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Surfen mit Schleier

Aisha (dritte von links) mit ihrer Familie am Strand.

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Surfen mit Schleier

Marokko gehört auf dem Papier zu den liberalsten arabischen Staaten. Doch die meisten Marokkaner leben noch nach konservativen Regeln des Islam. Viele Frauen verhüllen weiterhin Haare und ihren Körper. Was heißt das für den Alltag von Frauen, die in einem so heißen Land leben – zum Beispiel bei einem Ausflug an den Strand? Cosmo-Reporterin Lena Gilhaus war an der Küste Marokkos unterwegs.

Weltweit: Surfen mit Kopftuch am marokkanischem Strand

COSMO | 03.10.2017 | 04:54 Min.

Cosmo: Was hast du in Marokko erlebt?

Lena Gilhaus: Mein eindrücklichstes Erlebnis in Sachen Verhüllung hatte ich in der Stadt Mehdia, bei Rabat in Nordmarokko. Dort gibt es eine langen Strand mit einer Mole, neben der sitzen Surfer am Peak, wo sich die Wellen brechen. Der Strand ist übersät mit Sonnenschirmen, davor Frauen, die unter langen Gewändern in der brütenden Sonne sitzen. Junge Männer in Badehosen spielen Fußball, rennen lachend ins Wasser, toben, haben Spaß. Ich bin dort mit meinem Surfboard rausgepaddelt und wurde im "Line-Up", da wo man als Surfer auf die Wellen wartet, von kleinen frechen Jungs umzingelt, die mir an der Fußleine, der Leash, gezogen haben.

Cosmo: Klingt nach einer Männerdomäne am Strand. Surfende Frauen gab es da keine?

Lena Gilhaus: Doch, plötzlich kam ein winkendes Mädchen auf ihrem Surfboard auf mich zugepaddelt. Sie hatte einen schwarzen Neoprenanzug an, darüber eine riesige hellblaue Regenjacke und einen ebenso blauen Schleier aus Lycra um ihren Kopf gewickelt. Diese ganzen Klamotten haben ihr das Paddeln ziemlich erschwert, aber sie hat trotzdem alles in den Wellen gegeben.

Der Strand von Mehdia. Hier hat Aisha das Surfen gelernt.

Cosmo: Wer ist das mutige Mädchen?

Lena Gilhaus: Das wollte ich auch wissen und habe sie um ein Interview gebeten. Dafür musste sie erst am Strand ihren Vater um Erlaubnis fragen, der war einverstanden und ist auch Surfer. Er hat einen Backenbart, trägt ein weißes Lycrashirt, Boardshorts und hat die Ausstrahlung eines coolen Surfers. Seine Frau neben ihm am Zelt ist der Kontrast: Sie ist komplett in ein blau-schwarzes Tuch verhüllt. Am Zelt erfahre ich, dass ihre Tochter Aisha heißt und 17 Jahre alt ist. Vor zwei Jahren habe sie mit dem Surfen angefangen, sagt Aisha, aber erst seit drei Monaten sei sie richtig angefixt und surfe ganz viel. Das Surfen hat sie von ihrem Vater gelernt.

Cosmo: Krass! Ist sie damit eine Ausnahme in Marokko?

Lena Gilhaus: Ja, schon. Wenn Frauen in Marokko surfen, dann sind das fast nur Europäerinnen, die in Marokko Urlaub machen. Von Aishas Freundinnen surft keine. Warum das so ist, dafür haben Aisha und ihr Vater jeweils ganz unterschiedliche Erklärungen: Laut Aisha liegt das am Verhüllungsgebot. Viele ihrer Freundinnen würden keine richtigen Anziehsachen finden, womit sie surfen und gleichzeitig Haare und den Körper verhüllen können. Ihr Vater glaubt nicht, dass das der Grund sei. Das habe nichts mit der Kultur zu tun, es gebe wenige Mädchen, die surfen, weil die nicht interessiert seien. Surfen sei für Frauen sehr schwer, denn man müsse sich anstrengen, es brauche dafür Mut, sagt er.

Aishas Mutter (links), COSMO-Reporterin Lena Gilhaus (Mitte) und Aishas Vater mit einer kleinen Schwester von Aisha am Strand.

Cosmo: Der Vater sieht den Schleier gar nicht als Hinderungsgrund?

Lena Gilhaus: Der Vater widerspricht sich da, denn seineTochter ist ja eigentlich der beste Beweis für eine mutige Frau. Und was ich hier sehe, bestätigt Aishas Begründung. Das Verhüllen hindert Frauen nicht nur an einem Sport wie Surfen, es erschwert schon das Schwimmen im Meer oder Beachball spielen. Eine Frau, die ich am Strand beobachtet habe, musste die ganze Zeit beim Spielen den Schleier festhalten, saß nach ein paar Schlägen lange schwitzend unter ihrem Tuch: Die Kleidung steht vielen Aktivitäten im Weg. An den meisten Badeorten dominieren deshalb Gruppen männlicher Marokkaner. Die Frauen gehen erst gar nicht an den Strand oder sind fast unsichtbar und in sich zurückgezogen unter den Gewändern. So wie Aishas Mutter, die so einen Strandtag allein in ihrer Nikab am Zelt verbringt. Ich habe sie gefragt, ob sie auch Lust zum Surfen habe. Ihr Antwort: Nein, sie käme aus Marrakesch und da werde nicht gesurft. Sie habe es nie gelernt, nicht mal schwimmen. Und ihr sei auch nicht warm unter dem Ganzkörperschleier, das sei total easy, sagt Aishas Mutter.

Cosmo: Sieht es überall so aus wie in Mehdia?

Lena Gilhaus: Nein, in Metropolen wie Marrakesch oder rund um die Tourismuszentren in Agadir sind auch viele unverschleierte Frauen unterwegs, auch eine Menge im Bikini, aber das sind dann oft Europäerinnen.

Cosmo: Wünscht sich Aisha irgendwann mal ohne diese störende Verhüllung zu surfen?

Nein, sagt Aisha. Ob die junge Frau das auch so sagen würde, wenn der Vater nicht neben ihr steht, weiß ich nicht. Ich kann mir das aber schon gut vorstellen, und Aisha hat es ja auch gesagt, dass viele junge Frauen in Marokko gibt, die ohne störendes Kopftuch und Umhang am Strand surfen oder abhängen wollen.

Stand: 03.10.2017, 16:30