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"Eine schöne Art der Entladung"

Szene aus "Denk ich an Deutschland in der Nacht"

Berlinale-Premiere: "Denk ich an Deutschland in der Nacht"

"Eine schöne Art der Entladung"

Die Technodoku "Denk ich an Deutschland in der Nacht" begleitet fünf Protagonisten der deutschen Klubkultur Tag und Nacht – u.a. Ricardo Villalobos, Roman Flügel und Move D. Ein Gespräch mit Regisseur Romuald Karmakar über elektronische Musik in Deutschland.

Wann warst du das letzte Mal feiern?

Am letzten Sonntag. Da waren wir im Heideglühen, einem Club in Wedding, und haben dort die Premiere unseres Films gefeiert. Im großen Saal hat David Moufang aufgelegt, einer der Protagonisten des Films, und im kleinen Saal Ricardo Villalobos, der ist auch im Film dabei.

War das so richtig feiern? Mit morgens nochmal an der Spree lang laufen und frühstücken?

Nein, es gibt ja jetzt eine viel schönere Art zu feiern am Sonntag zwischen 20 und 21 Uhr für die Leute, die vielleicht schon seit Freitag unterwegs sind. Und am Sonntagabend gibt es noch mal eine andere schöne Art der Entladung.

Techno hat viel damit zu tun, in dunklen Räumen zu stehen, zu tanzen, umgeben von flackernden Lichtern und drückenden Bässen. Wie lässt sich so eine Atmosphäre im Film abbilden?

Das Prinzip bei den Klubszenen ist, dass wir kein zusätzliches Licht haben und mit dem vorhandenen arbeiten. Wir haben den atmosphärischen Ton über das Mischpult im Klub aufgezeichnet. Wir haben den Kopfhörerton, mit dem der DJ arbeitet. Dann noch den Kameraton. Aus diesen verschiedenen Quellen erstelle ich bei der Mischung des Films ein Tonlevel, der einfach das ist, was man am ehesten im Kino erreichen kann. Gleichzeitig verfolge ich ein ästhetisches Konzept, das sich dafür entscheidet, nur eine einzige Kamera einzusetzen. Daraus leiten sich bestimmte ästhetische Parameter ab. Zum Beispiel, dass man ganz lange Einstellungen dreht, fast ein wenig wie bei Tierfilmen beobachtet, was der Protagonist tut, in welchem Winkel das Licht des Klubs steht, in welchem Winkel wir stehen, was für ein Song aufgelegt wird. All diese Dinge spielen dann eine Rolle.

Ricardo Villalobos beschreibt die Technoparty in deinem Film als "niedrige Wertegemeinschaft". Was meint er damit?

Ricardo beschreibt, dass eine Party nur deswegen funktionieren kann, weil man alle Werte auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner runterschraubt, bei dem die gleichbleibende, rhythmische Musik alle Personen vereint. Das ist jetzt die vereinfachte Form seiner Aussage.

Wie schätzt du die Bedeutung der Technokultur für Deutschland ein?

Es ist ja bekannt, welche Bedeutung diese Musik über die letzten 20 bis 25 Jahre für unsere Jugendkultur hatte und immer noch hat. Diese Jugend- und Musikkultur hat natürlich auch eine Anknüpfung an die elektronische Musik seit den 50er-Jahren, z.B. Stockhausen, später dann Leute wie Conny Plank und Kraftwerk. Da gibt es einen Bezug, der in diese Technowelt führt. Und aus dieser Technowelt heraus sind Künstler entstanden, die heutzutage weltweit überall in besonderen Orten spielen und gefragt sind. Dieses Phänomen ist jetzt aus der Sicht des deutschen Films völlig unterrepräsentiert. Man könnte jetzt nicht im Goethe-Institut Paris eine ganze Woche mit Filmen über die elektronische Musikszene aus Deutschland verbringen, weil es einfach fast nichts dazu gibt. 

Ist Techno die neue Volksmusik geworden, wie Ralf Hütter von Kraftwerk es einst prophezeit hat?

Ich würde es eher mit einem Zitat aus unserem Film weiterführen oder konterkarieren. Roman Flügel sagt gegen Ende des Films, dass 25 Jahre Techno in Bezug auf Musik und Nachtleben das Beste ist, was Deutschland passieren konnte.

"Denk ich an Deutschland in der Nacht" läuft ab dem 11. Mai 2017 in den Kinos.

Stand: 15.02.2017, 11:53