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Die Stadt an der Newa

Die Erlöserkirche in Sankt Petersburg

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Die Stadt an der Newa

Von Katharina Heinrich

Im Sommer ist Sankt Petersburg ein besonderes Erlebnis. Dann feiern die Stadtbewohner die so genannten Weißen Nächte - die Zeit, in der die Sonne kaum untergeht. Wir waren mit Sankt Petersburgern auf Tour, unter anderem mit dem Türsteher des ältesten Clubs der Stadt.

Als Peter der Große 1703 die Sümpfe an der Mündung der Newa am Finnischen Meerbusen trockenlegen ließ, hatte der russische Zar eines im Sinn - einen Zugang zur Ostsee. So entstand St. Petersburg, eine Stadt mit vielen barocken Gebäuden. Sankt Petersburg, oder Piter, wie die Stadt die Petersburger nennen, besteht aus 42 Inseln, einer Vielzahl von Kanälen und Brücken.   
 
Die Weißen Nächte

Wer Sankt Petersburg von seiner ganz besonderen Seite erleben will, der fährt zweimal hin: einmal im Winter, wenn alle Kanäle zugefroren sind und meterlange Eiszapfen von den Dächern herunterhängen. Und einmal im Sommer, wenn die Weißen Nächte den Lebenstakt in der Stadt vorgeben. In dieser Zeit geht Sonne nur für wenige Stunden unter und die Nächte sind so kurz, dass sich das Schlafengehen gar nicht lohnt. Man hat den Eindruck, dann holen die Petersburger all das nach, worauf sie sonst verzichten müssen: Bootsfahrten auf den Kanälen, spontane Partys auf den Straßen und am Newa-Strand, Open-Air-Konzerte in Parks und auf den Plätzen.

Die Partymeile schlechthin in Petersburg ist die Ulica Dumskaja. Unweit des Newskij Prospekt, also mitten in der Stadt, beherbergt sie kleine Underground-Clubs, Striptease- und Karaoke-Bars: Datscha zum Beispiel, einer der ältesten Clubs der Straße. Oder der Karaoke-Club Poisson, in dem man nur englischsprachige Rockmusik hören und mitsingen kann. Weil die Türsteher in der Dumskaja eine ziemlich strenge Einlasskontrolle machen, bleiben viele junge Russen draußen. Sie feiern auf der Straße, trinken jede Menge und schlagen dann auch mal über die Stränge. Da muss man als Tourist schon ein bisschen aufpassen, um nicht in eine Schlägerei zu geraten. Wer aber durchhält, der erlebt Leute auf der Straße, die um neun Uhr morgens genauso feiern wie am Abend davor.

Petersburger Clubkultur

Wer Sankt Petersburg besonders erleben will, der geht auf Tour mit Alexej Orlov. Der blinde Kulturwissenschaftler bietet Führungen für Nicht-Blinde an. Während man selbst mit Augenbinde und einem Blindenstock ausgestattet wird, orientiert sich Alexej in seiner Stadt mit Hilfe von Echo-Ortung, so wie es sonst Fledermäuse oder Delfine tun. Dabei schnalzt er mit der Zunge und kann anhand des akustischen Signals seine Umgebung genau bestimmen. Alexejs Stadtführung endet in einem Café, in dem man mit der Augenbinde das Bestellen und das Bezahlen ohne Sehkraft üben kann. Die Steigerung des Schwierigkeitsgrades ist dann das Kuchenessen mit der Kuchengabel.

Empfehlenswert sind auch Führungen mit Sergej Nakonecnyj, dem Türsteher des ältesten Clubs in Sankt Petersburg. Wer mehr über russische Rocker wissen will, über ihre Clubs und die Innenhöfe, in denen sie sich früher trafen und heute noch zusammenkommen, der ist bei Sergej genau richtig. Gut aufgehoben sind bei ihm auch diejenigen, die sich für russische Avantgarde-Literatur und die Schriftsteller interessieren, die in der Sowjetunion verboten waren. Der belesene Türsteher lässt seinen Schlagstock im Club liegen und zeigt Ecken in der Stadt, die man als Tourist eigentlich niemals sehen würde.

Gitarren, Plattencover und Zeitungsausschnitte von den Beatles

Das Mini-Beatles-Museum - geöffnet jeden Freitag

Das Mini-Beatles-Museum

Dazu gehört ein Mini-Beatles-Museum, untergebracht in der fensterlosen Einzimmerwohnung von Kolja Vassin, dem bekanntesten Beatles- und Rock 'n Roll Fan Russlands. Sein Museum ist jeden Freitag für Interessierte offen. Mitzubringen sind: viel Zeit, viel Interesse und vielleicht das eine oder andere Andenken an die Liverpooler Pilzköpfe. Und sollte Kolja Vassin mal nicht zu Hause sein - was selten vorkommt - dann ist man nebenan in der Kneipe "Fischfabrik"  gut aufgehoben. Zu finden in Puschkinskaja 10, einem ehemaligen besetzten Haus, das inzwischen zu einem Kulturzentrum umgebaut wurde.

Das Öffnen der Brücken

Ein Muss für jeden Besucher in Sankt Petersburg ist das Öffnen der Brücken. Es ist ein faszinierender Anblick: Zur festgelegten Uhrzeit teilt sich die Brücke in der Mitte, beide Brückenteile fahren langsam hoch. Am Ende stehen sie fast horizontal gegenüber und dann schieben sich langsam, auf dem Weg in den Hafen, Ozeanriesen dazwischen. Jede Brücke wird zu einer bestimmten Zeit geöffnet. Die schönste und am buntesten beleuchtete ist die Schlossbrücke, die die Wassilewskij-Insel mit der Admiralitätsinsel verbindet. Am besten beobachtet man dieses Schauspiel entweder vom südlichen Ufer der Newa oder von einem der kleinen Ausflugsboote aus.

Cities - Sankt Petersburg

COSMO | 20.06.2017 | 08:13 Min.

Stand: 20.06.2017, 16:00