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In Control: Perera Elsewhere

Perera Elsewhere

Frauen an den Reglern der Klubmusik

In Control: Perera Elsewhere

Von Maike de Buhr

In der Reihe "In Control" stellen wir euch die spannendsten Produzentinnen aus der elektronischen Klubmusik vor. Sie ist die coolste Frau am Mini-Synthesizer Korg Monotron. Perera Elsewhere produziert Doom-Folk - düsteren, elektronisch-experimentellen Pop. Ihr aktuelles Album "All Of This" ist in Mumbai, Istanbul und Berlin entstanden und vertont gesellschaftliche Ängste.

Meine Musik ist… eine Mischung aus elektronischer und organischer Musik. Das heißt, ich nehme Instrumente auf, aber ich manipuliere sie mit Reverb, Delay oder Time Stretching. Ich bearbeite sie durch elektronische Mittel. Ich benutze aber auch synthetische Klänge. Außerdem schreibe ich Songs und spiele Trompete.

Was ist Musik für dich?

Musik ist Religionsersatz. Sie ist für mich ein Drang. Etwas, das ich machen kann, wenn alles um mich herum sehr diffus ist. Ich habe Glück, dass ich so viel Zeit damit verbringen kann, obwohl ich erst recht spät angefangen habe, Musik zu veröffentlichen.
Musik ist auch eine Sprache, Kommunikation. Eine Gesellschaft, die man aufbaut. Ich finde, Musik ist eine der unprätentiösesten Arten von Kunst. Man kann einfach irgendetwas spielen und jeder kann etwas dazu sagen, ohne irgendwelche Fachbegriffe zu kennen. Es ist leichter, als in eine Galerie zu gehen. Musik ist bodenständig.

Wie bist du zur elektronischen Musik gekommen?

Ich habe angefangen, mir Equipment zu kaufen. Gute Lautsprecher, eine Soundkarte, ein Midi-Keyboard. Vor 12 Jahren war das. Sehr langsam habe ich angefangen, mich selbst aufzunehmen. Ich war MC, Sängerin und Textschreiberin bei Jahcoozi und habe angefangen, zuhause die Dinge zu skizzieren. Ich habe einfach rumexperimentiert und gemerkt, dass ich es mag, meine Stimme selber abzumischen. Ich wähle die Frequenzen und die EQs aus, den Raum, wie meine Stimme in einem Lied sitzt. Damit habe ich angefangen. Und dann bin ich auf andere Klänge gekommen. Es ist eigentlich keine Überraschung. Zur Musik bin ich gekommen, weil ich selber gerne Musik höre. Klänge waren mir immer sehr wichtig. Und dann habe ich festgestellt, dass, wenn ich Lieder selber schreiben will, ich auch die Klänge selber bestimmen will. Es ist der Wunsch, Teil des Gesamtbildes zu sein. Oder das Gesamtbild zu bestimmen und nicht nur meine Stimme zu geben. Ich singe zwar, aber ich sehe mich nicht als Sängerin. Ich singe keine Cover, ich hatte nie Gesangsunterricht. Ich benutze meine Stimme als Instrument in meinen Produktionen. Genau wie die Trompete. Ich übe nicht sechs Stunden am Tag. Ich benutze die Trompete in meinen Produktionen, wie ich sie benutzen will.

Wie kann man Frauen in der elektronischen Musik unterstützen?

Ich finde, das ist für Männer und Frauen das gleiche. Wenn du ein Künstler bist und du kennst jemanden, der nicht so gut darin ist, sich selbst zu verkaufen oder zu produzieren, dann gib ihm Tipps. Hilf, wenn es irgendwie möglich ist. Das gilt eigentlich für alles in der Gesellschaft. Natürlich leben wir in einem kapitalistischen System, aber auch innerhalb dessen kann man etwas machen. In jedem Bereich. Auch beim Kuratieren eines Festivals. Ich denke nicht, dass es eine Quote für Frauen geben sollte. Es sollte einfach normal sein ein vielfältiges Line-Up anzustreben. Das gilt für Gender, Gesellschaftsschichten oder Nationalitäten. Das gilt auch für das Thema Frauen in der Musik - wenn die Leute offen sind, dann geht’s.

Hast du denn den Eindruck, dass sich das Bewusstsein zugunsten der Vielfältigkeit ändert?

Durch die Zeit hat sich schon was verändert. Natürlich ist es anders als vor 20 Jahren. Zum Beispiel gab es in England in den achtziger Jahren, als ich groß geworden bin, im Grunde genommen keine einzige asiatische Frau, die bei der BBC die Nachrichten gelesen hat. Jetzt gibt es überall welche. Vielfältigkeit ist heute ein Stichwort geworden in der globalisierten Zeit. Ich finde, es wird teilweise auch heftig von Marken ausgenutzt. Auch von Journalisten, um Klicks zu generieren. Es ist natürlich wichtig, Aufmerksamkeit für das Thema zu gewinnen, aber es ist auch wichtig, dass man es nicht ausnutzt, denn sonst werden die Gedanken dazu verwässert. Ich habe vor kurzer Zeit einen interessanten Artikel über die Musikindustrie gelesen. Darin gab es ein Zitat, in dem hieß es, wenn man nicht weiblich, lesbisch und schwarz ist, dann wird man in New York in diesem Jahr nicht als DJ gebucht. Natürlich ist das ein Witz. Aber manchmal werden diese Nischen kolonisiert, von Marken oder Kunstinstitutionen, die das für dieses Jahr einfach gut finden. Wenn man das langfristig sieht, ist das ok, finde ich, denn es gibt immer ein Spill-Over. Je mehr die Thematik besprochen wird, desto mehr Leute machen sich Gedanken.

Stand: 17.08.2017, 14:47