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Alles nur Fassade?

Screenshot: Black Mirror

Sehenswertes aus Netz und TV

Alles nur Fassade?

Von Emily Thomey

Wer "Black Mirror" noch nicht gesehen hat, kann sich freuen: Eine umwerfende Serie! | In "The Way We Dress" wird klar: Klamotten sind mehr als Style | Die Doku "The Power To Change" unterhält so gut wie ein Spielfilm | Flimmern - Sehenswertes aus Netz und TV.

Dunkle Zukunftsvisionen

Es gibt so Tage, da erreicht man bestimmte Leute einfach nicht: Handy aus, keine Reaktion auf Nachrichten über die Sozialen Netzwerke - aber man weiß irgendwie, der andere ist doch da?! Dann könnte es sein, dass eine neue Staffel einer Lieblingsserie online ist. Serienjunkies da draußen, ihr kennt das Phänomen. "Black Mirror" ist genauso eine Serie. Ich bin fast ein bisschen neidisch auf jeden, der die Serie noch nicht gesehen hat, weil sie zu den Top 5 gehört, die ich je gesehen habe.

Die britische Serie, deren erste beiden Staffeln auch schon Preise abgeräumt haben, ist jetzt mit sechs neuen Folgen online, aber es ist egal, wo du anfängst zu schauen. Die Folgen sind in sich geschlossene Geschichten und alles ist immer anders: Story, Charakter und Schauspieler. Einziger roter Faden ist eine Mischung aus Zukunftsvision - meist aufbauend auf technischen Neuerungen oder Weiterdrehs uns bekannter digitaler Phänomene.

13 Folgen sind jetzt online, aber nehmen wir als Beispiel die erste Geschichte der dritten und aktuellen Staffel: Da geht es um Lacy, deren Leben soweit ganz gut läuft. Sie hat eine Popularität von knapp über vier Sternen, fünf sind das Maximum und alles wird hier bewertet. Jede Begegnung, egal ob du dir einen Kaffee kaufst, oder deine Kollegin im Fahrstuhl siehst, jeder bewertet sich gegenseitig, die ganze Zeit und natürlich wird alles analysiert. Ein Berater sagt Lacy: "Also, in Bezug auf Qualität könnten Sie ein bisschen Hilfe gebrauchen. Idealerweise heißt das gute Bewertungen von besseren Menschen. Ja, hohe Vierer. Wenn Sie hochangesehene Leute beeindrucken, steigt Ihre Kurve und das ist dann Ihr Boost."

Also läuft Lacy los und versucht, die Gunst der Leute für sich zu gewinnen - letztlich mit dem Ziel, für ein neues Apartment einen Rabatt zu bekommen. Es läuft natürlich nicht so wie erwartet und das macht den Reiz von "Black Mirror" aus. Die Geschichten sind sehr gut erzählt, die Schauspieler hervorragend und die Stories gehen richtig unter die Haut.

Eine Rüstung

Die Londoner Regisseurin Leonn Ward dokumentiert in "The Way We Dress" diverse Frauen und ihre Haltung zu der Kleidung, die sie tragen. Das klingt erstmal banal, aber tatsächlich hat die Kleidung, die wir tragen, einen enormen Einfluss darauf, wie wir uns selbst fühlen, wie andere uns sehen und wie sie sich uns gegenüber verhalten. So sagt Natalie: "It is almost like deciding what character do I want to be that day. Do I want to be powerful? Do I want to be strong? Do I want to be approchable? All those moods can be reflected in the way I dress. To me it's the armour that you put on when you go out to face the rest of the world."

Natalie entscheidet quasi jeden Morgen, welcher Charakter sie an dem Tag sein möchte. Möchte sie machtvoll wirken, stark oder zugänglich? Letztlich ist das, was sie trägt, wie eine Rüstung, um der Welt zu begegnen. Sehr schön gemacht, diese tiefgründige und kurzweilige Minidoku.

Energierevolution

Es gibt Filme, da wünscht man sich im Nachhinein, man hätte sie noch nicht gesehen, damit man sie nochmal sehen kann - weil sie so viel Spaß gemacht haben, weil sie eine gute Geschichte erzählen, weil sie nur beim ersten Mal so sehr berühren können. Das habe ich schon bei vielen Spielfilmen gedacht, aber ehrlich gesagt noch nicht bei so vielen Dokumentationen. "The Power To Change" hat diesen Effekt und handelt von der Energiewende, die ja auch eher ein trockenes Thema ist.

Aber Carl Fechner ist es gelungen, einen Film mit Gänsehaut-Feeling zu machen. Die Geschichte reicht von den neusten Möglichkeiten, Energie zu produzieren und zu speichern, zu Kriegen um Ressourcen, die jetzt schon stattfinden - ob um Öl im Nahen Osten oder um Gas in der Ukraine - bis hin zur Lobbyarbeit, die in Deutschland erheblichen Einfluss auf Politik und Medien haben. So sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin Professor Claudia Kemfert: "Im letzten Jahr sind 40.000 Beschäftigte in der Solarindustrie weggefallen, aber bei der Solarindustrie wird überhaupt nichts gesagt. Es gibt noch nicht mal ein öffentlichen Aufschrei und das hat viel mit Lobby-Einfluss zu tun." Das ist aber nur ein kleiner Baustein eines Gesamtpakets, welches in der Doku "The Power to Change" geschnürt wird.

Fechner hat sehr starke Interviewpartner gefunden, die sachlich und auch emotional engagiert mit dem Thema verbunden sind. Alle glauben an eine Energierevolution, und Fechner begleitet sie dabei, wie sie andere überzeugen, oder, wie der deutsch-iranische  Unternehmer Amir Roughani selbst überzeugt werden. Roughani ist am Anfang der Doku noch ein Skeptiker, der zum Ende ein Solarkraftwerk in Tautenheim mit aufbaut: "Ich weiß, dass von diesem Standort aus russische Raketen an den Irak verkauft wurden zu der Zeit, als der Iran-Irak-Krieg war. 25 Jahre später stehe ich hier. Ich habe es geschafft, mit meiner Mannschaft Ruhe in diesen Standort reinzubekommen, der zum Schluss eine Ruine und für alle hier in der Gegend eine Belastung war. Und nicht nur das, auch Strom für 10.000 Menschen zu produzieren."

10.000 hört sich jetzt vielleicht nach wenig an, aber genau das macht "The Power to Change" klar: Es geht nicht nur um große Lösungen - die Energierevolution, das sind alle Projekte und Menschen, die jetzt anfangen, anders zu produzieren, sich zu engagieren und selbst Strom zu sparen.

Stand: 14.11.2016, 16:00