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Wir wollen das Meer sehen - Deniz'i görmek istiyoruz | So war's

#FreeDeniz

Wir wollen das Meer sehen - Deniz'i görmek istiyoruz | So war's

Von Benjamin Weber

Journalismus ist kein Verbrechen! Als Zeichen der Solidarität mit in der Türkei inhaftierten Journalistinnen und Journalisten haben im WDR-Funkhaus Köln Schauspieler, Comedians und Autoren Texte des inhaftierten Deniz Yücel gelesen, darunter Thomas Gottschalk, Christine Westermann und Oliver Polak.

"Auch wenn wir nur seine Texte lesen, geht es um alle, die in der Türkei wegen ähnlich abstrusen Vorwürfen im Gefängnis sitzen", sagt zu Beginn der von COSMO und dem Freundeskreis #FreeDeniz organisierten Veranstaltung Doris Akrap. Sie hat mit Deniz Yücel bei der taz gearbeitet und organisiert seit seiner Inhaftierung den Protest. "Meinungsfreiheit bedeutet, die Kritik der anderen auszuhalten."

Thomas Gottschalk eröffnet die Lesung mit einer aktuellen Botschaft von Deniz Yücel, die er im Hochsicherheitsgefängnis seinen Anwälten diktiert hat. "Hallo Köln!", ruft Gottschalk Yücels Worte ins Funkhaus.

Wir wollen das Meer sehen - Deniz'i görmek istiyoruz

"Danke. Ich danke allen, die an diesem Abend mitwirken. Dank Ihnen weiß ich, dass ich in diesem Loch nicht vergessen werde, dass es Menschen gibt, die sich für mich und meine eingesperrten türkischen Kolleginnen und Kollegen einsetzen, kurz: Dass wir nicht alleine sind."

Schauspieler, Comedians und Autoren lesen in der Folge alte Texte von Yücel, die in der Jungle World, der taz und der Welt erschienen sind. Am Mikrofon neben Thomas Gottschalk: Der deutsch-türkische Journalist Osman Okkan, Christine Westermann, Günter Walraff, Schrifstellerin Else Buschheuer, Olli Dittrich, Deniz Yücels Schwester Ilkay Yücel, Oliver Welke, Schauspielerin Halima Ilter, Oliver Polak und Comedian Fatih Cevikkollu. Die Publizistin Carolin Emcke wurde über eine Videobotschaft eingeblendet.

Sie lesen bewegende Texte über Critical Whiteness, Deutschtümelei während der WM 2006, einen kurdischen Fußballspieler in Deutschland, Alltagsrassismus, Yücels wütende Abhandlung zum Thema Antisemitismus, Texte aus der Türkei und den Erfahrungsbericht nach 100 Tagen Gefängnis. Doch es bleibt an diesem Abend nicht ausschließlich ernst: Als Olli Dittrich oder Fatih Cevikkollu Yücels unterhaltsame Kolumnen regelrecht performen, lacht das Publikum.

Wir wollen das Meer sehen - Deniz'i görmek istiyoruz

Extra angereist sind fünf Freunde aus dem Abi-Jahrgang 1994 der Gustav-Heinemann-Schule in Flörsheim, die mit Deniz Yücel zusammen Abitur gemacht haben. Sie lesen in verteilten Rollen einen Text über Ausländerfeindlichkeit in Deutschland. Allen Texten gemein ist die sehr pointierte Sprache Yücels - und die Tatsache, dass er auch gern das tut, was man heute "polarisieren" nennt.

"In der Vorbereitung habe ich viel von Yücel gelesen", sagt Christine Westermann, "und mir hat vieles von dem, was er da schreibt, nicht gefallen. Aber das ist eben Meinungsfreiheit: Dass man eine Meinung hat und die öffentlich äußern kann."

Wir wollen das Meer sehen - Deniz'i görmek istiyoruz | Die Bilder der Lesung

Schauspieler, Comedians und Autoren wie Thomas Gottschalk, Olli Dittrich, Oliver Polak, Fatih Çevikkollu und viele mehr haben Texte von Deniz Yücel vorgelesen, um Solidarität mit ihm und den viele gefangenen Journalistinnen und Journalisten zu zeigen. Die Bilder von der Lesung "Wir wollen das Meer sehen - Deniz'i görmek istiyoruz.

Wir wollen das Meer sehen - Deniz'i görmek istiyoruz

"Es ist wahrscheinlich das erste Mal, dass sie sich solidarisch zeigen mit einem Knastbruder." Doris Akrap, TAZ-Redakteurin und ehemalige Mitschülerin Deniz Yücels, unterstrich in ihrer Rede zu Beginn des Abends, wie wichtig es ist, Aufmerksamkeit für die Lage der inhaftierten Journalistinnen und Journalisten in der Türkei und anderswo zu schaffen. Später am Abend las sie den Text "Korso Komplett".

"Es ist wahrscheinlich das erste Mal, dass sie sich solidarisch zeigen mit einem Knastbruder." Doris Akrap, TAZ-Redakteurin und ehemalige Mitschülerin Deniz Yücels, unterstrich in ihrer Rede zu Beginn des Abends, wie wichtig es ist, Aufmerksamkeit für die Lage der inhaftierten Journalistinnen und Journalisten in der Türkei und anderswo zu schaffen. Später am Abend las sie den Text "Korso Komplett".

Moderator Thomas Gottschalk verlas eine Grußbotschaft von Deniz Yücel: "Dank Ihnen weiß ich, dass ich in diesem Loch nicht vergessen werde." Außerdem las er den Text "Liebe N-Wörter, ihr habt 'nen Knall".

Journalist Osman Okkan las "Warum ich in Istanbul bin" - ein Auszug aus "Taksim ist überall", Deniz Yücels Buch über die Gezi-Bewegung.

Journalistin Christine Westermann las "Schunkeln, singen, Fahnen schwingen", Deniz' Text zum "Sommermärchen" WM 2006.

Investigativ-Journalist Günter Wallraff las "Zu viele falsche Freunde. Je suis Charly".

Schauspielerin und Autorin Else Buschheuer schilderte Deniz' Selbsterfahrung auf einer PEGIDA-Demo: "Ick geh ooch Döner".

Olli Dittrich stellte sich als Unterhaltungskünstler vor und las "Deutschland schafft sich ab".

Einer der bewegendsten Momente des Abends war der Auftritt von Ilkay Yücel. Deniz' Schwester las seinen Text "Zwei Brüder", der vom Tode eines jungen Mannes erzählt, der während eines Protestes von Polizisten tödlich verletzt wurde. Kurz vor seinem Tod setze er seinen letzten Tweet ab: "Es gibt nichts Dümmeres, als für eine Idee, einen Wert oder Staat zu sterben."

Ehemalige Mitschüler aus Deniz' Abijahrgang lasen den Text "Ausländerschutzbeauftragte".

Moderator und Kabarettist Oliver Welke las "Damit wir die Wolken nicht berühren". Der Text wurde Ende Mai nach 100 Tagen Haft von Deniz geschrieben und in der Zeitung "Die Welt" veröffentlicht.

Schauspielerin Halima Ilter las den Text "Deniz Naki, Held der Türken". Dem deutsch-türkischen Fußballprofi drohte in der Türkei Haft wegen angeblicher Propaganda für die PKK.

Stand-Up-Comedian Oliver Polak las "Du darfst das nicht!" - "Wenn er den nicht geschrieben hätte, hätte ich ihn geschrieben. Er spricht mir wirklich aus der Seele."

Schauspieler und Kabarettist Fatih Cevikkollu las "Bayram Junior".

Wir wollen das Meer sehen - Deniz'i görmek istiyoruz

So wie Westermann äußern sich viele der vorlesenden Gäste: Sie wollen unterstreichen, dass Presse- und Meinungsfreiheit nicht verhandelbar sind. Wenn auch niemand davon ausgeht, dass eine Veranstaltung wie Free Deniz - Wir wollen das Meer sehen konkret an den Bedingungen der inhaftierten Journalistinnen und Journalisten etwas ändert, so ist allen doch wichtig, mit medienwirksamen Auftritten wie diesem das Thema präsent zu halten - und öffentlich zu demonstrieren, dass die Inhaftierten nicht vergessen sind.

Die Standing Ovations am Ende der Veranstaltung zeigen: Zumindest an diesem Abend ist die Botschaft angekommen.

Stand: 06.07.2017, 23:25