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Giganten kitzeln

Zwei Männer führen einen Mann mit Sack über dem Kopf ab

Sehenswertes aus Netz und TV

Giganten kitzeln

Von Emily Thomey

In "Tickling Giants" nimmt es der ägyptische Satiriker Bassem Youssef mit den Mächtigsten des Landes auf. | "Women in Sink" ist minimalistisch im Setting und umso tiefgründiger in der Beobachtung israelisch-arabischer Beziehungen | Sehenswertes aus Netz und TV.

Achtung Nebenwirkungen!

Die Dokumentation "Tickling Giants", zu sehen auf Netflix, fängt direkt mit einer Warnung an: Deine Stimme gegen repressive Regime zu äußern könnte zu heftigen Nebenwirkungen führen - zu Kopfschmerzen, schlechter Laune, aber auch zum Verlust von Freunden und sogar zum Tod. Abgesehen von Letzterem hat der ägyptische TV-Satiriker Bassem Youssef wirklich alles erlebt, und die Dokumentation "Tickling Giants" nimmt uns mit hinter die Kulissen des Aufstiegs von Bassems TV-Show zum Millionen-Hit.

Wir kommen dem TV-Star sehr nahe, und das ist auch die Kraft der Dokumentation: Stets an Bassem Youssefs Seite erleben wir die Zeit von kurz vor dem Sturz von Mubarak bis kurz nach der Ernennung des jetzt amtierenden Präsidenten Al-Sisi nochmal mit - aus Youssefs Sicht. Wie der gelernte Herz-Chirurg über ein Youtube-Video im Showgeschäft landet, sein Skalpell weglegt und mit bissigem Humor der Regierung und den Medien den Spiegel vorhält. Es ist beeindruckend, Youssef dabei zu begleiten, wie er und sein Team sich trotz des steigenden Drucks und auch Demos vor den Produktionsräumen nicht vom Kurs abbringen lassen. Seine Mission ist es, die Autorität des Landes zur Verantwortung zu ziehen - egal wer an der Macht ist und er hofft, dass die Menschen über ihre Unterschiede lachen können und sich damit nicht mehr hassen.

Nach drei Jahren stoppte Youssef im Sommer 2014 seine eigene Show. Es gibt mehrere Momente im Film, die seine Entscheidung sehr verständlich machen. Beispielsweise spricht er davon, wie viele Prominente durch ihren Ruhm narzisstischer werden - er selbst sei aber nur ängstlicher geworden. Wir sehen ihn auch sehr angespannt an seinen Skripten arbeiten und mit Sorge beobachten, wie seine Gegner sich verhalten. Aus Angst um seine Familie und seine eigene Sicherheit verläßt Youssef letztlich sogar seine Heimat. Aber er bleibt ein Botschafter für politische Satire, und viele seiner ehemaligen Teammitglieder arbeiten selbst an Satire-Formaten weiter. Die Dokumentation "Tickling Giants" ist lustig, tiefgründig und macht trotz allem Mut.

Frauen beim Friseur

Die Dokumentation "Women in Sink" von der israelischen Filmemacherin Iris Zaki wählt ein ganz minimalistisches Filmsetting. Zaki besucht einen Friseursalon im arabischen Viertel von Haifa und installiert ihre Kamera so über die Waschmuschel, dass sie mit den Stammkunden plaudern kann, während sie sie einshampooniert. Das Einshampoonieren gehe viel zu schnell, sagt Zaki, nachdem sie Nawal, einer der Besitzerinnen des Ladens den Kopf gewachsen hat: Sie wolle gar nicht aufhören mit Nawal zu sprechen. Und so geht es hier vermutlich mit den meisten ihrer Interview-Shampoo-Gäste, denn es ist wirklich alles an Geschichten dabei: arabisch, jüdisch, beides in einer Familie. Sogar eine Holocaust-Überlebende setzt sich vor die Waschmuschel.

Zaki gibt selbst an einer Stelle im Film zu, dass sie mit einer bestimmten Erwartung hergekommen ist, dass die arabische Bevölkerung unter der jüdischen Herrschaft leidet und die Vorurteile auf beiden Seiten dominieren. Tatsächlich sind die Frauen in ihren Meinungen aber sehr vielschichtig. Es gibt die einen, wie Dalia, die davon überzeugt sind, dass auch bestimmte Siedlungen völlig in Ordnung sind. Die arabische Bevölkerung solle froh sein, dass die Siedler die Wüste zum blühen gebracht hat. Fifi, die andere Besitzerin des Salons sagt, dass es keinen Rassismus gegen sie und ihre Landsleute gebe. Aber Lea, die schon seit über 30 Jahren Stammkundin ist, meint, dass es auf jeden Fall Boykotte von arabischen Läden gebe - aber obwohl ihre Familie selbst auch einen Terroranschlag erlitten hat, würde sie auf keinen Fall mitmachen. So einfach das Setting der Dokumentation ist, so liebevoll, tiefgründig und aufschlussreich ist sie: absolut sehenswert.

Stand: 18.04.2017, 12:00