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"Der Klassikbetrieb hat Todesangst"

Gregor Schwellenbach

Interview mit Gregor Schwellenbach

"Der Klassikbetrieb hat Todesangst"

Von Siham El-Maimouni

Gregor Schwellenbach ist einer der gefragtesten Künstler zwischen Klassik, Pop und Clubkultur. Er hat Techno-Tracks des Kompakt Labels als Kammermusik aufgenommen, produziert unter anderem für Künstler wie Maxim und lehrt am Institut für Populäre Musik der Folkwang Uni.

Klassik, Pop und Clubmusik - es gibt ja immer verschiedene Ziele von Musik. Vielleicht können wir für jede, natürlich ist das sehr vereinfacht an dieser Stelle, aber ein Ziel ausmachen. Aus deiner Sicht - welches Ziel hat klassische Musik?

Gregor Schwellenbach: Da will ich unterscheiden zwischen aktueller, also zeitgenössischer Musik in klassischer Tradition, das ist die Musik, die immer versucht etwas vollkommen Neues zu schaffen. Und klassischer Musik aus anderen Jahrhunderten, die hat eigentlich das Ziel, finde ich, Identität zu stiften. Und weil es so viel verschiedene gibt, hat es auch noch die Funktion, dass es den Kopf sehr weit machen kann.

Welches Ziel verfolgt dann elektronische Musik?

Gregor Schwellenbach: Elektronische Musik hat das Ziel, dass man tanzen will. Und elektronische Musik ist identitätsstiftend auf eine andere Weise, nämlich: Wir sind die, die mit euch nichts zu tun haben. Wir machen unser eigenes Ding. Also elektronische Musik schafft einen Raum, der außerhalb von dem Rest liegt und in dem alles möglich ist.

Und worum geht es bei Popmusik?

Gregor Schwellenbach: Popmusik ist der Soundtrack zum Leben. Popmusik verfolgt das Ziel, das Lebensgefühl zu markieren und festzuhalten. Also wenn ich einen Song, einen guten Popsong von vor sechs Jahren höre, bin ich ja sofort wieder in der Zeit zurück und erinnere mich daran, wie es mir damals ging. Und das kann keine Musik so gut, wie Popmusik.

Du arrangierst und produzierst auch für Pop-Acts wie Maxim. Was ist der Reiz dabei für dich?

Gregor Schwellenbach: Popmusik assoziiere ich mit dem, was Konsens im Alltag ist. Musik, bei der auch Fremde das Gefühl haben: "Wir könnten jetzt alle zusammen mitsingen." Wenn man an der Ampel steht, und nebenan hält ein Auto und ein Song läuft ganz laut aus dem Autoradio. Und man ist sich so einig mit einem Fremden, weil beide denken "Yeah". Das ist Popmusik. Und Popmusik benutzt dafür alles, was es gibt. Sie ist ja eine Maschine, die alles vereinen kann: Tradition und den allerneuesten Underground-Scheiß, um den für alle zugänglich zu machen.

Interview mit Gregor Schwellenbach

COSMO | 08.06.2017 | 07:01 Min.

Du hast aus Techno-Stücken vom Kompakt Label Kammermusik gemacht. Wie bist du dabei vorgegangen, z.B. bei "Triumph" von Jürgen Paape?

Gregor Schwellenbach: Jürgen Paape ist ein Produzent aus Köln und "Triumph" war die erste Platte auf Kompakt. Ich habe den Track nachgespielt, als ob es ein klassisches Musikstück wäre – auf präpariertem Klavier. Das Stück hat keine Melodie und auch keine Harmonie. Dann bleibt der Rhythmus übrig, und die Frage ist, ob der Rhythmus ohne alles, als nacktes Skelett, schon eine Emotion transportiert. Will man dazu schon tanzen? Und in dem Fall ja.

Du bist auch fest in der Klassik verwurzelt. Was wünschst du dem Klassikbetrieb?

Gregor Schwellenbach: Der Klassikbetrieb hat Todesangst. Die sind froh über jeden neuen Einfluss, hab ich manchmal das Gefühl. Ich wünsche meinem Klassikbetrieb mehr Selbstbewusstsein. Ich finde, wenn der Klassikbetrieb Berghain-mäßig Leute wegschicken würde, weil sie doof angezogen sind, dann stünden sie viel besser da.

Also, der Klassikbetrieb könnte selbstbewusster sein.

Gregor Schwellenbach: Ich glaube, die Leute, die Klassik machen, wissen gar nicht, was sie daran haben. Viele wissen das natürlich. Aber wie das vermarktet und verkauft wird, das ist manchmal anbiedernd an junge Leute. Die rennen den jungen Leuten hinterher, anstatt zu sagen: Man muss sich Mühe geben, um uns zu verstehen. Das ist nämlich eine Sache, die ich an Techno gut finde. Techno gibt sich überhaupt keine Mühe, Publikum zu generieren. Techno sagt: Wenn du willst, kannst du kommen, ist uns aber Wurst. Vielleicht lassen wir dich rein, vielleicht nicht. Und ist dabei aber dann ganz offen für jeden. Also jeder der die Musik liebt, kann kommen und mitmachen, kann DJ werden oder Produzent oder Tänzer oder Kellner.

Welche Rolle haben dabei Künstler wie du, Hauschka oder Erol Sarp, die zwischen den Genres wandern? Und gerne auch von Klassikhäusern als die neuen Heilsbringer beschrieben werden?

Gregor Schwellenbach, Siham El-Maimouni

Siham El-Maimouni mit Gregor Schwellenbach

Gregor Schwellenbach: Na, gerne (lacht). Also wir sind ja so die Steve-Reich-Kids. Wir haben erstmal Klavierunterricht bekommen, haben aber Popmusik gehört und später elektronische Musik gehört. Sind von beidem gleichermaßen beeinflusst und machen heute Musik, der man den Klavierunterricht anhört aber auch das Ausgehen. Wir haben ja z. B. in der Kölner Philharmonie zu sechst ein Klavierkonzert gegeben, "Six Pianos", bei dem wir Steve Reich aber auch eigene Musik gespielt haben. Das war genau so ein Abend: Wir machen Musik, die jetzt nicht versucht eine Brücke mit Kraftaufwand zu spannen, sondern machen die Musik, die wir so machen, und der hört man an, dass wir einerseits  aus einer bürgerlichen Klassik-Tradition kommen und andererseits aber auch viele coole Platten zuhause stehen haben.  Und Steve Reich, ein amerikanischem Komponist aus New York, der in den 60er-Jahren bekannt wurde, ist sehr zugänglich für Leute, die eigentlich aus der elektronischen Clubmusik kommen, weil dieser durchgehende Loop genauso funktioniert wie House oder Techno.

Die Klassik öffnet sich, wo stehen wir in der Clubkultur heute?

Gregor Schwellenbach: Ein Phänomen ist ja, dass die ganze Club-Bewegung oder die ganze Techno-Geschichte anfing als eine Gegenkultur, als ein "Wir machen das anders", d. h. man fühlte sich als Minderheit, die ihr eigenes Ding machen will. Und das hat sich jetzt ins Gegenteil verkehrt, weil ja elektronische Tanzmusik heute so der Grundsound ist, den man für alles benutzt - für Schlager, für Werbung und für alles Mögliche. Wenn man am Sonntagmittag also tanzen geht, hat man nicht mehr das Gefühl, man ist gegen die Welt, sondern man ist so ein normaler Typ. Was einem vor 20 Jahren als Widerstand vorkam, ist heute das Angepassteste, was es gibt.

Wann gehst du denn am liebsten tanzen? Früh am Abend oder erst zur Afterhour?

Gregor Schwellenbach: Ich gehe ehrlich gesagt am liebsten immer noch mit so alten Leuten aus. Ich komme immer relativ früh und gehe dann so um fünf. Aber gerne zu Sachen, wo was Neues passiert. Da treffen sich dann die alten Leute mit den ganz jungen. Ich bin gerne an einem Ort, wo ich glaube "Hier entsteht gerade etwas."

Stand: 12.06.2017, 16:00