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Von Europa nach Marokko

Die Steilküste von Imsouane

Weltweit

Von Europa nach Marokko

Cosmo-Reporterin Lena Gilhaus fährt die umgekehrte Fluchtroute von Europa nach Marokko, um mit den Menschen zu sprechen, über die in Deutschland so viel geredet wird – junge Marokkaner, denen ihre Heimat kaum Perspektiven bietet.

Von Europa nach Marokko

COSMO | 30.09.2017 | 04:32 Min.

Cosmo: Wo warst du in Marokko?

Lena Gilhaus: Ich war in Imsouane, wo das Atlasgebirge zu einer dramatischen Steilküste abfällt. Da auf einem staubigen Campingplatz habe ich Souphian kennengelernt. Er und seine Freunde saßen vor ihrem Zelt, auf Surfboards lagen ein Dutzend Sardinen, ein paar Fische brutzelten auf Kohlen im Sand. Und weil ich so interessiert rüber geschaut habe, wurde ich direkt auf eine Sardine nach der anderen eingeladen und die jungen Männer haben erst angefangen zu essen, als ich fertig war. Dabei haben sie kaum Geld.

Cosmo: Warum? Sind sie auch Opfer der schlechten Arbeitsmarktsituation in Marokko?

Lena Gilhaus: Ja, Souphian ist 26 Jahre alt, und er hat nach dem Studium vor drei Jahren aus der Not heraus eine Kommunikationsagentur gegründet. Er habe den harten Weg gewählt und keinen Job von der Regierung oder in einer Firma gesucht, sagt er, sondern gedacht, "ich muss mein eigenes Business aufbauen". Er und seine Mitarbeiter würden seitdem hart arbeiten und höchstens drei Stunden die Nacht schlafen. Sie seien mit nichts gestartet, hätten dann nur aufgebaut, und stünden jetzt auf Null.

Unsere Reporterin Lena Gilhaus (rechts) wird in Imsouane von Souphian (dritter von links) und seinen Freunden auf Sardinen eingeladen.

Cosmo: Bekommen sie staatliche  Unterstützung?

Lena Gilhaus: Nein, und sie würden von der Regierung auch nichts erwarten. Souphian und seine Freunde kamen mir wild entschlossen vor, das hinzukriegen. Souphians Kollege Amin, mit in der Runde, hat dann auch ein Motvationsmantra aufgesagt. Ihr Ziel sei es, eine Firma aufzubauen, sagt er, nicht an Angst zu glauben – sondern an den Erfolg. Sie würden nicht sagen, dass es einfach sei, es bedeute Kampf, und eins sei klar, sie würden kämpfen, kämpfen, kämpfen, um ihre Träume zu verwirklichen.

Cosmo: Wie stehen denn die Chancen?

Lena Gilhaus: Laut Souphian sei das Geschäftsklima sehr hart, als kleine Agentur gegen viele mächtige Konzerne. Aber es ist ihr Strohhalm, denn für Uniabsolventen auf dem regulären Arbeitsmarkt seien die Aussichten noch mieser.

Sardinen werden zubereitet.

Cosmo: Und blicken sie Richtung Europa? Haben Sie schon mal darüber nachgedacht Marokko zu verlassen?

Lena Gilhaus: Nein, sie wollen in ihrem Land etwas aufbauen, haben sie mir erzählt. Sie kennen aber Leute, die ausgewandert seien und woanders Arbeit gefunden hätten. Für Souphian ist Deutschland ein Vorbild in Sachen Migrationspolitik. Er sagt, Deutschland helfe so viel. Er habe großen Respekt vor Angela Merkels Entscheidung, sagt Souphian, eine Million Flüchtlinge aufzunehmen. Und einer seiner Freunde sagt: Ob Marokko, die Emirate oder Saudi Arabien, sie alle helfen den Syrern nicht. Aber Deutschland mache einen großartigen Job, er sei Deutschland so dankbar. Wir lieben Deutschland, sagt er. Und fügt noch schnell hinzu, dass er eine Stadt in Deutschland kenne, Jena, das Paradies. Denn Jena ist das arabische Wort für "Paradies".

Cosmo: Ausgerechnet Jena, das Paradies...naja. Angela Merkels Willkommenspolitik gilt meistens nicht für Flüchtlinge aus Nordafrika. Marokko will sie zum sicheren Herkunftsland erklären.

Lena Gilhaus: Ja, ich habe Souphian von der Bezeichnung "Nafris" erzählt, dass diese Abkürzung für eine große Gruppe geflüchteter Nordafrikaner steht, die etwa laut CSU-Politiker Alexander Dobrindt die öffentliche Sicherheit gefährdet: Souphian war natürlich geschockt. Davon habe er noch nie gehört, sagte er mir. Die, die nach Deutschland gehen, würden dort auch arbeiten oder studieren. Und für Souphian ist klar: Die Leute brauchen wirklich Hilfe, sie leiden in Marokko.

Was bisher geschah...

Lenas Reise begann in Köln. Mit dem Auto ist sie 2.500 Kilometer südlich bis nach Andalusien in Südspanien gefahren. Von dort ging es weiter mit der Fähre nach Marokko. Bei der Überfahrt lernte sie Sonja und Alami kennen. Sonja ist in Frankreich geboren, ihr Mann Alami kommt aus Marokko und hat sein Land aus wirtschaftlicher Not verlassen. Jetzt studiert er Geologie in der Region Paris. Jeden Sommer fahren sie in ihre Heimat Marokko.

Von Europa nach Marokko - die Überfahrt

COSMO | 30.09.2017 | 04:39 Min.

Eine Frau und ein Mann, hinter dem sich ein Kind versteckt, stehen auf einer Straße und lächeln in die Kamera.

Treffen mit der Gruppe "Trip Fchkel"

In Marokko durfte Lena nach längeren Passkontrollen mit ihrem Auto aus Tangers Hafen heraus fahren. Mit ihrem alten Benz ging es auf der Autobahn Richtung Rabat. In der malerische Lagunenstadt Oualidia kam sie mit einer Gruppe junger Leute ins Gespräch. Die Truppe, die sich Trip Fchkel nennt, besteht aus einem Dutzend Männern und zwei Frauen in den 20ern. Sie wollen innerhalb eines Monats 1.700 Kilometer bis zur Stadt Ad Dakhla in der Westsahara zurückzulegen. Das Ganze sei ein Abenteuer – sie wollen die Initiative ergreifen, das Leben konfrontieren, Arbeit suchen und neue Kontakte finden.

Die Gruppe "Trip Fchkel"

COSMO | 30.09.2017 | 04:28 Min.

Eine Gruppe junger Männer und Frauen posiert auf der Straße für ein Gruppenfoto.

Stand: 30.09.2017, 14:00