechtspopulistische Ausrichtung zum Problem für die Red Bull Music Academy werden könnte. Musiker wie DJ /rupture positionieren sich.

Der Red Bull Energy Drink ist Anfang April 30 Jahre alt geworden. Statt sich aber für das Jubiläum feiern zu lassen, steht Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz in der Kritik. Der Milliardär hat der "Kleinen Zeitung" aus Graz eines seiner seltenen Interviews gegeben.

Darin übt Mateschitz scharfe Kritik an der österreichischen und deutschen Flüchtlingspolitik. Für US-Präsident Trump hingegen findet er anerkennende Worte, den russischen Präsidenten Wladimir Putin nimmt er in Schutz. Mateschitz äußert auch eine Grundskepsis gegenüber Eliten und den klassischen Medien. Vieles daran erinnert an die Vorwürfe der so genannten "Wutbürgern" gegenüber einer vermeintlichen "Lügenpresse".

Näher an Breitbart?

Jetzt plant Dietrich Mateschitz ein neues Medienprojekt: die multimediale Nachrichten-Plattform "Näher an der Wahrheit". In einer Pressemitteilung dazu heißt es, es soll um "Themen gehen, die sonst zu kurz kommen", "eine publizistische Antwort auf die zunehmende Misstrauenskultur in der Gesellschaft", und ein "vollständigeres Bild der Wirklichkeit" geschaffen werden. Geldgeber ist die Stiftung "Quo Vadis Veritas", also "Wo gehst du hin, Wahrheit?", hinter der Mateschitz mit seinem Privatvermögen steht. Das "Handelsblatt" vergleicht Mateschitz' Projekt mit der Rechtsaußen-Lobby "Breitbart News" in den USA, deren früherer Chef Stephen Bannon heute einer der wichtigsten Berater von US-Präsident Donald Trump ist.

Questlove bei der Red Bull Music Academy

Questlove bei der Red Bull Music Academy

Red Bull Music Academy verleiht Coolness

Mateschitz finanziert - neben Investitionen im Profi- und Extremsport - auch die Red Bull Music Academy. Diese steht mit ihrer liberalen und weltoffenen Ausrichtung im Gegensatz zu den jüngsten national ausgerichteten Äußerungen ihres Geldgebers. Die Red Bull Music Academy veranstaltet seit fast 20 Jahren Seminare, Workshops und Festivals, betreibt einen Radiosender und eigene Musikstudios. Die weltweit operierende Plattform für globalen musikalischen Austausch ist hoch angesehen bei Musikern und hat dazu beigetragen, der Marke Red Bull in der Musikwelt eine hohe Kredibilität zu verleihen und sie als cool und authentisch zu verkaufen. Selbst Björk hat zuletzt an der Academy teilgenommen - so wie viele weitere Musiker, die nie des Ausverkaufs ihrer Werte und Kunst verdächtigt werden würden.

Folgen für Musiker

Wir haben Musiker gefragt, welche Folgen die politischen Ansichten von Dietrich Mateschitz und sein neues Medienprojekt auf die Red Bull Music Academy haben könnten. Viele Künstler sind überrascht. Uproot Andy aus New York, der als DJ eine Show bei Red Bull Music Radio hatte, ist sehr überrascht über die Aussagen von Mateschitz, wollte sich aber wie die meisten angefragten Künstler nicht weiter dazu äußern.

In der Facebook-Kommentarleiste von DJ Daniel Haaksman aus Berlin hat sich eine Diskussion entwickelt. Pedo Knopp von Analog Africa kommentiert: "Die Red Bull Music Academy ist eine eigenständige, von der unsympathischen Marke entkoppelte, Plattform mit eigener Mission und einer kosmopolitischen, liberalen Ausrichtung. Wenn Mateschitz nun 'Quo Vadis Veritas' aufbaut und tatsächlich konsequent für rechte Propaganda nutzt, werden politische Künstler eventuell nicht mehr kooperieren, Nutzer werden diskutieren und das Radio eventuell boykottieren."

Ganz anders sieht das der Elektro-Produzent Mathias Modica von Munk: "Ich bin froh, dass Gomma Records nie finanzielle Unterstützung von Red Bull angenommen hat. Wir haben nie mit dieser komischen DJ-Academy gearbeitet - oder eines ihrer Studios benutzt. Noch habe ich jemals eine Dose Red Bull gekauft!"

Gebrüder Teichmann

Gebrüder Teichmann

Die Gebrüder Teichmann aus Regensburg sehen sich als kulturelle Aktivisten und bewerten auf Anfrage von COSMO Sponsoring im Kreativbereich generell kritisch: "Unsere Kritik richtet sich nicht speziell gegen Red Bull. Wir finden aber, dass man schon hinterfragen muss, woher die meinungsbildenden Informationen der Szene kommen. Neben Red Bull sind ja auch Ballentines (Boiler Room) oder die Telekom (Electronic Beats) aktiv. Es ist erstaunlich, dass das so gut wie gar nicht hinterfragt wird, ob das dem Selbstverständnis einer freien Elektro-Szene entspricht."

Die Red Bull Music Academy selbst äußert sich auf eine Anfrage von COSMO bisher nicht zu dem Fall. Beim Szene-Portal Resident Advisor wurde allerdings ein kurzer Kommentar aus der Academy veröffentlicht: "Herr Mateschitz hat ein persönliches Interview gegeben… Unser Unternehmen schätzt die Meinungsfreiheit und befürwortet den offenen Austausch." Eine offizielle Stellungnahme steht noch aus.

DJ Rupture an einem Grenzzaun

DJ /rupture

Keine Überraschung bei DJ /rupture

Jace Clayton alias DJ /rupture, New Yorker Musiker, Produzent, DJ und Autor, überraschen die Äußerungen von Mateschitz wenig. In seinem Buch "Uproot" beschäftigt er sich mit Theorien über den globalisierten Dancefloor. Der Red Bull Music Academy widmet er ein Kapitel und beleuchtet dort die Vermarktungsmechanismen dahinter. Der Einfluss eines so großen Geldgebers wie Red Bull in der Szene alarmiert ihn.

COSMO: Wie schätzt du die Folgen des Mateschitz-Interviews für die Red Bull Music Academy ein?

Jace Clayton: Über die Jahre haben so viele Musiker, Journalisten, Produzenten und Kuratoren mit der Red Bull Music Academy zusammengearbeitet. Es ist sehr unwahrscheinlich dass diese Leute Mateschitz und Red Bull öffentlich kritisieren werden, weil sie damit riskieren würden, nicht mehr engagiert zu werden. Das passiert wenn man so viel Geld in den Underground, die musikalischen Nischen steckt - man schwächt die Kritik und Diskussion im Vorherein ab. Und das ist beängstigend.

DJ /rupture über die Folgen des Mateschitz-Interviews

COSMO | 27.04.2017 | 00:29 Min.

COSMO: Kann man Kulturprojekt und Geldgeber voneinander trennen?

Jace Clayton: Die Äußerungen von Mateschitz sollten uns daran erinnern, was die Red Bull Music Academy macht: Sie lagert. Sie speichert alle möglichen musikalischen Inhalte. Essays, Interviews mit wichtigen Künstlern und Aufnahmen von DJ-Sets. So etwas passiert nie ohne Hintergedanken. Am Ende liegen diese Inhalte in der Hand derselben Person, die gegen Flüchtlinge ist und diese verstörenden Ansichten aus dem rechten Lager hat.

DJ /rupture über Kultur vs. Geldgeber

COSMO | 27.04.2017 | 00:23 Min.

COSMO: Wie können sich Künstler dazu verhalten?

Jace Clayton: Es wird für Künstler und Kulturproduzenten immer wichtiger, sich darüber klar zu werden, wie sie ihre Geschichten erzählen wollen. Denn wenn du in einem kommerziellen Umfeld landest, dann gibt dir das vielleicht eine Sichtbarkeit für den Moment, aber diese wird letzlich kontrolliert und kommerzialisiert von einer einer Organisation, die nicht deine besten Interessen im Sinn hat.

DJ /rupture über die Haltung von Künstlern zu Geldgebern

COSMO | 27.04.2017 | 00:21 Min.