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Die Geburt des Acid Jazz

Party

London is the Place for me

Die Geburt des Acid Jazz

Jazz und Clubmusik – eigentlich sind das sehr gegensätzliche Stile. Aber in den späten 80ern passte das in London bestens zusammen. Acid Jazz machte den Jazz tanzbar und feierte dabei mit Künstlern wie Omar oder den Brand New Heavies kurzzeitig sogar Charterfolge.

Anfänge

Ein genauer Beginn lässt sich nicht festmachen. Mitte der 80er finden Clubnächte statt, die später dem Acid Jazz zugeordnet werden. Die erste Veröffentlichung auf dem Acid Jazz Plattenlabel ist die Single "Frederic Lies Still" von der Band Galliano, von vielen als die erste Scheibe des Acid Jazz gewertet.

Die Ära

Margaret Thatcher

Es waren die letzten Regierungsjahre von Margaret Thatcher als britische Premierministerin. Die umstrittene Politikerin prägte diese Zeit. Sie hatte die Macht der Gewerkschaften radikal gebrochen. Ihr Credo war der eigenständige Unternehmer. Einige sahen in ihr die Retterin der britischen Wirtschaft, andere sahen sie als Spalterin der Gesellschaft. Sie war auf jeden Fall die selbsterklärte "eiserne Lady".

Immer wieder wurde gegen sie demonstriert. Am heftigsten bei den Straßenschlachten auf dem Trafalgar Square, wo die Menschen sich gegen den verhassten Poll Tax zur Wehr setzten, der als Mittel angesehen wurde, um das Wahlrecht zu privatisieren. London war zu jenem Zeitpunkt schon eine sehr teure Metropole. Mit dem Verkauf von Sozialwohnungen der Stadt wurde das Leben noch kostspieliger. Auch das war ein Grund für die illegalen Raves und Warehouseparties, mit denen sich die Jugend ihre eigenen Plätze schaffte. Aus den Raves erwuchs Acid Jazz.

Musik in den Charts

In den britischen Charts waren Künstler wie Kylie Minogue mit "I Should Be So lucky" vertreten, aber auch die Pet Shop Boys, Fairground Attraction und "Perfect", Terence Trent D Arby mit "Sign Your name", Yazz and the Plastic Population, Bomb the Bass und "Beat Dis" und S Express mit "Theme From S Express" - also Acid House.

Die Musik

Acid Jazz mischte vor allem Funk, Soul und Jazz. Chefredakteur Paul Bradshaw vom Londoner Straight No Chaser Magazin erinnert sich: "Im Zentrum der Musik stand vor allem Jazz. Jazz, der sehr weit definiert war. Die Jazz-Dancer mochten diese Art von Musik natürlich sehr. Viele der Tracks kamen vom Label Blue Note. Es waren Stücke, die ungewöhnlich waren für den Jazz, aber auch für den Pop. Es waren Stücke, die geeignet waren für jüngere DJs und Musiker, die Funkmusik liebten und die beiden Stile zusammenbrachten.

Der Name

Oft wird DJ Gilles Peterson als Namensgründer für den Acid Jazz genannt. Paul Bradshaw gründete sein einflussreiches Magazin Straight No Chaser in der Zeit von Acid Jazz. Er sieht einen anderen DJ als Namensgeber: "Ich glaube, es war Chris Bangs, der den Namen erfunden hat. Zu der Zeit ein sehr populärer DJ aus der Funk- und Soulszene. Sein Club hieß Cock Happy. Die haben so Badges rausgebracht mit einem Smiley wie aus dem Acid House, aber einem Barett drauf, also der Kopfbedeckung der Jazzfans. Die haben sich ganz bewusst an die Acid-House-Szene angelehnt."

Die Künstler

  • Brand New Heavies
  • Omar
  • Young Disciples
  • Galliano
  • Working Week
  • Incognito
  • James Taylor Quartet
  • Jamiroquai

Die Clubs

In London waren es vor allem zwei Clubs, in denen sich die Szene traf: Bass Clef, wo Chris Bangs auflegte. Und Dingwalls in Camden. "Dingwalls war wirklich prägend für Acid Jazz. Da traten Musiker auf wie die Jazz Warriors. Die liebten die Musik von Art Blakey und den Jazz Messengers. Aber dann kamen da auch jüngere Musiker hin, ebenso Jazzer, aber mit einem Ohr für Elektronik und Dance, wie Branford Marsalis. Und die Saxophonspieler Greg Osby und Steve Coleman. Die und viele andere der jungen Musiker brachten Funk, Dance und Jazz zusammen. Was da gespielt wurde, hat so ziemlich genau Acid Jazz definiert", sagt Paul Bradshaw. 

Das verrückte: Die Acid-Jazz-Sessions in Dingwalls waren Sonntagnachmittags. Zuerst waren da Jazzdancer, die aus ganz England anreisten. Dann Livebands. Dann legte Gilles Peterson Platten auf. Ein Track dokumentiert die Zeit dort am besten und dieser Track heißt "Dingwalls" und stammt vom amerikanischen Jazzsänger und Scat-Talker Mark Murphy. In seinem typischen Scatstil erzählt er, wie er nach einem Konzert in London noch zu Gilles Peterson in den Club fährt und da Acid Jazz hört. Und neben ihm tanzen in verrückten Bewegungen die jungen Londoner zu seinen Jazzstücken. So etwas hatte er noch nie erlebt.

Der Einfluss

Acid Jazz wird weltweit mit offenen Armen empfangen: In Österreich zum Beispiel von Kruder & Dorfmeister. In Deutschland sind es Jazzanova und Rainer Trüby, die den Spirit weitertragen. MC Solaar in Frankreich war eine Ikone für die britischen Acid Jazzer. In Japan ware es die United Future Organization, in den USA der Rapper Guru und seinem Jazzmatazz Projekt. Auch Tribe Called Quest und Digable Planet waren stark von Acid Jazz beeinflusst.

Das Ende

Anfang der 90er ebbte die Welle ab. Protagonisten wie Omar und Carleen Anderson sind aber noch immer aktiv.

Zitat

Acid Jazz, frei nach Duke Ellington: "If it don't move me, it ain't got that groove."

Unsere Empfehlung

Die "Rebirth of the Cool"-Serie in Anlehnung an Miles Davies. Die "Talking Loud" Compilations von Gilles Peterson.

Stand: 08.08.2017, 10:58