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Irie Révoltés hören auf

Irie Revoltés

Interview mit Irie Révoltés

Irie Révoltés hören auf

Von Siham El-Maimouni

Irie Révoltés hören auf. Nach 17 Jahren Bandgeschichte, fünf Alben, unzähligen politischen Aktionen und über 500 Konzerten in 25 Ländern. Siham El-Mamouni hat mit den Leadsängern und Brüdern Carlito und Pablo in unserem Musikmagazin Soundcheck über den Abschied der Band gesprochen.

Was ist das für ein Gefühl, nur noch ein paar Wochen bis zum letzten Konzert zu haben?

Carlito: Das fühlt sich krass an und schön zugleich. Das ist irgendwie beides. Gerade auf Bremen freue ich mich besonders, weil wir vor ungefähr sieben Jahren mal da waren, im Pier 2 auf einem Gentleman-Konzert. Und dass wir da jetzt wirklich spielen - wir waren ja schon öfter in Bremen in verschiedensten, tollen Locations - also, das können wir kaum selbst fassen.

Euch gibt es seit 17 Jahren. Es gehört eine Menge Mut dazu zu sagen: "So jetzt reichts". Ihr seid erfolgreich, ihr habt euch was aufgebaut. Als Begründung habt ihr gesagt "Wir wollen unser Baby freilassen". Könnt ihr das noch einmal erklären? Muss das Baby jetzt ausziehen? Ist es jetzt groß genug und muss in die weite Welt hinaus?

Pablo:  Also eigentlich sind es ja - wenn wir dann Ende Dezember fertig sind - 18 Jahre. Wir haben uns ja Anfang 2000 gegründet. Dann kann man das Baby wirklich mal freilassen. Und einfach wieder Zeit und Raum und Platz für was Neues geben. Politisch gesehen ist es vielleicht nicht der beste Moment, nur den gibt es leider sowieso nicht.

Eigentlich würde ich auch sagen: Leute, wir brauchen euch noch in Deutschland. Gerade jetzt!

Carlito: Ja klar, auf jeden Fall. Und es ist natürlich heute wichtiger denn je. Aber in den 90er-Jahren gab es die krassen Progrome. Die ganze Zeit war Rassismus und Faschismus präsent in unserer Gesellschaft.

Pablo: Es ist auch wichtig zu verstehen, dass nicht nur wir zwei die Band sind. Bei einigen ist Musik gar nicht der Hauptfokus. Wir wollen ehrlich gegenüber allen, die Irie Révoltés als Band feiern, einen Schlussstrich ziehen. Jetzt sind wir schon nicht mehr die ganze Stammbesetzung. Seit sechs Jahren haben zum Beispiel der Drummer und der Bassist gewechselt. Und bald wäre es dann so, dass nur wir beide übrig sind.

Carlito: Es ist ja auch nicht so, dass die Gesellschaft plötzlich einen Rechtsruck macht. Die Leute dachten auch schon vorher so, man darf sich da nichts vormachen.

Aber ist vielleicht der Anstand verloren gegangen? Oder ist vielleicht einfach die moralische Grenze gesunken?

Carlito: Darauf wollte ich hinaus. Da ist irgendwie etwas gebrochen worden, auch durch Trump, der einfach irgendwas macht. Es hat keine Logik mehr. Der politische Anstand wird immer mehr in den Hintergrund gerückt, und das macht Angst. Die Leute interessieren sich gar nicht für die Ursachen, sondern suchen einfach nur Sündenböcke. Ich glaube, vielen ist gar nicht klar, was sie da eigentlich machen. Das finde ich so gefährlich.

Ich frag mich, wie es dazu gekommen ist, dass wir in Deutschland nur noch schwarz und weiß denken. Also gibt es keine Streitkultur mehr? Wurden wir zur Konsensgesellschaft erzogen? Wie empfindet ihr das?

Pablo: Die Medien sind da nicht unschuldig. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass viele Zeitungen und Fernsehsender um ihre Existenz fürchten und dadurch halt noch plakativer voyeuristisch werden, um Aufmerksamkeit zu generieren. Ich glaube, das spielt eine wichtige Rolle.

Ich gebe dir Recht in dem Punkt, dass eine Schlagzeile zu verbreiten eine höchst wichtige und gefährliche Sache sein kann, vor allem, wenn sich alle auf Schlagzeilen stürzen. Andererseits werden Schlagzeilen auch produziert und es ist natürlich auch die Frage: "Was will der Konsument?" Will er sie halt eben auch sehen? Also was will unsere Gesellschaft?

Pablo:  Es geht immer mehr um Inszenierung. Sich darzustellen, es muss immer etwas Krasses sein. Deswegen sind die Leute vielleicht auch darauf aus: solche Bilder, solche Schlagzeilen, die fixen die Leute an. Die Konsumenten wollen das.

Welche Aufgabe hat in so einem Fall, in so einer Gesellschaft, die Kunst? Die Musik?

Carlito: Die Kunst hat der Gesellschaft schon immer einen Spiegel vorgehalten. Und dabei auch die Sachen thematisiert, die tabu waren. Und so sollte es auch nach wie vor sein. Es gibt zum Glück auch immer mehr Bands, die sich offen und klar positionieren. Aber es gibt natürlich auch viele, die ein bisschen resignieren und sagen: "Okay, wir wollen nur noch Fun, nur noch Spaß." Und das ist natürlich schade.

Stand: 11.10.2017, 17:40