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"Ich musste mich selbst neu entdecken"

Mari Boine

Interview mit Mari Boine

"Ich musste mich selbst neu entdecken"

Von Keno Mescher

Nach 30 Jahren im Musikbusiness ist die Norwegerin Mari Boine mit einer Überraschung zurück: Ihr Album "See The Woman" entführt mit hallenden 80er-Sounds und lyrischen Weisheiten in eine wunderschöne Traumwelt. Und dabei bleibt Boine auch mit diesem poppiger anmutenden Album politisch.

Auch wenn Mari Boine mit ihrem Album soundästhetisch neue Wege beschreitet, bearbeitet sie auch auf "See The Woman" bekannte und noch immer aktuelle Themen. Als Angehörige der Samen, einem indigenen skandinavischem Volk, war sie lange als Botschafterin aktiv, auf ihrem Album gibt sie einem Verbündeten eine Stimme: dem Poeten und Native American John Trudell, dessen Gedichte sie in ihren Texten verarbeitet.

Gleichzeitig nutzt Mari Boine ihr neues, erstmals komplett englischsprachiges Album, um sich als Frau und Individuum vorzustellen - ein Aspekt, der bisher schon mal hinter ihrer Arbeit für die Samen-Kultur zurück blieb.

Mari, was bedeutet es für dich, eine samische Musikerin zu sein?

Mari Boine: Das ist eine ziemlich große Frage! Seit ich angefangen habe zu singen, wollte ich meinen Leuten und der ganzen Welt zeigen, dass unsere Kultur nicht schlechter ist als andere. Denn auch wir sind kolonialisiert und unterdrückt worden, weshalb viele Samen sich für ihre eigene Kultur geschämt haben. Als mir klar wurde, dass ich dieses Talent, diese schöne Stimme habe, wusste ich: Ich möchte diese Stimme nutzen, um meinen Leuten eine stärkeres Selbstbewusstsein zu geben. Und um mich selbst zu heilen.

Du bist seit mehr als 30 Jahren im Musikbusiness. Warum bringst du erst jetzt das erste Mal ein Album komplett auf Englisch raus?

Mari Boine: Das wollte ich eigentlich schon lange machen, habe es aber immer und immer wieder verschoben. Ich war so mit meinen anderen Projekten beschäftigt und damit, meine samischen Wurzeln zu erkunden, die schamanischen Rhythmen und die Trance-Musik, das waren meine Hauptthemen, die ich vor allem mit Roger Livingston bearbeitete. Ich hatte also schlicht keine Zeit dazu. Als ich dann 60 wurde, dachte ich mir: Jetzt wird es aber wirklich Zeit! Deshalb erst jetzt.

Dein neues Album "See The Woman” verweist musikalisch auf die 80er: Dein Gesang, der starke Hall, die Instrumentation, der elektronische Sound. Spiegelt das Album auf eine Art den Soundtrack deiner Jugend wider?

Mari Boine: Irgendwie schon. Aber gleichzeitig habe ich dem Produzenten Tobias Frøberg viel Freiheit gelassen, wir verstehen uns wirklich gut. Ich habe ihm erzählt, was ich so alles gehört habe, als ich jung war. Danach habe ich ihm aber alle Freiheiten gelassen, Musiker zu finden und die passende musikalische Atmosphäre erschaffen. Es fühlt sich tatsächlich ein bisschen so an, als führte mich das Album zurück in die Zeit als ich jung war, also in die 70er- und 80er-Jahre. Auch vom Text her ist es ein bisschen so, als spräche die junge Mari zur älteren Mari. Das Album ist insofern auch ein Ort, wo beide zusammen kommen: die junge Mari und die erwachsene, gealterte Mari.

Der Text in dem Song "Chasing Myself Into Reality” basiert auf einem Gedicht von dem Native American und Aktivisten John Trudell. Was ist die Geschichte hinter dem Song?

Mari Boine: In dem Song geht es um diese Phasen im Leben, in denen man zu viel Verantwortung übernommen hat - "holding on to little more than I can carry". Man kann und muss sich selbst aus diesen Situationen befreien, um die eigene Freiheit wieder genießen zu können. Und dann finde ich es sehr eindringlich, wenn Trudell schreibt: "I’ve been living alone so long". Es geht darin nicht um das Bedürfnis nach einem Liebespartner oder so - oder vielleicht auch. Aber es geht vor allem darum, wenn wir unsere Verbindung zur spirituellen Welt verloren haben. Bei unseren indigenen Völkern spielen die Geister unserer Ahnen eine ganz wichtige Rolle - sie begleiten uns, helfen uns, flüstern uns Rat zu und erscheinen uns in unseren Träumen. In der heutigen, modernen Welt kann man sich manchmal schon ganz schön einsam fühlen.

Einer deiner selbst verfassten Texte auf dem Album ist der von "2-4-6-7-8-9 IN ONE". Wofür steht er?

Mari Boine: Ich erinnere mich noch genau, wie wir ihn aufgenommen haben. Ein junger schwedischer Musiker sagte zu mir, dies sei ein Track für die kommenden, zukünftigen Generationen. Das war ein Kompliment, das mir sehr gefiel. Dieser Song ist thematisch hochaktuell, finde ich. Es geht darum, sich nicht zu trauen, zu dem stehen, wer man ist. Den Text habe ich einer Person gewidmet, die sich ständig wandelte, die Meinung änderte, wie ein Fähnchen im Wind. Das scheint mir symptomatisch zu sein für die heutige Zeit. Es gibt tausende Retter und selbsterkorene Propheten, die meinen, die Lösung für alle möglichen Probleme zu kennen, die uns sagen: Kauf dies, geh dort hin, glaub an das oder folge diesem und jenem. Ich glaube, "2-4-6-7-8-9 IN ONE" ist ein Song, der heute dringend nötig ist.

Dein Album heißt "See The Woman” - welche Frau sollen wir denn sehen?

Mari Boine: Die Frau in uns allen, der weibliche Anteil in allen Menschen. Der Titel ist inspiriert durch John Trudells Gedicht "See The Woman". Ich war wirklich beeindruckt davon, dass ein Mann eine solche Hymne auf Frauen schreiben konnte, auf den weiblichen Anteil in allen Menschen. Aber bei dem Titel geht es auch um mich selbst: Lange war ich als Botschafterin der Samen aktiv, habe unsere Wurzeln und unsere Musik studiert. In all dem war kaum Platz für mich, für meine ganze Persönlichkeit. Als ich mich mit den englischen Texten für das Album auseinandersetzte, kam die Frage auf: Wer bin ich eigentlich hinter dieser ganzen Projektarbeit und dem Aktivismus? Ich musste mich selbst als Frau neu entdecken: als die Frau, die ich heute bin und die Frau, die ich über all die Jahre gewesen bin.

Stand: 17.02.2017, 16:01