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Kulturclash im Deutschkurs

Adonis Alkhaled im Studio.

Die Woche von Adonis

Kulturclash im Deutschkurs

Adonis Alkhaled ist 25 Jahre alt und vor 17 Monaten von Syrien nach Bremen geflohen. In seiner Heimat war er Fernseh-und Radio-Journalist. Seit fünf Monaten arbeitet Adonis bei uns in der Cosmo-Redaktion und erzählt Cosmo-Redakteur Lars Schweinhage einmal die Woche, was er in Deutschland bislang erlebt hat.

Kulturclash im Deutschkurs

COSMO | 19.03.2017 | 07:26 Min.

Lars: Du bist seit fast einem Jahr in einem Deutschkurs mit vielen anderen Flüchtlingen aus dem Iran, Afghanistan, Syrien etc. Letzte Woche hast du deinen Deutschkurs gewechselt. Warum ?

Adonis: Das ist eine schwierige Sache. Ich habe mich wegen der anderen Kursteilnehmern einfach nicht mehr wohl gefühlt in meinem Deutschkurs.

Lars: Wieso, was war mit denen?

Adonis: Ich musste dort mit Leuten zusammensitzen, die total anders sind als ich und völlig andere Meinungen haben. Das ist anstrengend. Dazu kam noch, dass ich das Gefühl hatte, dass die Lehrerin uns alle in einen Topf geschmissen hat.

Lars: Wie meinst du das ?

Adonis: Ich fand, wenn ein Flüchtling im Kurs etwas gesagt hat, dann wurde das von der Lehrerin so aufgenommen, als würde diese Meinung uns alle repräsentieren. Das nervt mich. Nur weil wir alle Flüchtlinge sind, ticken wir doch nicht alle gleich.

Lars: Aber haben die anderen Flüchtlinge im Kurs so viel gesagt, dass du doof fandest ? 

Adonis: Ja. Natürlich hat jeder das Recht, von seiner Kultur und seinem Land zu erzählen und das auf seine Art und mit seinen Erfahrungen. Mich nervt es, wenn eine Person nur über seine Wahrnehmung erzählt ohne irgendwelche Fakten, oder sogar richtigen Blödsinn sagt. In jeder Deutsch-Übung haben wir eine Aufgabe bekommen: Wir sollten etwas in Deutschland beschreiben und das mit unserem Heimatland vergleichen. Ich wusste dann immer: Jetzt kommt die Heimat-Märchen-Stunde.

Lars: Du hast gesagt, manche Flüchtlinge haben regelrecht Blödsinn erzählt. Gib doch bitte mal ein Beispiel.

Adonis: Zum Beispiel ist ein Syrer gefragt worden, wie es in Syrien mit Frauen und dem Heiraten ist. Weißt du was er immer wieder sagte ? In Syrien lieben die Frauen nur das Geld und denken auch bei der Hochzeit nur daran. Er meint das Brautgeld: Wenn in einigen syrischen Familien geheiratet wird, dann fragt die Familie der Frau die Familie des Mannes nach Geld, das wird in einer Art Heiratsurkunde festgehalten. Der Grund ist, dass die Frau nicht ohne Geld sein soll, falls sich das Paar wieder trennt. Außerdem soll es die Frau davor schützen, dass sich der Mann aus willkürlichen Gründen scheiden lässt.

Lars: Und dieses Brautgeld gibt es bei jeder syrischen Hochzeit ?

Adonis: Eben nicht. Es ist für mich eine alte Tradition, die eher in Dörfern und Kleinstädten vorkommt, wo Frauen leben, die keine große Schul-Bildung haben. Ich kenne zum Beispiel kaum Frauen, die ein Brautgeld bekommen haben oder wollen. Meine Mutter hat auch kein Brautgeld bekommen. Manche Frauen lassen auch nur einen symbolischen Betrag als Brautgeld in die Heiratsurkunde eintragen. Damit vermeiden sie Nachfragen bei den Behörden. In der Region, wo der Syrer aus meinem Deutschkurs herkommt, scheint ein üppiges Brautgeld noch üblich zu sein. Und übrigens: Er ist kein Moslem, wie man vielleicht erstmal denken könntest, sondern Christ.

Lars: Was haben denn die Frauen in deinem Deutschkurs reagiert?

Adonis: Die Frauen waren richtig sauer. Einige meinten, dass sie kein Brautgeld wollen oder genommen haben. Eine sagte, dass ihr Ehemann ihr Goldschmuck zur Hochzeit geschenkt hat, aber freiwillig von sich aus. Ich meine es ist doch klar, dass es immer falsch ist, einfach zu verallgemeinern.

Lars: Ist es in deinem Deutschkurs öfter vorgekommen, dass Kurs-Teilnehmer so verallgemeinert haben?

Adonis: Ja, oder sie hatten heftige Meinungen. Ein Afghane sollte zum Beispiel eine Präsentation über die Vor – und Nachteile der Globalisierung machen. Er sagte, dass die Globalisierung schlecht für die Tradition in Afghanistan sei. Die Frauen würden nämlich, statt traditionellen langen Mänteln, kurze Mäntel wie in Europa tragen.

Lars: Was hast du da gedacht ?

Adonis: Ich war total schockiert und dachte er macht einen schlechten Scherz. Aber leider nein... Dann habe ich meine Lehrerin angeschaut – sie hat versucht zu verbergen, dass sie auch schockiert war. Ich weiß nicht, was man mit Menschen, die so eine Einstellung haben, anfangen soll. Ich frage mich, warum sie nach Deutschland gekommen sind!

Lars: Was würdest du denn vorschlagen, wie man mit Leuten mit so konservativen und patriarchalischen Einstellungen umgehen soll ?

Adonis: Keine Ahnung. Vielleicht öffnen sie sich ja. Solange sie nicht gegen das Gesetz verstoßen, sind sie harmlos. Aber es ist schwer, vor allem, wenn sie überzeugt bleiben, dass ihre kulturellen und religiösen Traditionen die einzig Richtigen sind. Mich ärgert es, dass solche Leute ein schlechtes Bild von Flüchtlingen prägen und, dass andere Flüchtlinge in Deutschland darunter leiden müssen.

Lars: Wie gefällt es dir in deinem neuen Deutschkurs ?

Adonis: Ich fühle mich dort ganz wohl. Ich finde, dass die Leute da viel offener miteinander diskutieren. Auch wenn sie eine andere Meinung haben, tun sie nicht so, als wäre ihre Meinung die einzige Wahrheit. Irgendwie herrscht in diesem Kurs mehr Respekt und das finde ich sehr wichtig.

Stand: 19.03.2017, 13:10