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Reise zur Seele der Marimba-Musik

Die kolumbienische Sängerin Nidia Góngora

Review - Quantic & Nidia Góngora: "Curao"

Reise zur Seele der Marimba-Musik

Von Johannes Paetzold

Quantic ist ein besessener Vielarbeiter. Gerade hat der Engländer ein Album mit seinem Ondatropica-Projekt veröffentlicht. Nun folgt seine Hommage an die kolumbianische Folk-Sängerin Nidia Góngora. Auf dem Album "Curao" verbindet der Global Pop Maestro einmal mehr Tradition und Moderne.

Man kommt kaum hinterher. Will Holland, wie der Engländer bürgerlich heißt, hat ein eigenes Plattenlabel, schwirrt zwischen Kolumbien, England und den USA hin und her. Und veröffentlicht am Fließband, ohne je qualitative Schwachstellen zuzulassen. Und das seit seinen DJ-Tagen in Brighton mit Funk und Broken Beats hin zu Jazz, Salsa, Cumbia. Natürlich hat jeder Quantic-Fan seine großartigen Soul-Scheiben mit Sängerin Alice Russell in der Sammlung. Und mit Ondatropica präsentierte Quantic die musikalische Vielfalt des Landes von Cumbia bis Calypso, von Mento bis Dancehall mit einer Supergroup aus alten und jungen Musikern. Nun folgt, kaum zwei Monate später, ein neues Album, eine Hommage an Sängerin Nidia Góngora.

Nidia Góngora

Die kolumbianische Sängerin Nidia Góngora kommt aus einem kleinen Flußdorf, Timbiqui in der Cauca-Region. Sie ist eine der bedeutendsten Vertreterinnen der Marimba-Musik dieser kolumbianisch-pazifischen Küste. Und in Kolumbien zugleich eine wichtige Identifikationsfigur für jüngere Gruppen dieser Folk-Tradition. Quantic hörte Góngora das erste Mal durch die Wand zur Nachbarwohnung, als er noch in Cali wohnte. Der Nachbar spielte auf Dauerschleife Musik der Grupo Canalon, bei der Nidia Góngora Sängerin war. Was Quantic aber nicht störte, vom ersten Ton an liebte er ihre Stimme. Man lernte sich kennen, sie ist inzwischen als Gast auf mehreren Alben des Quantic Soul Orchestra zu hören. Und auch live hat sie den Briten immer wieder begleitet. Das Album wurde an Quantics alter Wirkungsstätte aufgenommen, an Kolumbiens Pazifik-Küste. Nach sieben Jahren in Kolumbien lebt er heute in New York.

Ondatropica

Tausendsassa Quantic - zuletzt viel unterwegs mit dem Ondatropica-Projekt

Feldaufnahme bis Fusion

Im Vergleich zum Ondatropica-Projekt ist "Curao" intimer, spezieller, wird naturalistisch bis hin zu Feldaufnahmen: Mal hört man in kurzen Zwischentücken den Regen und den Sturm an der Küste, mal Trommeln. Und auch Songs wie "Maldito Muchacho" mit Chor und rhythmischen Händeklatschen sind naturalistische Bestandsaufnahmen, die ohne große Studionachbearbeitung auskommen. Folkloristische Lieder wie das A-Capella-Stück "Dios Promete", ein Dankeslied an die Gnade Gottes, gehen tief in die Religion des Landes hinein, suchen die Wurzeln und Seele dieser Marimba-Musik von Nidia Góngora. Und genau das ist ja die große Stärke von Quantic: die Vorlage, die Künstler und ihr Talent zu erkennen, und die Folkquelle, aus der sie sich speisen. Dezent hält sich Holland dann bei der Bearbeitung zurück, wie mit einem Schneebesen mischt er vorsichtig und luftig die eigenen Beats und die elektronische Verstärkung unter den Groove. Bei diesen tänzelnden Stücken passt der Titel, "Curao", eigentlich "geheilt" von curado, umgangsprachlich aber "curao" - "beschwipst".

Fusionsschwächen

Die Fusion gelingt Quantic in Stücken wie "Maria No Me Llevo" und "Un Canto de mi Tierra", bei anderen Liedern bleibt er hinter den immer hoch gesteckten Erwartungen zurück. Quantic-Fans, die immer den perfekten Brückenschlag vom Meister erwarten, sind vielleicht ein bisschen enttäuscht. Das Album in sich ist disparat, manchmal nicht konsequent: mal die Feldaufnahme, mal hochproduzierte Fusions-Stücke. Es sind dazu ein paar richtig schwache Stücke dabei: Ojos Vicheros, mit Billig-Sounds vom Keyboard, nervt, klingt skizzenhaft. Aber es sind auch ein paar echte musikalische Edelsteine auf "Curao": Songs wie "Dub del Pacifico" mit seinem Latin Coastal Dub Reggae Sound. Und ein echtes Highlight: "Se Lo Vi", mit wunderbaren Harmonien und Arrangements. Auf der Menükarte von Quantic wird "Curao" nicht der zeitlose Signature-Dish. Aber für den spezielleren Geschmack sind auch hier tolle Happen zu finden.

Stand: 19.05.2017, 16:00