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Luchs Mai 2017: Jens Raschke "Schlafen Fische?"

Buchcover "Schlafen Fische?"

Kinder- und Jugendbuchpreis Luchs

Luchs Mai 2017: Jens Raschke "Schlafen Fische?"

Der Luchs-Buchpreis des Monats Mai geht an Jens Raschke für sein Buch "Schlafen Fische?". Das Kinderbuch erzählt die Geschichte der zehnjährigen Jette, deren kleiner Bruder Emil gestorben ist. Unsere Buchexpertin Esther Willbrandt hat das Buch gelesen.

Luchs Mai 2017: Jens Raschke "Schlafen Fische?"

COSMO | 07.05.2017 | 03:44 Min.

Cosmo: Ein Kinderbuch über den Tod - wie gut gelingt es Jens Raschke, da den richtigen Ton zu finden?

Esther Willbrandt: Es gelingt ihm sehr gut, er vermeidet Fallstricke, indem er sehr genau arbeitet – kein Wort zu viel, keins zu wenig. Er steuert sofort gegen, sobald die Geschichte ins Rührselige kippen könnte. Zum Beispiel bei Emils Beerdigung: Jette bittet alle Gäste, irgendwas Nettes auf den Sarg zu schreiben oder zu malen. Erst traut sich keiner, aber dann wird der Sarg immer bunter und schöner. Viele Autoren hätten daraus eine versöhnliche Szene gemacht, einen positiven Moment, nach dem Motto: Es ist schlimm, aber alles wird gut. Aber nicht Raschke: Sobald der Sarg aus der Tür getragen wird, wäscht der Regen sofort alle Farbe ab und alles ist wieder so grau und traurig wie zuvor. Jette kann das kaum ertragen. Aber wenn es zu hart und trostlos wird, gibt der Autor auch wieder etwas Humor dazu, so dass am Ende alles wieder ganz genau ausbalanciert ist.

Cosmo: Woher nimmt der Autor in dieser Situation den Humor?

Esther Willbrandt: Vor allem ist da Jettes Onkel Jonas, der hat so einen knurrigen, trockenen Sarkasmus, der glaube ich vor allem für ältere Leser funktioniert. Und dann steckt auch viel Humor in den Zeichnungen von Jens Rassmus, er illustriert zum Beispiel Jettes Aufzählung sinnloser Todesarten mit lauter treffenden kleinen Kacheln.

„Es gibt Menschen, die verdursten, und es gibt Menschen, die ertrinken. In Japan, habe ich gehört, sterben jedes Jahr ungefähr zehn Menschen, weil sie mit den Köpfen zusammenknallen, wenn sie sich verbeugen, um Guten Tag zu sagen. Ganz ganz wenige Menschen sind schon im Bauch eines Walfischs gestorben, dafür viel mehr auf ihrem Dachboden oder im Keller. Manche Menschen bluten, wenn sie sterben, weil andere Menschen Löcher in sie geschossen haben.“

Die Aufzählung ist noch viel länger, und zu jedem Beispiel gibt es ein passendes kleines Bildchen im Comicstil.

Cosmo: Welche Rolle spielen die Fische im Buch?

Esther Willbrandt: Stimmt, die Fische. Also: Jette hat viele Fragen. Zum Beispiel, ob Fische eigentlich auch schlafen. Ihr Vater brummelt sich da nur irgendwas in den Bart, also ihr ist gleich klar: Der hat auch keine Ahnung, genauso wenig wie er weiß, ob Blindschleichen Schnupfen kriegen oder wieso Onkel Jonas Haare in den Ohren wachsen aber nicht auf dem Kopf. Natürlich hat Jette auch viele Fragen über den Tod, warum sterben Menschen überhaupt, warum sterben manche Menschen schon wenn sie noch ganz klein sind, und was passiert, wenn man tot ist? Die Antworten darauf weiß keiner so genau. Der Vater erzählt Jette, dass man in ein Loch im Boden kommt und von Würmern gefressen wird. Das findet sie natürlich gar nicht witzig. Die Lehrerin sagt, man kommt in den Himmel. Als Emil seine Schwester Jette fragt: "Wie ist das wenn ich sterbe?", da kann sie ihm auch nur sagen: "Vielleicht ist das so, als ob du schläfst." Später hat sie dann ein schlechtes Gewissen, weil sie ihm nicht die Wahrheit sagen konnte. Aber das ist normal, über den Tod zu sprechen ist eben sehr schwer. So, und die Fische: Die schlafen übrigens wirklich, findet Jette raus.

Cosmo: Du hast am Anfang gesagt, die Geschichte wird aus der Sicht der Hauptfigur erzählt, der kleinen Jette. Welche Rolle spielen die Erwachsenen?

Esther Willbrandt: Jettes Bruder stirbt, das ist traurig und schlimm – aber schlimm ist auch, wie Jette alleine mit der Situation und ihrer Trauer fertig werden muss, weil die Eltern völlig überfordert sind. Als Emil schwer krank war, hat sich Jette von der Mutter kaum wahrgenommen gefühlt – und jetzt sind ihre Eltern so mit ihrer eigenen Trauer beschäftigt, dass sie nicht die Kraft haben, auch noch Jette zu trösten. Jette bleibt also mit ihren Gedanken und Gefühlen allein, sie schwankt ständig zwischen Trauer und Wut und sogar Schuldgefühlen, weil sie sich manchmal heimlich gewünscht hat, ihr Bruder wäre nicht mehr da. Erst die Lehrerin macht die Eltern drauf aufmerksam, dass es Jette wirklich schlecht geht, und ab da wird es besser. Der Autor stellt und beantwortet hier viele wichtige Fragen, die Kinder zum Thema Tod haben können. Er macht auch deutlich, dass es nie nur eine richtige Antwort gibt, sondern jeder seinen Weg finden muss, damit klarzukommen, und dass man dabei immer auch Fehler machen wird und machen darf.

Buch-Info:

  • Titel: Schlafen Fische?
  • Autor: Jens Raschke
  • Verlag: Mixtvision
  • Altersempfehlung: ab 8 Jahren
  • Preis: 17,90 Euro

Stand: 07.05.2017, 10:05