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"Ein absurdes Katz-und-Maus-Spiel"

Anabel Hernández, Screenshot aus dem Interview mit 3Sat

Interview mit Anabel Hernández Garcia

"Ein absurdes Katz-und-Maus-Spiel"

Anabel Hernández, Investigativ-Journalistin aus Mexiko, hat etliche Verbindungen zwischen Drogenkartellen und der Politik aufgedeckt. Wir haben mit der im Exil lebenden Journalistin gesprochen.

In ihren Büchern wie "Los Señores del Narco" übersetzt in "Narcoland" oder ihrem aktuellen Werk, das sich mit dem Massaker von Ayotzinapa beschäftigt, zeigt sie die allgegenwärtige Korruption in Mexiko auf.
43 Studenten verschwanden spurlos. Der Staat hat sie bereits für tot erklärt und den Bürgermeister des Ortes und drei Auftragskiller festgesetzt, die die Studenten getötet haben sollen. Hernández versucht die Nacht in der die Entführung geschah zu rekonstruieren. Im Februar 2017 erschien ihr Buch dazu: "La verdadera noche de Iguala: La historia que el gobierno quiso ocultar" - "Die wahre Nacht von Iguala: Was die Regierung gerne geheim hielte".

Interview mit Anabel Hernández Garcia

COSMO | 13.10.2017 | 03:08 Min.

Deine aktuelle Recherche handelt von der Massenentführung von Ayotzinapa. Worauf musstest du bei deiner Recherche besonders achten?

In Mexiko werden Delikte kaum geahndet. Egal ob kleinere Verbrechen oder Drogenhandel und Entführungen: 98 Prozent der Fälle gehen straffrei aus. Das Justizsystem in Mexiko ist lahmgelegt. In den letzten zehn Jahren sind 32.200 Personen verschwunden. Als dann die 43 Studenten entführt worden sind, bin ich sofort von den USA zurück nach Mexiko, in die Region der Entführung: nach Iguala. Eine sensible und gefährliche Recherche. Mir war klar, dass ich auf Verbindungen zur mexikanischen Regierung stoßen würde - also habe ich einige Vorsichtsmaßnahmen für mich, meine Kollegen und die Informanten getroffen und an die Arbeit gemacht.

 Wie gefährlich es über Drogenkartelle und Korruption zu schreiben?

Schon mein erstes Buch 2005 war eine investigative Recherche. Ich habe da viel über Korruption unter den höchsten Regierungsmitgliedern recherchiert. So habe ich auch Verbindungen zum Drogenhandel entdeckt - ins besonders mit dem Sinaloa-Kartell. Das hat dazu geführt, dass ich bedroht und verfolgt worden bin.
Es gab bewaffnete Anschläge gegen mich, einige meiner Informanten sind ermordet worden. Vor zwei Jahren, musste ich Mexiko zwangsweise verlassen. Jetzt aber bin ich zurückgekehrt, um meine Recherchen über die 43 verschwunden Studenten abschließen zu können.

Woher genau kommen die Drohungen?

Auch, wenn ich ziemlich detailliert über verschiedene Drogen-Kartelle geschrieben habe, über das Sinaloa-Kartell, die Zetas und das Kartell von Juarez, obwohl ich Adressen veröffentlicht habe, wie sich die Familien verstecken, wie sie arbeiten, kommen die Morddrohungen nicht von ihnen – sondern direkt von der Regierung, von der Polizei, dem mexikanischen Militär. Ich veröffentliche immer wieder die Namen von Funktionären und Regierungsangestellten, die direkte Kontakte zu den Kartellen hatten, die Kriminelle sind und aus den Reihen der Polizei kommen.

Wenn die Drohungen von der Polizei und Regierung stammen, wer beschützt dann die Journalisten in Mexiko?

Genau das ist die Falle, in der wir mexikanischen Journalisten stecken. Es gibt keinen Rechtstaat. Die Regierung ist Teil des Verbrechens. Das ist eine sehr perverse Lage: Die Regierung hat extra eine Stelle für den Schutz der Journalisten eingerichtet. Doch seitdem wurden sogar noch mehr Journalisten ermordet. Weil eben alles ungestraft bleibt. In meinem Fall ist es so absurd, auch wenn die Bundespolizei, das Militär, die Regierungsmitglieder diejenigen sind, die mich töten wollen,  die schon Anschläge gegen mich verübt haben, die bei mir zuhause eingedrungen sind, stehe ich offiziell unter ihrem Schutz. Ich habe beschlossen, diesen perversen Schutz zu akzeptieren, wie in einem absurden Katz-und-Maus-Spiel. Denn nur so wird es wenigstens einen direkten Verantwortlichen geben, falls mir tatsächlich etwas passieren sollte. Dann können die nicht mehr sagen: ich habe von nichts gewusst.

Stand: 13.10.2017, 14:56