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Begegnung bei einer Zugfahrt

Ein leerer Sitz in einem Zug.

Die Woche des Adonis

Begegnung bei einer Zugfahrt

Adonis Alkhaled kam aus Syrien nach Deutschland und arbeitet seit einigen Monaten in der Cosmo-Redaktion. In "Die Woche des Adonis" berichtet er regelmäßig, was er in Deutschland so alles erlebt. Zuletzt ist ihm eine Zugfahrt besonders in Erinnerung geblieben, wie er im Gespräch mit Redakteur Lars Schweinhage erzählt.

Lars: Du warst letzte Woche im Zug unterwegs. Und was ist da passiert?

Adonis: Neben mir hat eine Frau mit ihrer Tochter gesessen. Die Kleine war etwa sechs Jahre alt. Und sie sah etwas entstellt aus. Sie hatte nämlich eine Hautkrankheit. Ihre Haut war an vielen Stellen im Gesicht und am Körper sehr dunkelrot und blau. Das sah ungewöhnlich aus.

Lars: Und wie war das Mädchen drauf?

Adonis: Die Kleine war sehr lebendig. Sie hat Musik gehört und ist hin und wieder aufgestanden und hat süß im Zuggang getanzt. Und dann hat sie mich lange angeschaut.

Lars: Wie hast Du auf das Mädchen reagiert?

Adonis: Ich war irgendwie verwirrt. Natürlich habe ich zurück gelächelt und mit dem Kopf gewackelt. Aber ich muss zugeben, dass ich mich gefragt habe, wie ich mich ihr gegenüber verhalten soll, damit ich mich nicht zu sehr auf ihre Haut fokussiere. Deshalb war es gar nicht so leicht für mich, mit der Kleinen normal Kontakt aufzunehmen – so wie mit jedem anderen Kind. Ich bin ehrlich, ich war etwas gehemmt.

Lars: Und was hast Du gedacht?

Adonis: Ich war positiv überrascht, wie sich die Kleine verhalten hat. So selbstsicher und mit einer so starken Persönlichkeit – und dass trotz dieser ungewöhnlichen Haut. Ich glaube, dass sie von ihren Eltern sehr gestärkt wird. Und vielleicht auch von anderen Menschen in ihrem Umfeld.

Lars: Aber warum hat dich ihr selbstsicheres Verhalten so überrascht?

Adonis: Ich habe mit Kindern in Syrien andere Erfahrungen gemacht, die äußerlich so entstellt waren wie das Mädchen oder auch behindert. Diese Kinder waren immer sehr schüchtern. Der Grund dafür ist, dass viele Menschen um sie herum nicht besonders nett mit ihnen umgegangen sind. Und ihre Eltern haben ihnen auch nicht das nötige Selbstbewusstsein vermittelt.

Lars: Du hast erzählt, dass das Mädchen mit der Hautkrankheit sehr lebensfroh und selbstbewusst war und dich das positiv überrascht hat, weil Du Kinder mit ähnlichen Hautproblemen oder sogar mit Behinderungen in Syrien eher schüchtern wahrgenommen hast. Gib mal ein Beispiel.

Adonis: Also ich hatte einen Schulkameraden in meiner Klasse, als ich in Damaskus zur Schule gegangen bin. Er hatte eine ähnliche Hautkrankheit wie das Mädchen im Zug. Die meisten Schüler haben ihn andauernd gehänselt und beleidigt. Und sie haben ihn Alien genannt.

Lars: Super fies.

Adonis: Ja, irgendwann hat er die Beleidigungen nicht mehr ausgehalten und hat die Schule verlassen. Ich habe mich sehr schlecht und schuldig gefühlt, weil ich nichts machen konnte, um ihn zu verteidigen.

Lars: Aber hat denn kein Lehrer eingegriffen oder jemand aus der Schulbehörde, um ihn zu schützen?

Adonis: Leider nein. Keiner hat sich um ihn gekümmert. Die Eltern nicht, die Lehrer oder sonst wer.

Lars: Ist das nur ein Beispiel dafür, wie gemein Kinder sein können und wie ignorant Erwachsene. Oder ist das, was Deinem Schulkamerad passiert, symptomatisch dafür, was Menschen, die krankheitsbedingt anders aussehen oder eine Behinderung haben, in Syrien erleben?

Adonis: In Syrien ist nichts einfach für Menschen mit Behinderung. Leider schützt sie kein Gesetz vor Mobbing oder Diskriminierung. Sie können auch nicht selbstständig leben. Wenn Du eine Person mit Behinderung in der Straße siehst, zum Beispiel einen Rollstuhlfahrer, dann müssen immer Familienmitglieder bei ihm sein, um ihm zu helfen. Zum Beispiel um ihn die Bürgersteigkanten hochzuschieben oder in die Busse zu heben und so.

Lars: Hat sich darüber nie einer beschwert?

Adonis: Nein. Das ist kein Thema in der Öffentlichkeit. Ich kenne nur ein Zentrum für Kinder mit Autismus in Damaskus. Und es gab einmal einen Sportwettkampf, über den das syrische Fernsehen berichtet hatte. Das war vor acht Jahren. Dieser Wettkampf hieß "Special Needs Olympics". Es war ein sportlicher Wettkampf für Menschen mit Behinderung. Aber das Ganze hatte eher den Beigeschmack von einer Mitleids-Veranstaltung. Die Behinderten wurden dargestellt wie Menschen, die man bemitleiden muss. Ich fand das verletzend für die Sportler mit Behinderung.

Lars: Hast Du das Gefühl, dass Menschen mit Behinderung in Deutschland besser dran sind?

Adonis: Ja. Ich finde, dass Menschen mit Behinderung in Deutschland viel mehr Chancen im Alltag haben. Zum Beispiel im Verkehr sind Busse und Ampeln behindertenfreundlich.

Lars: Aber das ist ausbaufähig, auch in vielen Gebäuden.

Adonis: Das kann sein, aber das ist immer noch besser als in Syrien. Ich habe zum Beispiel auch einen Sachbearbeiter im Einwohnermeldeamt gehabt, der im Rollstuhl saß. Er hat sich um meine Papiere gekümmert. Ich fand es toll zu sehen, wie so ein Mensch in Deutschland einen Job machen kann, und das selbstständig.

Lars: Das macht unter anderem ein Anti-Diskriminierungs- Gesetz möglich. Aber es gibt auch hier viele Probleme für Menschen mit Behinderung. Theorie und Praxis klaffen da oft auseinander.

Adonis: Trotzdem. Ich habe das Gefühl, dass Menschen mit Behinderung in Deutschland viel eher ein normales Leben führen können als in Syrien. Ich habe zum Beispiel zwei Theater-Stücke gesehen, in denen die Schauspieler eine Behinderung hatten. Sie hatten das Down-Syndrom, und einer von ihnen saß im Rollstuhl. Ich fand es super, wie sie sich auf der Bühne ausdrücken und über eine Stunde lang intensiv Theater spielen. Das war toll.

Lars: Ja, das klingt beeindruckend. Danke Adonis.

Adonis: Danke Lars

Stand: 18.06.2017, 15:11