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Heart- und Soundbreaking

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Heart- und Soundbreaking

Von Emily Thomey

Heute brechen wir mit "Die getäuschte Frau" eure Herzen | "Soundbreaking" von arte creative setzt die Musikgeschichte unter Strom | In L.A. drehen ein paar Videokassettensammler völlig durch.

Berlinale everywhere

Falls ihr nicht die Chance habt, selbst auf dem Festival zu sein, haben wir einen Berlinalefilm für euch, den ihr euch auch bequem von der Couch aus anschauen könnt. Der niederländische Film "Die getäuschte Frau" lief vor zwei Jahren auf der Berlinale und erzählt die Geschichte von Nina, die, so verrät uns schon der Titel, eine getäuschte Frau ist. Trotzdem möchte man die meiste Zeit des Films rufen, was auch ihr Lover Matthias ihr in seinem Lkw ins Gesicht wirft: "Was ist los mit dir? Scheiße. Du machst nicht auf, du machst nicht auf!" Einerseits können wir als Zuschauer gut verstehen, warum Matthias an Nina verzweifelt, andererseits sind wir so nah dran an ihrem Drama, dass wir fast nicht erkennen können, was überhaupt mit ihr los ist.

Das liegt vor allem an der umgekehrt erzählten Geschichte: Der Film ist zweigeteilt und fängt mit Teil zwei an - wirft uns also mitten ins Geschehen. Ein sehr spannender Effekt, weil wir genauso verwirrt umherirren wie Nina - sie sucht an trostlosen Truckerorten wie Autobahnraststätten nach Geborgenheit. Mit der Zeit lernen wir, dass sie einen Unfall überlebt hat, ihr Mann aber nicht: "Ich bin geschieden…mein Mann hat mich verlassen…er ist tot." So wie Nina hier erst Schritt für Schritt mit der Wahrheit herausrückt, dass ihr Mann Boris nicht mehr lebt, so hat sie nach seinem Tod herausfinden müssen, wie sehr er sie getäuscht hat. "Die getäuschte Frau" ist ein sehr intim erzähltes Roadmovie mit einer grandiosen Hauptdarstellerin und einer filmischen Ästhetik, der wir uns nicht entziehen können.

Eine Pyramide aus Kassetten

Diese Geschichte ist so verrückt, dass ich fast nicht glauben kann, dass sie nicht erstunken und erlogen ist: Es gibt in Los Angeles einen Videoladen, der nur einen einzigen Film in den Regalen stehen hat und den noch nicht mal verkauft oder verleiht, sondern schlicht: sammelt. Vice hat die Eröffnung der größten Videotape Kollektion von dem Film "Jerry Maguire" besucht. Tom Cruise spielt darin einen unsympathischen Sportmanager und Marketingtypen. Die DVD ist pink und mit Tom Cruise vorne drauf, vielleicht erinnert ihr euch. Das Videokollektiv "Everything Is Terrible" hat bereits 14.000 Stück davon gesammelt und das ist erst der Anfang, wie sie hier während der Eröffnung erzählen. Sie wollen also in der Wüste eine Pyramide bauen - bestehend einzig aus VHS-Tapes des Films. Und ja, das ist zwar aus einem Witz entstanden, aber tatsächlich kein Witz.

Sie haben sogar schon einen Designer gefunden, der die Pläne mit ihnen macht. Und da sie ständig mehr und mehr Videokassetten des Films zugeschickt bekommen - 80% der Kassetten sind von Fans des Projekts gespendet worden - steigt der Druck, tatsächlich so eine Pyramide zu bauen. Voll abgedreht und damit natürlich sehenswert.

Bzzzzzzz - alles unter Strom

Auch die sechsteiligen Dokuserie "Soundbreaking" von arte Creative ist verrückt, weil sie darum dreht, was die Elektronik in der Musik verändert hat. Das war natürlich bahnbrechend und zur jeweiligen Zeit völlig verrückt. In der ersten Folge geht es beispielsweise um die E-Gitarre, um Verstärker und Synthesizer, die im 20. Jahrhundert für eine Musikrevolution nach der anderen gesorgt haben: Wie Jimi Hendrix, der immer noch das unangefochtene E-Gitarren-Genie ist oder Kraftwerk, die mit ihrem synthetischen Sounds die Welt erobert haben. Und auch Stevie Wonder, wie der Autor Todd Boyd erzählt: "Elektronik ist immer noch umstritten. Manche glauben, damit verändere sich die Natur des Sounds und sie haben etwas gegen die Elektronik. Stevie aber griff sie nicht nur bereitwillig auf, sondern war wegweisend." Das Besondere an Stevie Wonder war, dass er die neuen Sounds auf eine Ebene gebracht hat, die für Funk-, Soul-, Rock- und viele andere Musikliebhaber verständlich war.

Jeden Freitag werden zwei der sechs Folgen von "Soundbreaking - In den Schmieden des Pop" online gestellt, zwei können wir also schon sehen. Und die Serie lohnt sich echt, weil sie unterhaltsam aufschlüsselt, was in den letzten 100 Jahren Musikgeschichte alles passiert ist, wer und welche Geräte daran beteiligt waren, und wir sehen sämtliche Helden in ihren Laboren bei der Arbeit.

Stand: 14.02.2017, 17:00